Die Herausforderungen in der modernen Pferdehaltung wachsen – ebenso wie die Erwartungen an Tierwohl, Fachkompetenz und wirtschaftliche Tragbarkeit. Genau hier setzte die 24. Fachtagung «Gesunde Haltung – Gesunde Pferde» in Hannover an. Unter dem Leitthema «Prävention mit Strategie» beleuchteten Expertinnen und Experten, wie sich Pferde heute und künftig gesund erhalten lassen – fachlich fundiert, ökonomisch machbar und mit Blick auf neue Technologien. Im Zentrum stand dabei eine Frage, die sich wie ein roter Faden durch alle Vorträge zog: Wie gelingt es, dass Pferdehalter, Betriebe, Tierärztinnen und weitere Fachbereiche noch enger und wirkungsvoller zusammenarbeiten?

Diskussionsrunde: Theresa Sutterlüty, Dr. Frank Schellenberger, Elena Karthäuser, Dr. Christa Finkler- Schade, Grit Bunnefeld (Bild von Schade und Partner)
Tierarztkosten, Verantwortung und der Stellenwert der Vorsorge
Den Auftakt machte Elena Karthäuser (Equovis GmbH), die anhand ihrer Masterarbeit aufzeigte, wie stark die Kosten für tierärztliche Leistungen seit der neuen Gebührenordnung gestiegen sind. Für viele Halterinnen und Halter bedeutet das eine finanzielle Gratwanderung – und für Betriebe eine wachsende betriebswirtschaftliche Belastung.
Karthäusers Fazit war deutlich: Prävention muss zur Priorität werden. Frühzeitiges Erkennen und Verhindern von Problemen sei nicht nur pferdegerechter, sondern in Zukunft auch wirtschaftlich unverzichtbar.
Fütterung im Fokus: Ein stabiles Mikrobiom als Gesundheitsgarant
Mit grosser fachlicher Tiefe zeigte Dr. Christa Finkler-Schade, wie eng Ernährung und Gesundheit verbunden sind. Die Fütterung beeinflusst das Mikrobiom – und damit Immunsystem, Haut, Atemwege und die gesamte Stoffwechselstabilität.
Einige Kernbotschaften ihres Vortrags:
- Gezielte Fütterung ist Prävention, nicht bloss Versorgung.
- Ein stabiles Mikrobiom stärkt das Pferd gegen Erkrankungen.
- Betriebe und Halter benötigen fundiertes Ernährungswissen, um im Futtermittel-Dschungel sichere Entscheidungen zu treffen.
Damit rückte ein Bereich ins Zentrum, der häufig unterschätzt wird – obwohl Fütterung zu den am meisten beeinflussbaren Gesundheitsfaktoren gehört.
Weniger raspeln, mehr hinschauen: Zahnbehandlung mit Augenmass
Viel Diskussionsstoff lieferte der Beitrag von Dr. Frank Schellenberger, einem ausgewiesenen Spezialisten für Pferdezahnmedizin.
Er erinnerte daran, dass die Backenzähne eine präzise biomechanische Funktion erfüllen. Wird zu häufig oder zu stark korrigiert, kann dies den natürlichen Kauvorgang stören. Sein Appell:
«Weniger kann mehr sein.»
Nicht jeder Eingriff sei sinnvoll – und ein Tierarzt, der weniger raspelt als erwartet, handle möglicherweise genau richtig. Besonders betonte er die Notwendigkeit, Zahnbehandlungen als individuelle Massnahme zu betrachten – und nicht als standardisiertes Ritual.
Künstliche Intelligenz als Chance für Diagnose und Prävention
Die Zukunft hielt schliesslich Grit Bunnefeld bereit, Leiterin der Pferdeklinik Dr. Fischer in Holstein. Mit «Sleip», einem KI-gestützten Bewegungsanalyse-Tool, zeigte sie, wohin die Reise geht:
- feine Unregelmässigkeiten im Gangbild werden sichtbar,
- Befunde werden objektiv messbar,
- Verlaufs- und Rehabilitationskontrollen werden präziser.
Bunnefeld betonte jedoch klar: KI ersetzt keine Tierärztin und keinen Tierarzt. Sie sei ein Werkzeug, das Kompetenzen ergänze – nicht ersetze.
Fazit: Prävention ist keine Option, sondern die Basis zukunftsfähiger Pferdehaltung
Die Fachtagung verdeutlichte: Gesunde Pferde brauchen ein Zusammenspiel aus fundiertem Wissen, moderner Diagnostik, verantwortungsvollem Management und interdisziplinärer Zusammenarbeit.
Pferdehaltung wird komplexer – aber auch chancenreicher. Wer Prävention in den Mittelpunkt stellt, gewinnt: gesundheitlich, wirtschaftlich und im Sinne des Tierwohls.
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