Die Ernährung nach einer Kolik gehört zu den heikelsten Entscheidungen im Pferdemanagement – und die wissenschaftliche Literatur dazu ist erstaunlich widersprüchlich. Eine neue, umfassende Übersichtsarbeit zeigt, warum es keine Standardlösung gibt, welche Strategien tatsächlich evidenzbasiert sind und was Pferdehalterinnen und Pferdehalter daraus für die Praxis ableiten können.

Symbolbild: Bild von rihaij auf Pixabay

Frühe Fütterung: Ein möglicher Wendepunkt

Traditionell wurde nach Kolik-Operationen oft lange gewartet, bevor ein Pferd wieder Futter erhielt. Doch mehrere Studien deuten darauf hin, dass eine frühe enterale Fütterung (also die Fütterung über den Verdauungstrakt, ganz normal über das Maul) hilfreich sein kann.

Die Übersichtsarbeit zeigt, dass eine vorsichtige Fütterung innerhalb von 12 bis 24 Stunden nach der Operation mit einer stabileren Darmfunktion und einer schnelleren Erholung verbunden sein kann. Das stellt die alte Praxis langer Fastenphasen infrage – ohne sie pauschal zu verwerfen. Denn nicht jedes Pferd ist gleich, und nicht jede Kolik erlaubt denselben Zeitplan.

Raufutter bleibt zentral – aber differenziert betrachtet

Einigkeit herrscht immerhin in einem Punkt: Faserreiche, stärkearme Rationen bilden das Fundament der postoperativen Ernährung. Sie unterstützen die Motilität (Bewegungen des Darms) und das Mikrobiom und belasten den Verdauungstrakt weniger stark.

Die Autorinnen und Autoren schlagen dafür ein Feed‑Pyramid‑Modell vor: Raufutter als Basis, darüber Energiekomponenten, an der Spitze Supplemente. Ein einfaches, aber hilfreiches Konzept, das Orientierung bietet, ohne starre Regeln vorzugeben.

Stärke als potenzieller Risikofaktor

Die Literatur zeigt klar, dass stärkereiche Futtermittel nach Kolikoperationen problematisch sein können. Sie erhöhen das Risiko für Dysmotilität (gestörte Darmbewegung – der Darm arbeitet zu wenig, zu unregelmässig oder gar nicht) und erneute Koliken. Trotzdem werden sie in der Praxis oft früh wieder eingesetzt – ein Beispiel dafür, wie weit Theorie und Realität auseinanderliegen.

Kleine Portionen, grosse Wirkung

Mehrere Studien betonen, dass kleine, häufige Mahlzeiten die Darmbewegung fördern und Fastenphasen vermeiden. Doch auch hier ist die Datenlage nicht einheitlich. Die Übersichtsarbeit ordnet diese widersprüchlichen Ergebnisse ein und zeigt, wo echte Evidenz vorhanden ist – und wo nicht.

Parenterale Ernährung: selten, aber relevant

Wenn ein Pferd nicht enteral gefüttert werden kann – etwa bei starkem Reflux oder kompletter Darmträgheit – kommt die parenterale Ernährung zum Einsatz. Das bedeutet, dass Nährstoffe über die Vene verabreicht werden, also am Verdauungstrakt vorbei. Sie ist lebenswichtig, aber auch risikobehaftet (z. B. Hyperglykämie, Katheterprobleme). Die Übersichtsarbeit zeigt, dass die Evidenzlage dünn ist und Entscheidungen individuell getroffen werden müssen.

Was bedeutet das für Pferdehalterinnen und Pferdehalter?

Genau hier liegt der praktische Wert dieser Übersichtsarbeit. Sie zeigt, dass es keine einfachen Antworten gibt – aber klare Leitlinien, die Halterinnen und Haltern helfen können, die richtigen Fragen zu stellen und Entscheidungen besser einzuordnen.

1. Nicht jede Klinik füttert gleich – und das ist normal

Die Literatur ist widersprüchlich – deshalb arbeiten Kliniken unterschiedlich. Das bedeutet: Wenn Ihr Pferd nach einer Kolik anders gefüttert wird als das Pferd Ihrer Stallkollegin, ist das nicht automatisch falsch. Es spiegelt die heterogene Datenlage wider.

2. Früh füttern kann sinnvoll sein – aber nicht bei jedem Pferd

Sie können gezielt nachfragen, warum die Klinik früh oder spät füttert. Die Entscheidung hängt von Koliktyp, Operation, Motilität und Reflux ab.

3. Raufutter ist fast immer der sicherste Einstieg

Faserreiche, stärkearme Rationen sind der stabilste Weg zurück in die Normalität.

4. Kraftfutter langsam und bewusst wieder einführen

Die Datenlage spricht dafür, Stärke zu reduzieren – besonders in den ersten Tagen.

5. Kleine Portionen sind besser als grosse

Auch zu Hause gilt: lieber öfter kleine Mengen als wenige grosse Mahlzeiten.

6. Beobachtung bleibt entscheidend

Jedes Pferd reagiert anders. Die Übersichtsarbeit zeigt, wie wichtig individuelle Anpassung und eine gute Abstimmung mit den behandelnden Ärzten ist.

Quelle

Journal of Equine Veterinary Science, Articles in Press (2026): Clinical nutrition in equine colic: A scoping review from an equine nutritionist’s perspective.

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