Kavallo Abo

Ein spektakulärer Trab sorgt im Viereck für Applaus – doch was macht die Qualität eines Ganges wirklich aus? Eine neue Studie unter Schweizer Leitung hat Warmblüter, Lusitanos und Freiberger unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse zeigen: Schönheit lässt sich messen, und jede Rasse hat ihr eigenes Erfolgsrezept.

Wer kennt das nicht? Man steht am Viereckrand und diskutiert: Hat dieses Pferd nun viel Schwung oder schaufelt es nur mit den Vorderbeinen? In der Reitlehre nutzen wir Begriffe wie Raumgriff, Kadenz oder Elastizität. Doch das menschliche Auge ist subjektiv. Um Licht ins Dunkel der Biomechanik zu bringen, hat ein Team um die Schweizer Forscherin Annik Gmel (unter anderem bekannt durch ihre Arbeit für Agroscope) eine spannende Untersuchung veröffentlicht.

Die zentrale Frage: Ist eine gute Bewegung eher ein Onwards = Vorwärts (nach vorne, raumgreifend) oder ein Upwards = Aufwärts (nach oben, kadenziert)?

Drei Rassen, drei Welten

Für die Studie wurden drei Pferderassen untersucht, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und die wir in der Schweiz besonders schätzen:

  1. Das Warmblut: Der moderne Sportler, gezüchtet für maximale Leistung.
  2. Der Lusitano: Der barocke Spezialist für Versammlung und hochelegante Beinarbeit.
  3. Der Freiberger: Unser Schweizer Nationalstolz – bekannt für seine Korrektheit, Ausdauer und sein ehrliches Gehen.

Mittels hochpräziser Sensoren (IMUs) an den Beinen und am Rumpf wurde jeder Schritt und jeder Tritt im wahrsten Sinne des Wortes „auseinandergenommen“.

Die Ergebnisse: Wo die Energie hinfliesst

Die Studie macht deutlich, dass Gangqualität kein Einheitsbrei ist. Die Sensoren lieferten klare Profile:

  • Warmblüter – Die Raumfresser: Sie dominieren das Vorwärts. Ihre Stärke liegt in der enormen Schrittlänge und der Fähigkeit, im Trab viel Boden gutzumachen. Die Vorführphase der Gliedmassen ist hier am ausgeprägtesten.
  • Lusitanos – Die Vertikal-Künstler: Hier regiert das Aufwärts. Die Studie bestätigte die deutlich höhere Knieaktion und eine kürzere, aber dafür „höhere“ Flugbahn der Hufe. Das prädestiniert sie für Lektionen wie die Piaffe, wo es mehr um das Anheben als um das Vorwärts geht.
  • Freiberger – Die Effizienz-Meister: Besonders spannend für uns: Unsere „Franches-Montagnes“ müssen sich nicht verstecken! Zwar liegen sie bei den Extremwerten (maximaler Raumgriff oder maximale Höhe) oft in der goldenen Mitte, punkteten aber durch eine bemerkenswerte Regelmässigkeit und ein funktionales Bewegungsmuster, das auf ökonomische Kraftübertragung ausgelegt ist.

Was bedeutet das für uns im Sattel?

Die Forschung zeigt uns, dass wir Pferde nicht über einen Kamm scheren dürfen. Ein Freiberger wird biomechanisch selten die Knieaktion eines Lusitanos entwickeln, und ein Lusitano wird im starken Trab kaum die Meter fressen wie ein grossrahmiges Warmblut.

Objektivität statt Richter-Bauchgefühl? Ein wichtiges Ziel solcher Studien ist es, die Beurteilung auf Turnieren oder Zuchtschauen objektiver zu machen. Wenn wir messen können, wie lange die Schwebephase tatsächlich ist oder wie effizient das Hinterbein den Körper nach vorne schiebt, hilft das nicht nur der Fairness, sondern auch der Gesundheit der Pferde. Denn: Ein erzwungenes „Aufwärts“ bei einem Pferd, das anatomisch auf „Vorwärts“ programmiert ist, führt unweigerlich zu Verschleiss.

Wie sieht es bei Ihrem Pferd aus? Ist es eher der Typ „Bodensteward“ oder „Himmelsstürmer“? Diskutieren Sie mit uns auf unserer Facebook-Seite oder schreiben Sie uns ein Mail an die Redaktion!


Quelle: Gmel, A. I., et al. (2025). Upwards or onwards? Assessment of objective gait quality parameters in three European horse breeds at walk and trot. Journal of Equine Veterinary Science. Upwards or onwards? Assessment of objective gait quality parameters in three European horse breeds at walk and trot – ScienceDirect


NEWSLETTER
Jeden Donnerstagabend erhalten Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten
ausgewählte Artikel sowie die nächsten Veranstaltungen bequem per E-Mail geliefert.

Vorgeschlagene Beiträge

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

×