Was brauchen Sie, um wegzurennen? Ganz klar: die Füsse! Und womit wehren Sie sich, wenn der Lümmel aus der Parallelklasse in der Pause versucht, Sie anzugreifen? Mit den Fäusten. Jetzt stellen Sie sich vor, Sie seien ein Vierfüssler und würden nicht aufrecht stehen und auf zwei Beinen gehen, sondern wie ein Pferd auf vier Beinen laufen. Dann bräuchten Sie Ihre Hufe, um zu fliehen und würden sie auch kräftig schwingen, um damit einen Feind «k.o.» zu schlagen.
Fluchtwerkzeuge / Kampfwerkzeuge
Pferde sind Lauftiere und benutzen ihre Hufe als Fluchtwerkzeuge ebenso wie als Kampfwerkzeuge. Nur gesunde Hufe erlauben eine schnelle Flucht und können fest genug zutreten, um einen Angreifer auf Abstand zu halten. Und nur wenn es auch fest auf seinen vier Hufen steht, fühlt sich ein Pferd wirklich sicher und «standfest». Ein liegendes, ruhendes Pferd wird immer bestrebt sein, möglichst schnell aufzuspringen und auf seine vier Beine zu kommen, um im Gefahrenfall sofort lossprinten zu können. Seine Beine und damit auch seine Hufe sind also sein wichtigstes «Gut». Instinktiv weiss es genau, dass es sie behüten und beschützen muss… denn ohne sie ist es nicht fähig, zu fliehen oder sich zu wehren. Wer in der Wildnis nicht fliehen und sich nicht verteidigen kann, kann nicht überleben. Nicht zu Unrecht sagt daher auch der Volksmund «Ohne Huf kein Pferd!» – auch wenn die Menschen früher damit meinten, dass nur ein Pferd mit gesunden Hufen zur Arbeit taugt.
Hufe geben heisst vertrauen!
Damit Hufe aber gesund bleiben, müssen sie bei unseren Sport- und Freizeitpferden sorgsam gepflegt werden: täglich räumen Sie sie aus, waschen sie regelmässig und lassen sie in einigen Wochen Abstand vom Hufschmied berunden und vermutlich auch mit einem Eisen- oder Kunststoffbeschlag schützen. Das alles klappt natürlich nur, wenn Ihr Pferd Ihnen erlaubt, seine Hufe hochzuheben und an ihnen – oft lange – herum zu hantieren. Und dieses Erlauben setzt grosses Vertrauen voraus.
In dem Augenblick nämlich, in dem Ihr Pferd Ihnen willig seinen Huf überlässt, ist es nicht mehr fähig, zu fliehen. Würde es sich erschrecken, müsste es Ihnen mit Gewalt seinen Huf entziehen, um fortzulaufen. Und falls es meinte, sich verteidigen zu müssen, hätte es zunächst grosse Schwierigkeiten, sich aus dem eher wackeligen «Drei-Bein-Stand» heraus auf die Hinterhand zu erheben, um mit den Vorderhufen gezielt nach dem Feind zu schlagen. Auf drei Beinen mit hoch gehobenem Huf fühlt sich das Pferd also in einer für ein begehrtes Beutetier ausgesprochen unerquicklichen, ja geradezu riskanten Situation – es ist dann mehr oder minder hilflos.
Früh übt sich…
Wie aber gewöhnt man ein Pferd ans Hufegeben? In einem guten Pferdezuchtbetrieb beginnt der Züchter sehr früh, eigentlich gleich nach der Geburt damit, das kleine Fohlen an die Menschenhand zu gewöhnen. Natürlich kennt es Berührungen – seine Mutter beschnuppert es gleich nach der Geburt am ganzen Körper und leckt es mit ihrer warmen Zunge von Kopf bis zu den winzigen Hüfchen ab. Damit nimmt sie auch seinen ureigenen Geruch auf, den sie nun niemals wieder im Leben vergisst und an dem sie ihr eigenes Fohlen immer wieder erkennt. Kluge Züchter berühren daher ihre Jungfohlen bald am ganzen Körper und nehmen liebevoll-spielerisch mal das eine, mal das andere Hüfchen auf. So empfindet das junge Pferd es bald als vollkommen normal, vom Menschen angefasst zu werden. Es kennt ihn nur als liebevollen Beschützer und vertraut ihm daher so sehr, dass es sich auch nicht als hilflos empfindet, wenn er es einen Moment lang auffordert, auf drei Beinen zu stehen, während seine Hand das vierte – hochgenommene – Beinchen stützt.
Und Ihr Pferd?
Doch nicht jedes Jungpferd wird so regelmässig und umsichtig durch den Menschen betreut. Viele Pferde müssen erst später lernen, Berührungen zu erdulden – und je nachdem, wie sanft oder aber lieblos dieses «Lernen» geschieht, desto furchtloser oder aber ängstlicher und widersetzlicher reagieren sie.
Doch nicht jedes Jungpferd wird so regelmässig und umsichtig durch den Menschen betreut. Viele Pferde müssen erst später lernen, Berührungen zu erdulden – und je nachdem, wie sanft oder aber lieblos dieses «Lernen» geschieht, desto furchtloser oder aber ängstlicher und widersetzlicher reagieren sie.
text Christine Lange
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