Auf welchem Niveau und in welcher Sparte auch immer, im Sport wie im Freizeitbereich können sich Pferde verletzen. Wenn es das zu akzeptieren gilt, verpflichtet es uns auch, für einen gut funktionierenden Veterinärdienst zu sorgen. Am kürzlich ausgetragenen Gran Premio Merano klappte die tierärztliche Betreuung überhaupt nicht. Anlass genug, um die bei uns noch immer im Gang befindliche Diskussion über den Veterinärdienst an Springprüfungen weiterzuführen.
Die Thematik «Veterinärdienstliche Betreuung bei pferdesportlichen Veranstaltungen» ist seit Jahrzehnten nicht nur, aber vor allem in der Schweiz, ein Dauerbrenner. Wurden in früheren Jahren die Diskussionen vor allem durch unmittelbar Betroffene und Fachleute, also Tierärzte und Veranstalter, geführt, griffen später Pferdebesitzer und Reiter das Thema auf. In den letzten Jahren geriet das Problem dann auch durch Medienbeiträge bei Zuschauern und Tierschützern in den Fokus. Beim 76. Gran Premio Merano Gruppe 1 Steeple Chase über 5000 Meter bin ich als interessierter Zuschauer auf der wunderschönen Anlage im Südtirol mit dieser Problematik konfrontiert worden.
Als langjähriger veterinärmedizinischer Betreuer (Platztierarzt) von pferdesportlichen Veranstaltungen wie Springen, Militarys, Endurance und Fahrprüfungen galt mein Augenmerk beim Betreten des wunderschönen Geländes aus Gewohnheit der Suche nach dem Standort der tierärztlichen Versorgung auf dem Gelände. Prima vista konnten keine veterinärmedizinische Infrastrukturen oder tierärztliches Personal geortet werden.
Bis zum Hauptereignis des Tages, dem abschliessenden Gran Premio, hatten sich die zu Beginn aufgekeimten Gedanken längst verflüchtigt. Nach gelungenem Start mit 14 crossgewohnten Pferden unter der Führung von erfahrenen europäischen Spitzenjockeys erlebten die engagierten Zuschauer ein ruhiges, geordnetes Rennen bei besten Bodenverhältnissen. Am Ende der letzten Diagonalen, welche über den Platz direkt Richtung Tribünen führt, um dann nach einer letzten Vollrunde die Pferde zur Zielgeraden zu leiten, wartete zum zweiten Mal der imponierende Talus auf den Pulk. Dabei sprang der weit vorne als Mitfavorit laufende Perfect Gentleman, ein 10-jähriger irischer Wallach, unter dem sehr erfahrenen Jagdreiter Ruby Walsh etwas früh ab und landete nach flacher Flugkurve unglücklich auf der Vorhand, ging kopfüber und blieb, nachdem er noch von einem nachfolgenden Pferd berührt worden war, neben dem offensichtlich unverletzt gebliebenen Reiter liegen. Das Pferd versuchte noch kurz aufzustehen, was der Jockey zu verhindern suchte, indem er sich auf den Hals seines Tieres setzte. Dies wohl mit der schlimmen Vorahnung, dass es sich um einen Genickbruch handelte. Walsh versuchte vergeblich mittels verzweifelter Gesten Hilfe beziehungsweise tierärztliche Betreuung zu erhalten. Während dieser Minuten, in denen das Pferd mit letzten Gliedmassenbewegungen verschied, geschah auf der Bahn nichts. Im Publikum hingegen machte sich Unruhe breit, die Blicke blieben auf dem Tatort, das Rennen wurde «nebenbei» fertig gelaufen. Während der Siegerehrung, also gut 15 Minuten nach dem Unfall, wurde der Kadaver notdürftig verdeckt durch einen von zwei Helfern herbeigefahrenen Jeep. Anschliessend gelangte ein Traktor mit einer Frontschaufel zum Einsatz. Als der Traktorfahrer, immer noch während der nicht gross beachteten Siegerehrung, vergeblich versuchte, den Steepler auf beziehungsweise in die Schaufel zu bringen, erschienen drei weitere Helfer, die das «Schauspiel» mit zwei grossen Tüchern den Augen des geschockten Publikums zu entziehen suchten. Endlich erschienen in gemächlichem Schritt ein «Offizieller» zusammen mit einem Tierarzt (?). Sie begutachteten das Pferd kurz hinter der Abdeckung und entfernten sich alsbald wieder Richtung Tribüne.
Fazit: Nach meinem Empfinden, welches, wie ich zu erkennen glaube, auch von Tausenden sonst eher hart gesottenen italienischen Rennbahnbesuchern geteilt wurde, ist es unerlässlich, dass pferdesportliche Veranstaltungen tierärztlich kompetent und lückenlos betreut werden müssen. Dies besonders dann, wenn sie über (feste) Hindernisse führen. Es können jederzeit bei pferdesportlichen Veranstaltungen Ereignisse auftreten, welche professionell gemanagt werden müssen. Ansonsten können Pferdesportveranstaltungen längerfristig vermehrt in den Fokus nicht nur von Tierschützern oder Publikum, sondern auch der Gesellschaft im Allgemeinen geraten. Dadurch würde das Image von Equinen Events längerfristig leiden.
Dieser Artikel ist als Diskussionsbeitrag zum immer noch schwelenden Brand zwischen Verband, Veranstaltern und Tierärzten bei Springprüfungen in der Schweiz gedacht.
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Bis zum Hauptereignis des Tages, dem abschliessenden Gran Premio, hatten sich die zu Beginn aufgekeimten Gedanken längst verflüchtigt. Nach gelungenem Start mit 14 crossgewohnten Pferden unter der Führung von erfahrenen europäischen Spitzenjockeys erlebten die engagierten Zuschauer ein ruhiges, geordnetes Rennen bei besten Bodenverhältnissen. Am Ende der letzten Diagonalen, welche über den Platz direkt Richtung Tribünen führt, um dann nach einer letzten Vollrunde die Pferde zur Zielgeraden zu leiten, wartete zum zweiten Mal der imponierende Talus auf den Pulk. Dabei sprang der weit vorne als Mitfavorit laufende Perfect Gentleman, ein 10-jähriger irischer Wallach, unter dem sehr erfahrenen Jagdreiter Ruby Walsh etwas früh ab und landete nach flacher Flugkurve unglücklich auf der Vorhand, ging kopfüber und blieb, nachdem er noch von einem nachfolgenden Pferd berührt worden war, neben dem offensichtlich unverletzt gebliebenen Reiter liegen. Das Pferd versuchte noch kurz aufzustehen, was der Jockey zu verhindern suchte, indem er sich auf den Hals seines Tieres setzte. Dies wohl mit der schlimmen Vorahnung, dass es sich um einen Genickbruch handelte. Walsh versuchte vergeblich mittels verzweifelter Gesten Hilfe beziehungsweise tierärztliche Betreuung zu erhalten. Während dieser Minuten, in denen das Pferd mit letzten Gliedmassenbewegungen verschied, geschah auf der Bahn nichts. Im Publikum hingegen machte sich Unruhe breit, die Blicke blieben auf dem Tatort, das Rennen wurde «nebenbei» fertig gelaufen. Während der Siegerehrung, also gut 15 Minuten nach dem Unfall, wurde der Kadaver notdürftig verdeckt durch einen von zwei Helfern herbeigefahrenen Jeep. Anschliessend gelangte ein Traktor mit einer Frontschaufel zum Einsatz. Als der Traktorfahrer, immer noch während der nicht gross beachteten Siegerehrung, vergeblich versuchte, den Steepler auf beziehungsweise in die Schaufel zu bringen, erschienen drei weitere Helfer, die das «Schauspiel» mit zwei grossen Tüchern den Augen des geschockten Publikums zu entziehen suchten. Endlich erschienen in gemächlichem Schritt ein «Offizieller» zusammen mit einem Tierarzt (?). Sie begutachteten das Pferd kurz hinter der Abdeckung und entfernten sich alsbald wieder Richtung Tribüne.
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