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Corona-Dossier Pferdebranche Schweiz / Leserbriefe / News

Zweiter offener Brief an SVPS-Präsident Charles Trolliet und seine Vorstandsgehilfen

Rhetorik für künftige Politiker und Vereinspräsidenten

Eine der wichtigsten Qualifikationen für einen politischen oder sonstwie repräsentativen Aparatschik-Job ist die Fähigkeit, lange zu reden ohne etwas zu sagen. Anders gesagt: die Kunst, inhaltsleere Worthülsen so zusammenzupappen, dass für den unaufmerksamen, gefühlsschwangeren Zuhörer oder Leser der Eindruck entsteht, es würde Wesentliches, ja geradezu Staatsmännisches, von Pathos und Weitsicht Geprägtes gesagt.

Die zweiteQualität, die man zwingend für eine solche Karriere mitbringen muss, ist, kritischen Fragen auszuweichen. Die echten Profis nehmen die Fragen mit bedeutungsschwangerem Gesichtsausdruck entgegen, schenken dem Fragenden Anerkennung, indem sie sagen “Eine wichtige, gute Frage! Darüber muss unbedingt nachgedacht werden!” und sprechen dann bereits wieder von einem Thema, bei dem sie sich sicher fühlen. Die weniger Ausgefuchsten tun so, als hätten sie die kritische Frage nicht gehört oder geben eine Antwort, die wenig bis nichts mit der Frage zu tun hat. Und die echten Greenhorns gehen auf Tauchstation, verstecken sich, ziehen die Decke über den Kopf bis das Gewitter weitergezogen ist.

Und die dritte Qualifikation ist die Kunst der Diplomatie mit Blick auf die eigene Karriere: Niemandem auf die Füsse treten, der irgendwann noch wichtig sein könnte für das eigene Fortkommen. Also sicher nicht die kritischen Fragen der ‘Unteren’ an die ‘Oberen’ weiterleiten. Dass man so den ‘Unteren’ natürlich die Antworten schuldig bleiben muss, ist sekundär. Es sind ja nicht sie, die beim ‘Fortkommen’ wichtig sind.

Die vierte, vielleicht fakultative, aber für den grossen Erfolg doch sehr hilfreiche Eigenschaft ist das intuitive Erkennen, was gerade ‘in’, Mode, Hype ist: den feuchten Finger in die Luft halten, das leiseste ‘Coming-Mainstream-Lüftchen’ spüren und dann sofort den Hals wenden – wie der legendäre Vogel Wendehals – und das Fähnchen nach dem neuen Wind drehen, möglichst bevor es alle andern getan haben. Etwas spät begriff das FDP-Präsidentin Gössi, die es gerade noch schaffte, auf den etatistischen Klima-Hype aufzuspringen, auch wenn dies den Grundwerten ihrer der Freiheit verpflichteten Partei zutiefst widersprach. Aber der Richtungswechsel schien ihr nötig, um nicht noch mehr Jungmannschaft zu verlieren. Der Wind am feuchten Finger wehte zu stark aus dem Mund der zur Heiligen hochstilisierten Nostradamine…

Natürlich führen diese Eigenschaften im Verbund zu einem etwas glitschigen, fischigen oder quallenartigen Weichgewebe. Aber man musste das nur anders etikettieren. Flavia Kleiner würde sagen: ‘weltoffen’, andere vielleicht ‘anpassungsfähig’, ‘flexibel’, ‘zukunftszugewandt’ – eben wie die Demos der schulschwänzenden Kids, die sind ja auch nicht ‘für jetzt’, sondern ‘for fjutschr’!

Paradebeispiel SVPS

Mit diesem rhetorischen Rüstzeug können wir uns nun dem neusten Elaborat aus dem SVPS zuwenden. Denn unser Präsident gibt gerade eine Musterlektion für diese Eigenschaften. Nach meinem offenen Brief vom 27.3., in dem ich bemängelte, dass er sich nicht für die Pferde und die Reiter einsetze, ging er auf Tauchstation. Ich lieferte ihm zum Vergleich den Brief des deutschen FN-Präsidenten Breido Graf von Rantzau, der den Rösselern verspricht, sich bei allen Behörden für sie einzusetzen. Keine Reaktion unseres grossen Chefs. Als ich beim Präsidenten der Swiss Horse Professionals nachfragte, was denn bei dem zusammen mit dem SVPS ans SECO geschriebenen Bittbrief rausgekommen sei – no reaction. Und nun also eine neue Rede Trolliets an seine Schäflein mit dem wirklich sensationellen folgenden Abschnitt:

Seit Beginn der bundesrätlichen Massnahmen verlief die Zusammenarbeit zwischen dem SVPS und den Regionalverbänden sowie dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) sehr gut. Weiter hat sich der SVPS mit dem Berufsverband der Pferdebranche Swiss Horse Professionals (SHP) intensiv dafür eingesetzt, dass die entstandenen Probleme aus der Pferdebranche, beim Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) Niederschlag fand. Diese wurden aufgenommen und in der Verordnung des Bundesrates, soweit als möglich, berücksichtigt. Alle Beteiligten haben bewiesen, dass man in der gegenwärtigen Situation im gleichen Boot sitzt und am gleichen Strick ziehen muss. Der Vorstand ist überzeugt, dass nur gemeinsam zukunftsgerichtete und einvernehmliche Lösungen erzielt werden.

Abgesehen von den sprachlichen Fehlern kann man nun alle eingangs aufgeführten Quali-Elemente für Polit-Rhetorik ausmachen:

  1. Der ganze Absatz enthält keine einzige konkrete Information. Erste Quali geschafft. Die ‘Zusammenarbeit’ wird nicht konkretisiert. Sie war einfach sehr gut. Beim Fuss- oder Reitervolk angekommen ist nur, dass sie nichts erreicht haben bisher, sondern uns nur erzählt haben, was der Bundesrat beschlossen habe. Worin bestand denn da die ‘Zusammenarbeit’?
  2. Der Text beantwortet auch keine Frage – zweite Quali geschafft! –, weder die, was konkret herausgekommen ist beim SECO, noch all die vorher gestellten Fragen, warum er sich nicht für eine Anpassung der Einschränkungen einsetzt, die ja nur dem einzigen Ziel der Vermeidung von Ansteckungen dienen sollten. Ein Ziel, das gerade wir Reiter locker erreichen, auch mit Anlagebenützung und Unterricht.
  3. Die dritte Quali schafft der Text am schönsten mit den letzten zwei Blabla-Sätzen. Die sollte jeder, der vielleicht irgendwann einmal in die RPK der Gemeinde gewählt werden möchte, per copy-paste speichern und dann im geeigneten Moment einfügen. Ein Schuss Erst-August-Pathos ist da bereits auszumachen. Der zweitletzte Satz enthält immerhin noch eine Lüge, das ist ja doch mehr als gar nichts, denn es sitzen in unserem Fall in keiner Weise alle ‘im gleichen Boot’ und es ziehen auch nicht alle ‘am gleichen Strick’. Das Gegenteil ist der Fall: Die Gefährdung betrifft eine sehr kleine, ziemlich genau erfassbare Gruppe von vorerkrankten, meist weit über 70-Jährigen. Laut dem Chefarzt Infektiologie des Kantonsspitals St. Gallen, Pietro Vernazza, bleiben rund 90% der Infizierten unentdeckt, weil sie keine oder nur ganz leichte Symptome zeigen und sich deshalb auch nicht veranlasst sehen, sich testen zu lassen. Dies macht auch die gebetsmühlenartig fast stündlich ergänzten Todeszahlen in Prozent der Infiziertenzahlen zu einer völlig falschen und damit vernachlässigbaren Information. Auch bei der Beeinträchtigung durch die Massnahmen sind wir keineswegs im ‘gleichen Boot’. Wir Landeier merken fast nichts. Wir reiten, sausen mit den Hunden durch die Wälder, die Bauern lassen ihre Kühe raus, bewirtschaften ihre Felder, die Förster arbeiten im Holz, die Radfahrer flitzen durch die Gegend. Für einmal sind die Städter bzw. alle die, die ‘verdichtet wohnen’ im Nachteil und viel stärker betroffen.

Aber das Schönste und wirklich Behaltenswerte ist der letzte Satz. Hier nochmals, weils so schön ist:

“Der Vorstand ist überzeugt, dass nur gemeinsam zukunftsgerichtete und einvernehmliche Lösungen erzielt werden.”

Da hat also der Vorstand darüber abgestimmt oder zumindest dem schreibenden Präsidenten zustimmend zugenickt, dass ‘nur gemeinsam’ – gemeinsam mit wem? mit sich selbst, also dem Vorstand? oder mit dem SECO? dem Bundesrat? wohl kaum mit den Betroffenen, denn die sind ja ganz offensichtlich nicht zufrieden? was genau erzielt werden soll? – ‘zukunftsgerichtete Lösungen’. Merkt euch diese Floskel. Ihr könnt sie immer und überall anwenden, denn sie ist eine Tautologie, einfacher gesagt: doppelt gemoppelt. Oder kann mir jemand eine vergangenheitsgerichtete Lösung eines Problems nennen? Aber worin bestehen denn diese zukunftsgerichteten Lösungen? Das möchten wir ja so gerne wissen, aber konkret bitte, nicht pastorales Gewäsch. Und diese gemeinsam erzielten ‘Lösungen’ von nicht genannten konkreten Problemen sollen also einvernehmliche Lösungen sein? Optimistisch, wie wir sind, versuchen wir ja immer noch, einen Sinngehalt in dem Geleier zu finden. Man kann gemeinsam debattieren, alle Betroffenen bzw. in einer Demokratie alle Abstimmungsberechtigten anhören und dann abstimmen oder sonstwie zu einer Lösung kommen, die dann auf dem ‘Einvernehmen’ der Beteiligten beruht. Das ist in Wirklichkeit natürlich nicht so schön kitschig mit diesem ‘einvernehmlich’. Wer in einer Abstimmung verliert, knurrt und macht die Faust im Sack, akzeptiert als Demokrat aber die Spielregel, dass der Mehrheitswille gilt. Hier geht aber gerade etwas völlig anderes ab. Der offenbar mehrheitlich aus Leisetretern und eher ‘Nichtmehr- oder Gar-nie-Reitern’ bestehende Vorstand hat, ohne auf seine paar Tausend Mitglieder und deren Fragen und Probleme einzugehen, beschlossen, auch weiterhin brav, demütig und kadavergehorsam einfach das zu machen, was die derzeit ziemlich allmächtigen Notstands-Generäle befehlen? Ist das ‘einvernehmlich’? – Aber es klingt doch schön, oder nicht?

  1. Die vierte Quali ist auch erreicht: der Abschnitt beweist, dass der feuchte Finger gehoben wurde. Denn zurzeit ist es ‘in’, so von ‘Einigkeit’ und ‘Solidarität’ und ‘Boot’ und ‘Strick’ und ‘gemeinsam’ und ‘einvernehmlich’ zu schwafeln. Und wer kritische Fragen stellt, ist ein Miesepeter, ein Egoist, ein Verräter, ein Disziplinloser, ein Einzelgänger, ein Aussätziger, ein Pietätloser, Rücksichtsloser. Und wehe er lacht auch noch. Jetzt, wo doch der Weltuntergang kurz bevorsteht. Dann wird er definitiv aus dem Kreis der Bannerträger, der einvernehmlich in der Sekte der Gehorsamen, Willfährigen Geeinten ausgestossen. Vielleicht sollten sich die pastoral-ernsten Schwaflis daran erinnern,die zurzeit Urständ feiern: Es ist das sicherste Zeichen, dass wir uns in einer Diktatur, einer religiösen Sekte, einer ideologisch verblendeten Gruppe Hirnamputierter oder unter Hooligans befinden, wenn alle gleicher Meinung sind und keine Debatten mehr stattfinden. Und umgekehrt ist das sicherste Zeichen für eine Demokratie, wenn über alles und jedes debattiert und gestritten wird – und nichts so tabu ist, dass nicht darüber Witze gerissen würde.

Fazit: Ich bin weiss Gott nicht der einzige, der von unserem SVPS-Vorstand nicht nur Blabla-Gewäsch, sondern konkrete Antworten haben möchte:

  1. Bleiben Sie weiterhin kadavergehorsame Relaisstation oder haben Sie bislang irgendetwas Konkretes für die Pferde und die Reiter erreicht?
  2. Was haben Sie unternommen und was unternehmen Sie weiterhin, um das völlig unsinnige Verbot des Nutzens der Vereinsanlagen und das Verbot des Einzelreitunterrichts aufzuheben?
  3. Haben Sie den zuständigen Stellen erklärt, dass mit diesen Massnahmen das Ziel, Ansteckungen zu vermeiden, in keiner Weise besser erreicht wird, da bei kaum einer anderen Tätigkeit die 2-Meter-Distanzregel leichter eingehalten werden kann als beim Reiten, sei es auf Anlagen oder im Einzelunterricht, und dass auch Gruppenunterricht mit Leichtigkeit erteilt werden kann, wenn man die Helikoptereltern fernhält?
  4. Sind Sie sich bewusst und haben Sie das auch so weitergeleitet, dass diese unsinnigen Verbote von vielen Rösselern (m.E. richtigerweise) gar nicht eingehalten werden und sie auch nicht mit vertretbarem Polizei-und Armeeaufwand kontrollier- und durchsetzbar sind?
  5. Der SVPS-Präsident versuchte am 27.3. Panik zu schüren, indem er behauptete, das totale Reitverbot ‘hange wie ein Damoklesschwert an einem Rosshaar’ über uns. Haben Sie inzwischen etwas unternommen, um diese völlig hirnrissige, dem Tierschutzgesetz und dem Engagement aller richtigen Rösseler für ihre Tiere zutiefst widersprechende Furzidee, die bestimmt vom grössten Teil der Schweizer Rösseler nicht eingehalten würde und auch völlig unmöglich von der Polizei durchgesetzt werden könnte, vom Tisch zu kriegen? Wenn ja, was und mit welchem Resultat?
  6. Gedenken Sie irgendwann mit der Basis der vielen tausend Schweizer Rösseler, die Sie vertreten, ins Gespräch zu kommen? Oder bleibt nicht nur das Bulletin, sondern auch der ‘Blog’ auf fnch.ch keine Plattform, sondern eine Kanzel für ausschliesslich einseitige, selbstherrliche Verlautbarungen des Oberpopen, nicht einmal sprachlich redigiert von einem Muttersprachler?

Wir freuen uns auf konkrete Antworten, auf welchem Weg auch immer. Vielleicht ein nächster Blog-Eintrag ex cathedra?

Mit freundlichen Grüssen, Christoph Meier

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Dies ist das Benutzerkonto von Daniela A. Caviglia, Chefredaktorin von Kavallo.

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