Wie sieht ein idealer Pferdetag aus – aus Sicht des Pferdes, nicht unseres Terminkalenders? Eine neue Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse hat über 14 Studien mit 364 Pferden und Ponys ausgewertet und gibt spannende Einblicke, wie viel Zeit Pferde wirklich mit Fressen, Ruhen, Stehen und Bewegung verbringen.

Bild von Julissa Helmuth
Ein Pferdetag in Zahlen
Grob zusammengefasst:
- Rund die Hälfte des Tages wird gefressen.
- Etwa 15% verbringen Pferde liegend, gut 30% stehend.
- Für aktive Bewegung bleiben im Schnitt nur etwa 5% des Tages.
Freilebende oder ganzjährig draussen gehaltene Pferde kamen auf etwa 56% Fresszeit pro Tag, Stallpferde nur auf rund 38%. Gleichzeitig standen Stallpferde fast die Hälfte des Tages, während «Outdoor-Pferde» nur etwa ein Viertel ihrer Zeit mit Stehen verbrachten.
Fressen: Dauer schlägt Futtereimer
Für das Pferd ist Fressen keine kurze Mahlzeit, sondern eine Dauerbeschäftigung. Die Studie zeigt klar: Je mehr Weide und freier Zugang zu Raufutter, desto näher rückt das Zeitbudget an den «Pferdenormalzustand» heran.
- «Freedom»-Haltung (Weide, Auslauf mit Dauerzugang) führte im Schnitt zu rund 56% Fresszeit.
- «Indoor»-Management (24 h Stall ohne Weide im Beobachtungszeitraum) kam nur auf gut 38%.
- In Gruppen frassen Pferde etwa 54% des Tages, einzeln gehaltene nur knapp 39%.
Für den Alltag heisst das: Artgerechte Fütterung bedeutet vor allem lange Fresszeiten mit wenig Pausen – zum Beispiel mit Heu ad libitum oder gut geplanten Slowfeedern, ideal kombiniert mit Weidegang.
Ruhen und Stehen: Wenn das Pferd «nichts tut»
Spannend ist auch der Blick auf Liegen und Stehen. Jungpferde lagen mit rund 24% Tageszeit deutlich länger als ältere Pferde, Ponys mehr als Grosspferde. Gruppenhaltung und Weide förderten das Liegen – offenbar fühlen sich Pferde dort sicherer und entspannter.
Problematischer ist ein hoher Stehanteil:
- Stallpferde standen im Schnitt rund 47% des Tages, frei gehaltene Pferde nur etwa 25%.
- Einzeltierhaltung ging mit über 50% Stehzeit einher, Gruppenhaltung mit rund 25%.
Viel Stehen bei gleichzeitig wenig Fressen und Bewegung kann ein Warnsignal sein: zu wenig Beschäftigung, zu wenig Platz oder fehlende Sozialkontakte.
Bewegung: Deutlich Luft nach oben
Über alle Haltungsformen hinweg bewegten sich die Pferde im Schnitt nur etwa 5% der Tageszeit aktiv. Pferde mit viel Auslauf und Weide kamen immerhin auf rund 7,5%, Stallpferde nur auf knapp 4,5%.
Das zeigt: Selbst in «guter» Offenstall- oder Weidehaltung ersetzt der Alltag nicht automatisch gezielte Bewegung und Training. Täglicher Auslauf, durchdachte Laufwege (z.B. Paddock-Trails) und abwechslungsreiche Arbeit bleiben entscheidend für Muskulatur, Gelenke und Kopf.
Was heisst das für unseren Stallalltag?
Aus den Zahlen lassen sich für Praxisställe klare Leitplanken ableiten:
- Fresszeiten verlängern: Viel strukturiertes Raufutter, idealerweise fast rund um die Uhr verfügbar.
- Sozialkontakte ermöglichen: Gruppenhaltung oder zumindest direkter Körperkontakt senken Stehanteile und fördern Fressen und entspanntes Liegen.
- Platz zum Gehen schaffen: Grosszügige Ausläufe, Paddock-Trails und tägiger Weidegang erhöhen die spontane Bewegung.
- Zeitbudget beobachten: Wer sein Pferd bewusst über den Tag beobachtet (oder mit Kamera trackt), erkennt schnell, ob das individuelle «Pferdezeit-Konto» passt.
Die Studie fasst wissenschaftlich zusammen, was viele Pferdemenschen im Gefühl haben: Je näher der Alltag an der Lebensweise von Wild- und Robustpferden liegt, desto besser für Gesundheit und Psyche – unabhängig von Rasse oder Nutzung.
Den Originalartikel «Time-activity budget in horses and ponies: A systematic review and meta-analysis on feeding dynamics and management implications» gibt es hier:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0737080625003429
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