Startschuss in die Aussensaison: Auf den Schweizer Spring- und Dressurplätzen kämpfen Reiter und Pferd wieder um Ruhm und Ehre, Plaketten und Geld. Und manchmal auch für das Ansehen der Schweizer Züchter. «Erfolgreiche Sporteinsätze sind wichtige Werbung», sagt Josef Hellmüller, Züchter und Sekretär des Verbands Cheval Suisse. Diese ist auch nötig, denn es sind bewegte Zeiten, in der sich die Zucht befindet. Ein Zeichen dafür sind die rückläufigen Fohlengeburtenzahlen. Im vergangenen Jahr wurden beim Bundesamt für Landwirtschaft 859 Schweizer Warmblutfohlen registriert. Vor zehn Jahren waren es 980 Fohlen. Auch die Belegzahlen sind rückläufig. «Die Schweizer Pferdezucht steht unter Druck», fasst Hansjakob Leuenberger, Präsident des Verbands Schweizerischer Pferdezuchtorganisationen, zusammen.
Teure Fohlenaufzucht
Die Probleme der Schweizer Pferdezüchter liegen auf der Hand: Bei der unsicheren Wirtschaftslage agieren Käufer vorsichtiger. Während der Blütezeit, vor dem Ausbruch der Finanzkrise, war es für die Züchter durchaus möglich, bei einer der zwei Fohlenauktionen in der Schweiz einen Sensationspreis zu erzielen. 20 000 Franken und mehr lagen im Rahmen des Möglichen. Klotzen statt Kleckern lautete das Motto.
Das hat sich geändert. An der Suisse-Elite-Fohlenauktion wurde beispielsweise im vergangenen Jahr kaum mehr als 10 000 Franken für eine Nachwuchshoffnung bezahlt. Der Durchschnittspreis für die 34 Fohlen lag bei 7400 Franken. Vor vier Jahren, im 2008, war er fast einen Drittel höher, bei 10 000 Franken. «Im Moment ist die Lage auf dem Fohlenmarkt ein wenig angespannt», sagt Peter Matzinger von der Pferdezucht Swiss Horse Management.
Viele Züchter setzen deshalb auf die Aufzucht der Fohlen. Sie bilden ihre Jungpferde gründlich aus, lassen sie vielleicht an einigen Springprüfungen teilnehmen und hoffen dann, einen geeigneten Käufer zu finden. «Ausgebildete Pferde verkaufen sich besser als Fohlen», sagt der St. Galler Züchter Werner Rütimann. Doch das ist teuer: Ein Fohlen aufziehen und solide von einer Fachkraft ausbilden lassen kostet Zeit und vor allem Geld. Futter, Löhne und Stallkosten – das summiert sich. Um kostendeckend zu wirtschaften sind die Preise für ein vierjähriges Schweizer Pferd sehr schnell im mittleren fünfstelligen Bereich. Hoch, um mit der steigenden Billig-Konkurrenz aus dem Ausland mitzuhalten. Das Einfuhrkontingent von 3822 Pferden ist in diesem Jahr schon nach den ersten drei Monaten zu 40 Prozent ausgeschöpft – eine Erhöhung auf Ende Jahr daher absehbar.
In den letzten Jahrzehnten brachten Züchter immer wieder Pferdepersönlichkeiten hervor, die auch international Höchstleistungen zeigten. Dennoch ist es schwer, gegen die alten und vor allem quantitativ grossen Zuchten wie Holsteiner, Hannoveraner oder Irländer anzukommen. In den Köpfen der nationalen und internationalen Sportszene geistern vor allem diese grossen Zuchtstämme herum.
Krach unterm Dach
Eine grosse Aufgabe für ein so kleines Land wie die Schweiz. Dafür bräuchte es gebündelte Kräfte. Jedoch brodelt es in den Verbänden. Vor vier Jahren hat sich eine Gruppe von Züchtern vom Zuchtverband ZVCH abgesetzt. Über die Gründe gibt es unterschiedliche Angaben. Von persönlichen Animositäten ist bei einigen Züchtern die Rede. Oder weil verschiedene Ansichten darüber herrschten, wie ein sinnvolles Körsystem auszusehen hat. Verhandlungen über eine Wiedereingliederung scheiterten. Seit 2010 gibt es deshalb einen zweiten Verband, den Cheval Suisse. Der ZVCH will sich zu der «alten Angelegenheit» nicht mehr äussern. Und auch Cheval Suisse will keine alten Wunden aufreissen. Was immer den Ausschlag gegeben hat: Für die sowieso schon kleine Warmblutzuchtbranche sind zwei Verbände viel. Zu viel? «Es braucht nicht zwei Verbände. Das ist unvernünftig», sagt Rütimann. Andere Züchter stimmen ihm zu. Ein Beispiel ist die erschwerte Kommunikation – nun werden über zwei verschiedene Kanäle die Öffentlichkeit, die Züchter, aber auch der Bund informiert. Dazu kommt die Krux mit den öffentlichen Geldern: Das Bundesamt für Landwirtschaft zahlt die Beiträge an Leistungsprüfungen neu nur, wenn der Eigentümer des Pferdes Mitglied bei einem der zwei Verbände ist. Ein Buhlen um möglichst viele Mitglieder scheint vorprogrammiert.
Internationaler Lichtblick
Bei all den Schwierigkeiten könnte sich der eine oder andere die Frage stellen: Braucht es eine Schweizer Warmblutzucht überhaupt? Und ist diese konkurrenzfähig? «Das sind durchaus berechtigte Fragen», sagt Leuenberger. Jedoch sieht er gewichtige Gründe, die dafür sprechen. Als Stichworte nennt der Tierarzt die sinnvolle Nutzung des Agrarlands, das grosse Know-how der Schweizer Züchter und nicht zuletzt auch wirtschaftliche Aspekte. «Die Pferdebranche in der Schweiz wächst stetig. Mit einheimischen Pferden fliesst das Geld nicht ins Ausland.»
Doch auch für die Käufer sind einheimische Pferde von Vorteil: «Man weiss, woher das Pferd kommt», betont Leuenberger. Diese Transparenz sei enorm wichtig. Auch Matzinger vom Pferdesportverband glaubt an die Zucht. «Schweizer Pferde haben durchaus eine Chance», sagt er. «Dank der Fortschritte der letzten Jahre brauchen wir uns nicht zu verstecken. Die Qualität stimmt.»
Vielleicht nicht zuletzt wegen der schwierigen Ausgangslage: Diese spornt die Züchter zu Höchstleistungen an. «Es steckt viel Herzblut und eine Portion Idealismus in unserer Zucht», sagt Rütimann. Zugute kommt den meisten Züchtern, dass sie entweder die Zucht als grosses Hobby betreiben – oder aber auf verschiedenen Standbeinen mit Pensions- und Ausbildungsställen stehen. So, dass nicht jeder Rappen zählt. Und ein Blick auf die internationalen Turnierplätze zeigt: Manchmal sieht man ein Schweizer Kreuz auf der muskulösen Hinterhand. Erst kürzlich sorgte der in der Schweiz zugelassene und nach Holland verkaufte Hengst Scendix GB aus dem Stall Grunder für Schlagzeilen: Der schöne Rappe ist seit Anfang Jahr im Beritt des Olympiasiegers und Weltmeisters Eric Lamaze. Und der Nachwuchs des Hengstes steht in der Schweiz schon in den Startlöchern. Solche Werbung ist Balsam für die Schweizer Sportpferdezucht.
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