Wer schon einmal ein nervöses Pferd verladen hat, weiss: Transport bedeutet Stress – auch für die routiniertesten Vierbeiner. Transportstress kann den Körper so fordern wie ein harter Trainingstag und hinterlässt messbare Spuren im Blut. Eine neuere Studie zu transdermalem (über die Haut verabreichtem) Melatonin zeigt: Das Hormon kann die Stressreaktion dämpfen – ersetzt aber kein gutes Management.​

(Symbolbild: Canva)

Was bringt Melatonin zum Auftragen?

Die Forschenden wollten wissen, ob ein Melatonin-Gel zum Auftragen Stresszeichen im Blut von Pferden während eines dreistündigen Transports beeinflusst. Melatonin ist ein Hormon, das normalerweise im Dunkeln ausgeschüttet wird, den Tag-Nacht-Rhythmus steuert un der Studie bekamen 16 Pferde über 21 Tage täglich 24 mg Melatonin als Gel auf die Haut, einige wurden am Tag 21 zusätzlich drei Stunden transportiert.

  • Melatonin-Pferde hatten deutlich höhere Melatoninwerte im Blut – das Gel wirkt also systemisch.
  • Ihr Cortisol war im Schnitt rund 20% tiefer als bei Pferden ohne Melatonin.
  • Trotzdem blieben transportierte Pferde klar gestresster als nicht transportierte – der Transporteffekt war also weiterhin sichtbar.

Melatonin wirkt damit eher wie ein Dämpfer auf die Stressreaktion, nicht wie ein Knopf, der Stress einfach ausschaltet.

Was Transport im Pferdekörper anrichtet

Nach drei Stunden Fahrt fanden die Forschenden klar erkennbare Stresszeichen im Blut der Pferde:

  • Cortisol (Stresshormon) war bei transportierten Pferden deutlich höher als bei nicht transportierten.​
  • Elektrolyte wie Kalzium und Kalium sanken, was auf Flüssigkeitsverschiebungen und beginnende Dehydrierung hindeutet.​
  • Glukose (Blutzucker) war erhöht – der Körper stellt schnell Energie bereit, ähnlich wie bei einem intensiven Training.​

Übersetzt in den Alltag:

  • Drei Stunden Fahrt können den Organismus so stressen wie ein längerer, fordernder Ritt – nur ohne Aufwärmen und Abreiten.​
  • Ein Pferd, das regelmässig transportiert wird, steckt immer wieder in dieser «Alarmphase» – mit möglichen Folgen für Immunsystem, Muskulatur und Verdauung.​

Oder kurz gesagt: Jede längere Fahrt ist physiologisch ein echter Belastungstest und sollte wie ein Trainingstag im Wochenplan mitgedacht werden.​

Ist Melatonin-Gel nun eine Option für die Praxis?

Die Studie zeigt ein klar messbares Potenzial: weniger Cortisol bei Melatonin-Pferden. Gleichzeitig ist noch vieles offen: Dosis, Dauer, mögliche Nebenwirkungen und vor allem die Frage nach Zulassung und Dopingrelevanz im Sport.​

Worauf Pferdeleute achten sollten:

  • Melatonin ist ein Hormon – der Einsatz gehört in die Hände von Tierärztinnen und Tierärzten, nicht in die Kategorie «frei nach Gefühl».​
  • Im Sportbereich unbedingt Dopingbestimmungen (z.B. FEI, nationales Reglement) prüfen, bevor mit Melatonin experimentiert wird.​
  • In vielen Fällen bringt die Optimierung von Verladen, Fahrweise, Pferdegesellschaft, Fütterung und Auslauf mehr als jedes Präparat.​

Melatonin kann also ein spannender Baustein im Stressmanagement sein – aber erst, wenn rechtliche, tierärztliche und praktische Fragen sauber geklärt sind.​

Tipps für eine pferdegerechte Transportkultur

Direkt umsetzbar, ganz ohne Hormonpräparate:

  • Transporttage einplanen
    • Fahrtage wie Trainingstage behandeln: Auslauf und lockere Bewegung am Vortag, nach der Fahrt bewusst Regeneration einplanen.
    • Keine schweren Trainingseinheiten direkt nach längerer Fahrt – der Körper läuft hormonell schon «auf Touren».
  • Fütterung transportgerecht gestalten
    • Viel Heu vor und – wenn sicher – während der Fahrt anbieten; Kaubewegungen beruhigen und schützen den Magen.
    • Kraftfutter 2–3 Stunden vor dem Verladen geben statt direkt vor der Rampe.
  • Auf Elektrolyte achten
    • Ab etwa drei Stunden Fahrzeit mit Tierarzt oder Ernährungsberatung über Elektrolytgabe sprechen, da vor allem Kalium und Kalzium sinken.
    • Nach langen Fahrten Wasseraufnahme gezielt fördern (nasses Heu, Mash), um Flüssigkeitsverluste auszugleichen.
  • Tagesrhythmus berücksichtigen
    • Nachtfahrten nur, wenn zwingend nötig: Melatonin steuert den Tag-Nacht-Rhythmus, plötzliche Rhythmuswechsel erhöhen Stress.
    • Lieber etwas früher anreisen und dem Pferd Zeit geben, in Ruhe anzukommen.

Fazit

Die Studie macht Mut: Stress ist messbar – und damit auch veränderbar. Ein pferdegerechterer Transport beginnt nicht mit einer Tube Gel, sondern mit unserem Willen, Verladen, Fahrtenplanung und das ganze Drumherum konsequent aus Sicht des Pferdes zu denken. Wenn jeder Transporttag wie ein eigener «Management-Baustein» geplant wird, kommen unsere Pferde nicht nur von A nach B, sondern gesund, gelassener und langfristig leistungsbereit an.

​Quelle:

Die Studie heisst «Effect of transdermal melatonin on circulating cortisol and blood chemistry in horses exposed to transport stress» und ist hier aufrufbar: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0737080625004149?dgcid=raven_sd_aip_email

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