Pferde sind Meister darin, feinste Spannungen zu lesen – oft, bevor der Mensch sie selbst bemerkt. Eine neue systematische Übersichtsarbeit im Journal of Equine Veterinary Science hat 104 Studien dazu ausgewertet, wie sich Emotionen zwischen Mensch und Pferd gegenseitig anstecken – und mit welchen Methoden sich das messen lässt. Im Fokus stehen dabei nicht nur Puls, Herzfrequenzvariabilität (HRV) und Cortisol, sondern vor allem das, was Rösseler jeden Tag sehen: Körpersprache, Nähe-Distanz-Verhalten, Tempo und Muskeltonus. Die zentrale Botschaft für die Praxis: Wer an der eigenen inneren Balance arbeitet, beeinflusst das Verhalten seines Pferdes messbar mit.

Symbolbild Pixabay kristen17
Was Pferde wirklich wahrnehmen
Die meisten der ausgewerteten Studien schauen zuerst auf das Pferd: Rund drei Viertel erfassen Verhaltenssignale wie Körperhaltung, Ohrenstellung, Bewegungsmuster oder die Frage, ob das Pferd Kontakt sucht oder ausweicht. Viele dieser Reaktionen entstehen in Bruchteilen von Sekunden – bevor der Mensch bewusst beschlossen hat, jetzt nervös zu sein.
Noch selten, aber im Kommen, sind detaillierte Analysen von Mimik und feinen Gesichtsausdrücken, etwa über Video und KI. Gleichzeitig wird deutlich: Menschliche Signale wie Tonfall, Körperspannung oder Schrittfrequenz sind zwar oft beschrieben, werden aber selten systematisch mitgemessen – dabei zeigen einzelne Arbeiten klar, dass Pferde genau darauf reagieren.
Puls, HRV & Cortisol – was die Zahlen verraten
Auf der Messseite dominieren Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität, teils parallel bei Pferd und Mensch. HRV gilt als besonders spannender Parameter, weil sie anzeigt, wie gut ein Organismus zwischen Anspannung und Entspannung hin- und herwechseln kann – also wie regulierbar ein System ist. Cortisol im Speichel, Blut oder Kot ergänzt dieses Bild um längerfristige Stressreaktionen, wird aber deutlich seltener erhoben.
Besonders aufschlussreich sind Studien, die Verhalten und Physiologie kombinieren: Wenn etwa steigende Herzfrequenz beim Menschen mit erhöhter Muskelspannung und Fluchtbereitschaft beim Pferd einhergeht, wird emotionale Ansteckung als Prozess sichtbar – und nicht nur als Momentaufnahme auf einem Display.
Was heisst das konkret im Stall?
Für den Alltag lassen sich aus der Review mehrere praxisnahe Leitlinien ableiten:
- Eigene Regulation zuerst: Wer vor dem Verladen, dem ersten Ausritt oder dem Turnierstart bewusst ausatmet, Schultern senkt und das Tempo im eigenen Körper reduziert, schafft bessere Startbedingungen für das Pferd. Studien deuten darauf hin, dass ruhigere menschliche Physiologie mit ruhigeren Pferdereaktionen einhergeht.
- Verhalten als Frühwarnsystem nutzen: Plötzliches Ausweichen, steigende Muskelspannung, vermehrtes Umschauen oder Festfrieren bei eigentlich bekannten Aufgaben können Zeichen dafür sein, dass die gemeinsame Erregungsspirale nach oben dreht – auch wenn objektiv nichts passiert.
- Technik gezielt, nicht blind einsetzen: Herzfrequenzgurte oder Smartwatches können helfen, Training und Belastung besser einzuschätzen, ersetzen aber weder Erfahrung noch Kontext. Die beste Messmethode bleibt die Kombination aus geschultem Auge und gut verstandenen Date.
Gerade in Therapie- und pädagogischen Settings zeigt sich zudem, dass nicht nur Klientinnen und Klienten vom Kontakt mit Pferden profitieren sollen, sondern auch die Pferde selbst vor dauerhafter Überlastung geschützt werden müssen. Emotionale Ansteckung funktioniert in beide Richtungen – ein dauerhaft überforderter Co-Therapeut auf vier Beinen ist ein ernstzunehmendes Welfare-Thema.
Blick in die Zukunft
Die Review macht auch klar, wo die Reise hingeht: Synchronisierte Messungen bei Mensch und Pferd, präzisere Protokolle und KI-gestützte Videoanalysen sollen künftig helfen, emotionale Dynamiken in Echtzeit zu erfassen – idealerweise ohne das System zusätzlich zu stressen. Bis dahin bleibt im Stall eine einfache Grundregel gültig: Wer sein Pferd verändern will, muss bereit sein, zuerst sich selbst ein Stück weit zu verändern.
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