Die Temperaturen fallen, ein kalter Wind weht und Mitleid kommt auf, wenn wir Pferde draussen sehen … Doch auf unsere Stunden im Sattel wollen wir natürlich trotzdem nicht verzichten! Also was tun? Scheren? Eindecken? Nichts unternehmen? Im Folgenden ein kleiner Überblick aus wissenschaftlicher Sicht.
Text und Fotos Marie Roig-Pons*
Die thermoneutrale Zone (TNZ) wird definiert als «die Umgebungstemperaturspanne, in der sich die Wärmeproduktion eines Tieres nicht verändert». Anders gesagt: der Temperaturbereich, in dem ein Tier keine besonderen Strategien zur Regelung seiner Körpertemperatur einsetzen muss. Für an gemässigte Temperaturen angepasste Pferde liegt diese Zone zwischen 5 und 25 °C (sogenannte «kritische» Temperaturen). Die TNZ variiert allerdings je nach Region und Gewohnheiten der Pferde. Die Rasse und insbesondere das Alter spielen ebenfalls eine Rolle. Pferde haben vor allem deswegen eine so breite TNZ, weil sie in der Lage sind, sich den Anforderungen ihrer Umgebung anzupassen. Eine Gewichtszunahme im Winter ermöglicht es, eine isolierende Fettschicht und gleichzeitig eine Energiereserve aufzubauen, um im Bedarfsfall daraus Wärme zu generieren. Auch der Fellwechsel ist ein wesentlicher Faktor, der von den Umgebungstemperaturen beeinflusst wird und eine zweite Isolierschicht bildet. Diese ist für Feuchtigkeit und Wind anfällig: Schon ein leichter Wind reicht aus, um die Isolierfunktion des Fells um die Hälfte oder sogar bis auf ein Drittel zu reduzieren. Wenn die Temperaturen also weniger extrem sind, dafür aber feuchtes oder windiges Wetter herrscht, neigen Pferde eher dazu, sich unterzustellen.
Wie mit «extremeren» Temperaturen umgehen?
Ausserhalb seiner TNZ muss ein Pferd aktiv Wärme speichern oder produzieren. Pferde besitzen zahlreiche Strategien, um ihre Temperatur stabil zu halten: physiologische Veränderungen, Änderung ihrer Isolationsfunktion, Anpassung der Ernährung, angepasstes Verhalten. Zudem können sie von den vorab gebildeten Reserven zehren. Diese Gewichtszunahme ist demnach bedeutend, denn wenn keine solche erfolgen konnte, wird das Pferd mehr fressen müssen, um die fehlenden Reserven auszugleichen.
Welche Temperaturen Pferde ausserhalb der TNZ ertragen, hängt von ihren Möglichkeiten ab, auf die vorher genannten Strategien zurückzugreifen: also mehr fressen (vor allem faserreiche Nahrung), ihr Aktivitätsniveau steigern, das Fell aufstellen, aber auch sich im Fall von Wind oder Regen windgeschützt unterstellen. Pferde können also auch ziemlich extremen Temperaturen standhalten. Studien haben gezeigt, dass die Körpertemperatur sowie der Herz- und Atemrhythmus von Pferden, die allein und ohne Ad-libitum-Fütterung gehalten wurden, bei bis zu –3 oder sogar –7 °C unverändert blieben. Wenn alle vorab genannten Strategien frei von den Pferden angewendet werden können, so kann ein Pferd – gemäss Spezialisten – Temperaturen von ungefähr –15 °C aushalten.
Nun ist es aber so, dass der Aufbau des Winterfells und der Fettschicht für das Training problematisch sind, da das Pferd schneller schwitzt und manchmal dadurch nass bleibt nach der Arbeit. Um dem entgegenzuwirken, beschliessen viele Reiter, ihr Pferd teilweise oder ganz zu scheren. Es gibt nur wenige wissenschaftliche Studien zu den (positiven wie negativen) Auswirkungen einer Schur. Zum heutigen Stand konnte nur eine einzige Studie gefunden werden, die von Morgen et al. im Jahr 2002, welche sich auf einige Pferde bezieht, die während zehn Minuten bei erhöhter Geschwindigkeit (von 25 km/h bis 39 km/h) auf einem Laufband trainiert wurden. Es gab keine grossen Unterschiede zwischen den beiden Gruppen, ausser dass die geschorenen Pferde weniger schwitzten als die nicht geschorenen. Der grösste Effekt bezieht sich auf die Zeit der Erholung: Die geschorenen Pferde fanden schneller zu einer normalen Atemfrequenz zurück. Jedoch hat die im vorigen Paragraph erwähnte Studie ebenfalls gezeigt, dass die geschorenen Pferde ab 6 °C froren (Zittern und Sinken der Körpertemperatur) und damit 9 °C früher als die nicht geschorenen Pferde. Da sie nicht über ihre isolierende Fellschicht verfügen, brauchen sie bei sinkenden Temperaturen zusätzliche Unterstützung.
Trotz Winterfell eindecken?
Es ist sicherlich ratsam, geschorene Pferde bei tiefen Temperaturen einzudecken. Doch wie sieht es bei nicht geschorenen Pferden aus? Viele Reiter legen auch ihren nicht geschorenen Pferden eine Decke auf. Zu Recht oder zu Unrecht? Zunächst sollte man sich darüber im Klaren sein, dass Decken eigentlich für uns Menschen gemacht sind, deren TNZ weit weniger breit ist als die unserer Pferde (von ungefähr 20 bis 30 °C). Unser Empfinden ist jedoch anders als das der Pferde. Eine vor Kurzem durchgeführte Studie hat die Auswirkungen verschiedener Decken auf die Körpertemperatur einer Gruppe von tiefen Temperaturen (im Durchschnitt –12 °C bis zu einem Tiefstwert von –32 °C) ausgesetzten Pferden analysiert, die unbegrenzten Zugang zu Heu und Wasser hatten. Diese Studie hat vier Methoden miteinander verglichen: ohne Decke, Regendecke, mit 200 g und 400 g gefütterter Decke. Im Durchschnitt lagen die auf der Körperoberfläche der Tiere gemessenen Temperaturen bei 22,3, 26,8, 30,3 und 31,5 °C. Keinem der Pferde war kalt, selbst den Pferden ohne Decke, da man weit vom Minimum ihrer TNZ entfernt war. Die Pferde mit den mit 200 g und 400 g gefütterten Decken lagen mit einer Körpertemperatur von über 30 °C hingegen deutlich über ihrer TNZ. Ihnen war demnach zu warm. Allerdings ist zu beachten, dass diese Studie mit Pferden durchgeführt wurde, die an sehr kalte Temperaturen gewöhnt waren. Für unsere Pferde müssten folglich Versuche mit einer Durchschnittstemperatur von 0 °C (und Minimaltemperaturen von –15 °C) durchgeführt werden. Und wenn man die Pferde selbst fragen würde? Genau das war das Ziel einer norwegischen Studie, wo den Pferden beigebracht wurde, dem Menschen durch bestimmte Zeichen zu verstehen zu geben, ob sie eine Decke tragen wollten oder nicht. Die Ergebnisse sind beeindruckend: Alle Pferde haben gelernt, ihre Präferenz zum Ausdruck zu bringen, und diese war, abgesehen von Regentagen, auch mitten im Winter oft «keine Decke».

Schlussfolgerung
Pferde können sich sehr gut an Temperaturschwankungen anpassen und zwar deutlich besser als wir, die jegliche Entscheidungen für sie treffen. Unbeschränkter Zugang zu Heu und Wasser, ein Unterstand und die Gelegenheit, das Verhalten anzupassen sowie den Aufenthaltsort selbst zu wählen, ermöglichen es ihnen, deutlich unter 0 °C liegende Temperaturen gut zu ertragen. Diese Zahlen stammen aus Studien mit erwachsenen gesunden Pferden. Die Schur begünstigt eine schnellere Regeneration, aber ob sie wirklich sinnvoll ist für Pferde, die nicht regelmässig intensiv arbeiten? Jedes Pferd ist anders und schlussendlich ist es wohl am besten, sein Pferd aufmerksam zu beobachten, um sein Wohlbefinden sicherzustellen.
*Marie Roig-Pons arbeitet auf der Beratungsstelle Pferd von Agroscope, Schweizer Nationalgestüt, SNG.
Jeden Donnerstagabend erhalten Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten
ausgewählte Artikel sowie die nächsten Veranstaltungen bequem per E-Mail geliefert.