Leseprobe aus: "Pferde verstehen – Umgang und Bodenarbeit", Dr. Britta Schöffmann, Sabine Hänel, Prof. Dr. K. Krüger, Dr. U. König von Borstel und Dr. C. Münch, Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (FN)
Ziele eines grundlegenden Führtrainings sind das Erlernen «guter Manieren», ein korrektes Ausführen der Übungen, eine gute Verständigung und ein harmonisches Miteinander von Mensch und Pferd. Das Pferd soll die grund-legenden Übungen taktrein, losgelassen, stressfrei, gehorsam und willig absolvieren. Der Mensch soll einfühlsam, ruhig, konsequent, fair, im richtigen Moment und mit möglichst geringen, verfeinerten Signalen einwirken. Richtiges Führen lässt sich erlernen.
Trainingsaufbau in kleinen Schritten
Beim Aufbau jeglichen Führtrainings ist zu beachten, dass die Übungen in kleinen Schritten so langsam im Schwierigkeitsgrad gesteigert werden, dass das Pferd bereitwillig, gehorsam und aufmerksam mitmacht. Bei Verweigerung einer Übung muss herausgefunden werden, ob das Pferd Angst hat, ob es überfordert ist oder ob es die Rangordnung hinterfragt. Die Schwierigkeit besteht darin, dies sehr schnell richtig zu erkennen und darauf unverzüglich in der richtigen Art und Weise zu reagieren.
Die Pferde sollten deshalb bei der Arbeit gut beobachtet werden, damit die jeweilige Belastungsgrenze nicht überschritten wird. Zeigt ein Pferd -Ermüdungszeichen, sollte das Training beendet werden. Bei der Arbeit mit Schreckhindernissen sollte die Schwelle für heftige Fluchtreaktionen nicht überschritten werden. Besser: die Situation entschärfen oder aber die Anforderungen zurückschrauben. Gehorsam kann in diesem Fall zunächst durch einfache Übungen wie geradeaus fleissig Vorwärtsgehen-Lassen im Wechsel mit Anhalten wiederhergestellt werden. Danach wird die problematische Übung vorsichtig wieder aufgebaut.
In jedem Falle ist es sinnlos, sich auf einen Machtkampf einzulassen. Ein Pferd ist immer stärker als ein Mensch! Die Kunst ist es, das Training rechtzeitig nach einer gelungenen Übung zu beenden, ohne weiteres Misslingen zu riskieren. Gutes Training sieht unspektakulär aus, weil das Pferd nicht überfordert wird.
Die einzelnen Übungen bauen Stein für Stein aufeinander auf. Erst müssen die grundlegenden Führtechniken beherrscht werden. Dann können Stangenaufbauten und Schreckhindernisse in der individuell erforderlichen Zeit erarbeitet werden. Eine neue Übung wie beispielsweise das Überschreiten einer Plane kann bei dem einem Pferd fünf Minuten, bei einem anderen aber auch mehrere Stunden mit vielen Übungseinheiten erfordern. Indikator für die Steigerung des Schwierigkeitsgrades ist einzig und allein das Verhalten des Pferdes.
Beim Training in Gruppen muss auf den jeweils schwächsten Teilnehmer Rücksicht genommen werden. Unerfahrene, unsichere oder ängstliche Pferde können eine neue Aufgabe durch das Vorangehen eines sicheren Pferdes leichter und sicherer bewältigen. Das Lernen erfolgt durch das Wiederholen einer Übung. Dabei kann die Stärke der Signale von Mal zu Mal verringert werden. Die Signalgebung muss, wie die Hilfengebung beim Reiten, abgestuft werden: 1. Signal zur Erlangung der Aufmerksamkeit, 2. Signal zur Ausführung der Übung.
«Belohnung» und Bestrafung
Pferde lernen am besten auf der Grundlage einer guten Beziehung zu ihrem «Lehrmeister», vor allem durch Verstärkung (das heisst positive Verstärkung / Belohnung oder negative Verstärkung), nicht durch Bestrafung. Verstärkung bei der Bodenarbeit sollte in erster Linie aus Stimme, Ruhegewähren, Kraulen an der Mähne beziehungsweise Streicheln am Hals bestehen. Die Gabe von Futterbelohnung während des Trainings wird nur für fortgeschrittene Trainer empfohlen, die bereits mit den Prinzipien des Lernens gut vertraut sind und die Belohnung entsprechend präzise, das heisst im richtigen Moment, steuern können. Für Ungeübte kann es sonst schnell dazu führen, dass das Pferd über Schubsen, Schnappen oder Scharren das Futter einfordert und damit auch die Rangordnung in Frage stellt. Bestrafung ist bei der Bodenarbeit (und auch beim Reiten) in der Regel kontraproduktiv und verzichtbar, weil dem Pferd dadurch Aufmerksamkeit für sein Verhalten geschenkt wird. Ausserdem blockiert Bestrafung das Lernvermögen. Wenn etwas nicht gleich funktioniert, kann dies beim Bodenarbeitstraining in der Regel ignoriert werden und die Übung stattdessen einfach wiederholt oder auf einem leichteren Niveau modifiziert durchgeführt und neu aufgebaut werden.
Gelungene Schritte werden durch Loben und eine kleine Erholungspause verstärkt.
Führtechnik
Der Erfolg richtigen Führens hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, vor allem aber auch von der Führtechnik. Das Pferd kann aber nur verstehen, wenn die Signale eindeutig und immer gleichlautend sind und in ihrer Bedeutung miteinander harmonieren. Für die Signalgebung sind vor allem optische (Körperposition, Körperhaltung, Gerte, Seil), akustische (Stimme) sowie taktile Signale (Berührungen, Hilfen über Gerte, Bodenarbeitsseil, Halfter, Trense) von Bedeutung.
Körperhaltung
Pferde orientieren sich stärker an Führenden mit aufrechter Körperhaltung und mittlerer Körperspannung. Ein Pferd kann die Grundstimmung eines Menschen auch über die Art der Atmung und vermutlich auch den Geruch wahrnehmen.
Signalgebung über Stimme und Gerte
Pferde setzen von Natur aus akustische Signale untereinander eher sparsam ein. Die Stimme des Menschen wird von Pferden stärker von der Klangfarbe und Tonhöhe her als vom Wortlaut beurteilt. Einfache Kommandos und Wörter werden aber erlernt. Stimmsignale sollten mit wenigen immer gleichlautenden Kommandos eher einfach gehalten und sparsam verwendet werden. Pferde verstehen wegen ihres guten Gehörs auch sehr leise Stimmsignale im Flüsterton gut.
Die Gerte wird über das Pferdeauge und durch Berührungen wahrgenommen. Wenn sie als Hilfe eingesetzt wird, müssen alle Signale präzise erfolgen. Das heisst, dass die Gerte ruhig gehalten und das Pferd nicht berührt werden darf, wenn damit nicht gerade eine Hilfe gegeben wird. Taktile Reize durch Berührungen mit der Hand, dem Halfter, der Gerte oder einem Bodenarbeitsseil werden generell gut verstanden. Pferde nehmen Berührungen sehr empfindlich wahr. Vor dem ersten Gebrauch sollte deshalb die Reaktion auf die Gerte überprüft werden. Gegebenenfalls kann zur Gewöhnung der gesamte Körper, beginnend an der Schulter, mit der Gerte abgestrichen werden.
Die Gerte kann für unterschied-liche Aufgabenstellungen entweder mit dem Schlagende oder dem Knauf-ende optisch oder taktil eingesetzt werden und wirkt als Verlängerung des menschlichen Arms. Beispielsweise kann der Führende mit dem Schlag-ende der Gerte zum Vorwärtstreiben in Richtung Flanke oder Kruppe zeigen oder das Pferd dort berühren. Nach Umfassen-/Durchrutschen-Lassen der Gerte kann der kurze Gertenteil mit dem Knaufende für Übungen wie Rückwärtstreten-Lassen oder Reduzieren des Tempos am Buggelenk eingesetzt werden.
Einsatz von Halfter, Führkette und Strick
Bei der Bodenarbeit werden Halfter, Knotenhalfter oder Führkette in der Regel nur impulsartig über einen minimalen Impuls aus dem Handgelenk eingesetzt. Bei einer Verfeinerung/Reduktion der Signalgebung kann dies gegebenenfalls ganz entfallen. Bestimmte Übungen wie Wendung um die Vorhand oder Schenkelweichen erfordern wegen der Forderung nach Halsstellung einen ständigen Kontakt über die Zäumung. Durch zielgenaues Schwingen eines langen Stricks oder eines Bodenarbeitsseiles können vorwärts, seitwärts oder rückwärts einwirkende Signale gegeben werden sowie das Geradeausgehen veranlasst beziehungsweise aufrechterhalten werden. Bodenarbeitsseil oder Kurzlonge ermöglichen darüber hinaus eine Veränderung der Führposition mit mehr Abstand zum Pferd und damit einen fliessenden Übergang von der Bodenarbeit hin zum Longieren.
Präzises Führen und Führpositionen
Ziel eines präzisen Führens ist ein tatsicheres, fleissiges, losgelassenes und im Tempo kontrollierbares Schreiten oder Traben auf vorgegebener Linie. Das Pferd soll lernen, auch am leicht durchhängenden Zügel, Strick oder Seil «bei Fuss» zu gehen, gehorsam und umgehend auf Tempo zurückführende beziehungswiese vorwärtstreibende Signale zu reagieren und sich dem Schritt der Führperson anzupassen.
Die jeweilige Führposition hat entscheidenden Einfluss bei der Arbeit mit dem Pferd am Boden. Je nach Aufgabenstellung und Reaktion des Pferdes auf die Signalgebung sollte die jeweils günstigste Führposition eingenommen werden.
Führen in der 1. Führposition
(normal)
In der gewohnten 1. Führposition wird das Pferd auf der von ihm aus gesehenen linken Seite mit der rechten Hand (mit dem Daumen Richtung Pferdekopf) geführt und mit der Gerte oder dem Bodenarbeitsseil in der linken Hand bei Bedarf vorwärtsgetrieben (Bild oben). Wahlweise kann auch von rechts geführt werden. Der Übergang zwischen der Position neben dem Genick des Pferdes bis zu einer Position neben der Hinterhand des Pferdes ist fliessend. Je weiter hinten der Führende mitgeht, umso leichter kann er sein Pferd vorwärtstreiben. Der Vorteil der 1. Führposition: Der Führende kann das Pferd im Auge behalten und auf mögliche Schreckreaktionen direkt reagieren.
Signalgebung zum Tempo-Beschleunigen:
• Stimme energisch, Stimmsignal z.B. Schnalzen
• Mit Gerte oder Seil Flanke bzw. Hinterhand des Pferdes touchieren
• Körperhaltung des Führenden straff, aufrecht. Das Pferd soll sein Tempo an den energisch vorwärtsgehenden Menschen anpassen.
Signalgebung zum Tempo-Reduzieren:
• Stimme ruhig, Stimmsignal z.B. «brr» oder «ho»
• Hand in Augenhöhe anheben oder mit der Gerte bei Bedarf die Pferdebrust berühren; Verstärkung: mit Gertenknauf die Brust touchieren, Impuls am Halfter geben
• Körperhaltung des Führenden entspannt. Das Pferd soll sein Tempo an den langsamer und ruhiger schreitenden Menschen anpassen.
Aufrechterhalten des Geradeausgehens:
Zum Tempo-Reduzieren/Anhalten kann mit dem Gertenknauf die Brust des Pferdes berührt werden.
• Das Geradeausgehen wird erleichtert durch Orientierung entlang der Bande.
• Ein sich quer zur Führposition stellendes oder nach innen gehendes Pferd kann durch eine Position neben dem Kopf des Pferdes und über ein «Geradestellen» von Kopf und Hals durch einen nach aussen wirkenden Impuls am Strick oder durch ein Greifen ins Halfter und weiteres Vortreiben wieder geradeaus geführt werden.
Reduzierte Signale: Das Pferd passt sich aufmerksam geradeaus schauend und geradeaus gerichtet bei durchhängendem Strick automatisch der Schrittlänge und -richtung des führenden Menschen an. Weitere tempoverändernde Signale (s. oben) erfolgen nur noch in der dafür erforderlichen Stärke, wenn das Pferd diese direkte Reaktion nicht mehr unmittelbar zeigt.
Führen in der 2. Führposition
(mit weiterem Abstand vom Pferd)
In der zweiten Führposition kontrolliert der Mensch wie beim Longieren das Pferd mit Strick, Seil oder Kurzlonge in der einen Hand und einer Peitsche beziehungsweise dem Ende des Bodenarbeitsseils in der anderen Hand, eingerahmt in etwas grösserem, variablem Abstand zum Pferd. Das Pferd kann so besser beobachtet werden, ist aber wegen der geringen Entfernung leichter zu kontrollieren als beim Longieren. Die Übung eignet sich, um das Longieren vorzubereiten oder beim Longieren aufgetretene Probleme zu korrigieren. Der Übergang zwischen der 2. Führposition hin zum Longieren ist fliessend.
• Auf der linken Seite des Pferdes führend: Strick bzw. Seil in linker und Gerte bzw. Seilende in rechter Hand, Pferd wie beim Longieren einrahmen (auf der anderen Seite spiegelverkehrt).
• Bauchseite des Führenden mehr oder weniger zum Pferd gewandt, Position in Schulterhöhe/Sattellage
• Pferd bei 2. Führposition durch Heben und Senken der Peitsche vor der Schulter, Berühren des Widerristes oder Mähnenkamms (max. Halsmitte) mit der Peitsche oder durch Schwingen des Bodenarbeitsseiles auf dem gewünschten Abstand halten.
Führen in der 3. Führposition
(vor dem Pferd)
Das Führen in der 3. Führposition ist bei Engpässen wie Türen, zwischen Bäumen, beim Verladen oder auf engen Wegen unvermeidbar. Diese Position entspricht dem natürlichen Folgen eines Pferdes hinter einem ranghöheren Herdenmitglied, das nicht überholt werden darf. Da die Führperson in dieser Position das Pferd aus ihrem Sichtfeld verlieren kann, ist diese Führposition aus Sicherheitsgründen nur zu empfehlen, wenn die Rangordnung zwischen Führperson und Pferd eindeutig geklärt ist, der führende Mensch das Pferd auf Abstand halten und jederzeit anhalten kann, die Führperson genug Pferdeerfahrung hat und das Pferd gehorsam und entspannt ist. Das Pferd soll dem Menschen mit Abstand ohne Drängeln folgen und stehen bleiben, wenn der Mensch stehen bleibt beziehungsweise ein Signal zum Anhalten gibt. Die Gefahr beim Erschrecken des Pferdes bleibt bestehen. Daher sollte der Mensch in eine Führposition neben dem Pferd wechseln, wenn das Pferd anfängt sich aufzuregen.
Signalgebung:
• Mit leicht durchhängendem Strick führen
• Ausreichenden Sicherheitsabstand herstellen; dieser wird beeinflusst durch Straffen und Aufrichten des Körpers, Haltung von Händen und Armen, Stimmkommando.
Führen von beiden Seiten
Traditionell werden Pferde von links geführt und es wird von links aufgesessen. Das Führen mal von links, mal von rechts aus trainiert jedoch beide Gehirnhälften. Angewendet werden kann es als reine Übung zur Förderung der Beidhändigkeit, aber auch in speziellen Situationen, in welchen das Führen von der anderen Hand aus sicherer ist. Es kann sinnvoll sein, auf der rechten Seite zu führen, wenn auf -dieser Seite Unruhe (z.B. Zuschauer-tribüne, Strasse usw.) herrscht. Der Mensch geht dann zwischen dem möglichen Stressauslöser und dem Pferd. Auf diese Weise vermittelt er dem Pferd als eine Art schützender Puffer Sicherheit, darüber hinaus ist diese Position für den Menschen sicherer für den Fall, dass das Pferd doch mal von der vermeintlichen Gefahrenquelle zur Seite wegspringt.
Wechsel der Führseite im Halten
Mit dem rechten Bein macht der -Führende einen grossen diagonalen Schritt vors Pferd, dann folgt das linke Bein mit einer Drehung des Körpers Richtung Pferdekopf, ein weiterer Schritt mit dem rechten Bein mit weiterer Körperdrehung und Beistellen des linken Beins.
Wechsel der Führseite im Vorwärtsgehen
Mit Verhalten des Schritttempos und flinkem Seitenwechsel des Pferdeführers vor dem Kopf des Pferdes auf die andere Seite.
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