Der Reitstall ist eine weibliche Domäne. Allerdings eine, die erst in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist. In der Schweiz wie in Deutschland ist die Situation dieselbe. Doch die Verbände beider Länder reagieren darauf komplett unterschiedlich. Die Deutschen starten Aktion um Aktion, um Jungen zum Reiten zu bewegen. Die Schweiz scheint den Trend gelassener zu nehmen. Zu denken, dass Jungen und Männer vor dem Reitsport fliehen, ist allerdings falsch. Es reiten kaum weniger Männer als noch vor 25 Jahren. Allerdings hat sich die Zahl der Frauen im Reitsport vervielfacht. Dazu ein paar Zahlen: Der Schweizerische Verband für Pferdesport SVPS zählt heute fast 74 000 Frauen und etwas mehr als 26 000 Männer. Vor 15 Jahren hingegen waren es knapp 24 000 männliche und rund 16 000 weibliche Mitglieder. Die Zahl der Frauen hat sich verdreifacht, die der Männer ist leicht zurückgegangen.
Die Angst vor der Lächerlichkeit
Und was tun die Verbände hierzulande, um Jungen den Reitsport schmackhafter zu machen? Angelika Nido vom SVPS sagt: «Der Schweizerische Verband für Pferdesport hat bisher keine Aktionen gestartet, um gezielt Knaben anzuwerben, und plant dies in nächster Zeit auch nicht zu tun.» Deutlicher sind die Worte noch seitens des Regionalverbandes OKV. Gaby J. Müller, Leiterin der Geschäftsstelle: «Wir sehen hier, anders als in der Wirtschaft, keinen Bedarf, beide Geschlechter speziell anzusprechen oder zu fördern.» Schläft die Schweiz? Verpasst sie gar eine wichtige Entwicklung? Schaut man ins Nachbarland, müssen sich die Schweizer allerdings keine Sorgen machen. Denn was die Deutschen auch versuchten, um Jungen zu akquirieren – es scheint nicht viel zu nützen. Sämtliche Aktionen haben bisher keinen in Mitgliederzahlen messbaren Effekt gehabt. Was Männer und Frauen mit Pferden und Reiten verbinden, hat der Dachverband in Deutschland umfangreich erforschen lassen. Interessant: Kleine Jungen finden Pferde vor allem «gefährlich» und zu wenig spannend, um diese Gefahr in Kauf zu nehmen. Mädchen hingegen verniedlichen die Gefahr und umsorgen vor allem, das Pferd wird als das «letzte ultimative Kuscheltier» vor der Bindung mit Partnern angesehen, heisst es.
Pferde waren mal interessant für Männer, weil sie als schnelles Fortbewegungsmittel ein Statussymbol darstellten. Heute dienen dafür Autos und Motorräder, ein Mann ist nicht mehr sexy, weil er sich auf einen Gaul schwingt. Man denke nur an die Reitmode! Männer in Strumpfhosen und dergleichen – wer nicht Western reitet, hat es schwer mit ansehnlichen Kleidern. Und so wären wir wieder bei den Knaben, die sich nicht trauen, mit Reithosen durchs Wohngebiet zu radeln. Männer brauchen andere Anreize als Frauen, um mit Pferden zu arbeiten. Wo die Unterschiede im Bedarf liegen, das zeigte sich für Reitlehrer Patrick Schättin besonders deutlich in einem Reitlager im Jura vor wenigen Wochen: Sechs Mädchen und vier Jungen zählte seine Gruppe. «Die Buben suchen schon mehr das Abenteuer. Das Reiten ist ganz ihre Sache, aber das ganze Drumherum ist sicher nicht ihr Lieblingsteil!» Sie würden beispielsweise schneller und weniger genau die Pferde putzen oder den Stall misten. Im Unterricht achtet er darauf, für die Jungen Spannung und ein bisschen Action einzubauen: «Öfter mal eine Stange in die Bahn legen, auch in den Dressurstunden», empfiehlt er. Und er wählt seine Worte anders: Wenn er bei den Mädchen sagen kann: «Das war gut, das war schlecht», so ist dies den Jungen eher egal. «Ich arbeite dann mit Zahlen», sagt der Reitlehrer, «wenn ich sage: Das war jetzt eine Fünf, das ist die beste Note, oder das war schlecht, das ist eine Null, dann wird ihr Ehrgeiz geweckt! » Generell seien die Jungen weniger geduldig; wenn die Pferde sich nicht so verhielten, wie die sie das gerne hätten, fänden sie reiten schneller langweilig als die Mädchen. Diese hätten Freude daran, mit dem Pferd gemeinsam zu lernen.
Mehr Frauen = weniger Prestige = weniger Geld?
Pia Stettler, die sich engagiert für die Sportart Mounted Games einsetzt (siehe Kavallo 05/2012), sagt, dass diese Art von Pferdesport durchaus Jungen anziehen könne: «In den angelsächsischen Ländern und in Frankreich gibt es viele Jungen, die bei den Mounted Games mitmachen, auch in den Nationalmannschaften.» Sie vermutet, dass es die Dynamik, das Gegeneinander-antreten, der Mannschaftsgeist seien, der die Jungen anspreche. «Aber es ist nicht einfach, die Sportart bei den Jungen bekannt zu machen» sagt sie. Schliesslich sei das nur etwas für geübte Reiter – und die Geduld für reguläre Anfängerstunden würden viele Jungen nicht mitbringen. Was daran liegen könnte, dass die gängige Reitstall-Atmosphäre eher den Bedürfnissen der Mädchen entgegenkommt: ein Pony zum Liebhaben (das «letzte ultimative Kuscheltier»), mit anderen Mädchen Spass haben, sich die Schritte zum guten Reiten mit Geduld erarbeiten. Wenn diese Reitstall-Idylle in der Schweiz gut für Mädchen funktioniert, warum gibt es dann den Wirbel um die Jungen im Nachbarland? Es geht um Macht und Machterhalt. «Der Stellenwert einer Sportart läuft Gefahr zu sinken, wenn es eine reine Frauensportart wird», heisst es seitens der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Weniger Popularität, das heisst weniger internationales Interesse, weniger
Fernsehübertragungen, weniger Sponsoren, weniger Geld, weniger Sportförderung und schlussendlich Prestigeeinbusse sowie Machtverlust. Wie selbstverständlich sitzen heute überwiegend Männer im Leistungssport Springen im Sattel. Doch irgendwoher müssen da die Nachfolger kommen, und ein ländliches Turnier wird heute fast ausschliesslich aus einem Frauenpool bestritten. Eine sportliche Ursache für einen geringeren Stellenwert des Reitens bei höherer Frauenbeteiligung gibt es allerdings nicht. Anders als beim Tennis, wo ein Damenmatch langsamer und deshalb für manche weniger spektakulär ist. Aber Springreiten? Pferde springen nicht weniger gut, weil eine Frau darauf sitzt. Vom Mangel, eine Frau zu sein, hat die deutsche Springreiterin Meredith Michaels-Beerbaum in Interviews oft erzählt. Der Weg in die Männerdomäne der Nationalmannschaft war hart und steinig.
Das ist auch in der Schweiz ein Thema – man denke an die Zusammenstellung des Teams für die Olympischen Spiele 2012 in London. Sieben Reiter kamen in die Auswahl, vier Männer, drei Frauen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es doch ein reines Männerteam gibt, ist – Sie erraten es – sehr hoch. Was wären erste Schritte heraus aus diesem Dilemma der fehlenden Jungen an der Basis und der Ellbogen zeigenden Reiter an der Spitze? Drei Vorschläge: Selbstbewusste Spitzensportlerinnen, die Unterstützung finden. Ein Konzept der Dachverbände, das für ihre Zielgruppe Frau massgeschneidert ist. Und die wenigen Jungen, die reiten, brauchen Menschen, die ihnen den Rücken stärken. Damit es einen so glücklichen Verlauf nehmen kann wie beim ältesten Reitschüler von Patrick Schättin: 17 Jahre alt ist er heute, er reitet seit 10 Jahren und ist seit einiger Zeit stolzer Besitzer seines ersten eigenen Pferdes.
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