Gibt es einen Verband in der Pferdeszene, der sich nicht mit Ethik befasst oder sogar auch über eine Ethikkommission verfügt? Das Problem aber ist, dass keine Ethiker vertreten sind, wie an einer Fachtagung an der Wiener Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik zu hören war. Sportethik lässt sich eben nur mit Hilfe von Fachkräften aus der allgemeinen Ethik unabhängig beurteilen.

Text: Thomas Frei

Bild: Thomas Gremsl ©Veronika Hager

Die vom Niederösterreichischen Pferdesportverband organisierte Tagung befasste sich nebst der Ethik im Pferdesport auch mit der Kultur rund ums Pferd. Die Ethik freilich beanspruchte am meisten Platz mit den Referaten des Grazer Professors Thomas Gremsl und des Reitmeisters Richard Hinrichs. Die Ausführungen von Hinrichs waren eine klare Positionierung gegen tierschutzwidrige Praktiken. Ziel ist für Hinrichs, Psyche und Physis der Pferde in Einklang zu bringen und dabei auf deren individuellen Stärken und Schwächen einzugehen. Seine langjährige Erfahrung hat ihm aufgezeigt, dass Pferde nicht unbedingt freiwillig, wohl aber kooperativ mitmachen, wenn unser Umgang mit ihnen pferdegerecht abläuft. Kein Verständnis kann er aufbringen, wenn mit Schrittpferden wie dem Kaltblüter hohe Schule praktiziert wird. Für ihn die Voraussetzung, um die gesellschaftliche Akzeptanz des Pferdesports zu erhalten respektive zurückzugewinnen. Hinrichs nahm auch kein Blatt vor den Mund: «Viele Reiterinnen und Reiter können nicht einmal ihr Pferd führen geschweige denn Reiten.»

Bei den alles andere als schmeichelhaft ablaufenden Diskussionen über einen sich im Kreuzgalopp präsentierenden Pferdesport waren die Ausführungen von Professor Thomas Gremsl hoch aktuell. Um aber überhaupt auf die spezielle Ethik im Pferdesport eingehen zu können, ging der Dozent am Institut für Ethik und Gesellschaft auf die Grundlagen der Ethik ein. Damit es überhaupt zu einer Ethik komme, brauche es eine aus Sitten, Gewohnheiten und Bräuchen zusammensetzenden Moral. Ethik sei die Wissenschaft der Moral. Die Ethik allerdings gibt es nicht, weshalb man sich umso mehr nach deren Ansprüchen zu suchen hat.

Sportethik ist für Gremsl angewandte Ethik, eine Reflexion von Werten und Regeln. Im Pferdesport haben Ethikregeln die Voraussetzungen zu schaffen für einen artgerechten Umgang und die Vermeidung von Schmerz, Leid und Tod. Unter ethischen Grundsätzen betrachtet müssen Pferde die «auf vernünftigem Grund basierenden» sportlichen Aktivitäten mit uns als auf Partnerschaft bei gegenseitigem Lernen als Spiel empfinden. Eine positive Motivation hat dabei immer vor einer Bestrafung zu stehen, weil das Pferd in jedem Fall stark im Vordergrund zu stehen hat. Unabhängig von den gültigen Werten der allgemeinen Ethik lässt sich eine Pferdesport-Ethik nicht definieren, erst der Einbezug von ausgewiesenen Ethikern vermag Hippo-Ethikkommissionen die nötige Akzeptanz zu verleihen.

Dass an einem Wiener Anlass auch die kulturelle Seite des Pferdesports nicht zu kurz kam, sorgten Organisator Otto Kurt Knoll und Sonja Schreiner. Seit seinem Referat im Marstall Einsiedeln hat sich kulturelles Engagement nicht abgeschwächt: «Auf die Pferdewelt kommen unabschätzbare Herausforderungen zu. Der Kulturfaktor ist deshalb grundlegend. Das Pferd ist aus dem Stall heraus zu den Menschen zu bringen, damit der Sport ein Teil unserer Gesellschaft bleibt.»

Mit Einblicken in die hippologischen Erkenntnisse des Philosophen und Kavalleristen Xenophon im alten Griechenland vor 2000 Jahren, zeigte Schreiner auf: Pferde sind Pferde geblieben, verändert hat sich über all die Epochen hinweg unser Umgang mit ihnen. Gibt das nicht Hoffnung, dass die Partnerschaft von Mensch und Pferd auch kommenden Generationen nicht verloren geht? Das Pferd wird nicht zum erstenmal totgesagt, vielmehr behauptet es sich stets in neuer Position an unserer Seite.

Hier geht es zum vollständigen Bericht der Fachtagung: Österreich impulsgebend! Ethik und Kultur in der Pferdewelt – Institut für Ethik und Gesellschaftslehre


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