Jedes Jahr fehlen Lehrstellen – vor allem für Jugendliche mit einer Lern- oder psychischen Beeinträchtigung, ist es schwierig, einen geeigneten Ausbildungsplatz zu finden. Das Nationale Pferdezentrum Bern bietet neu entsprechende Lehrstellen an. Herausforderungen, Freuden und Überraschungen erleben die Lernenden damit täglich.
Vera Perler hat diesen Juli ihre zweijährige Ausbildung Pferdewartin mit eidgenössischem Berufsattest (EBA) im Nationalen Pferdezentrum erfolgreich abgeschlossen. Vera ist lernbeeinträchtigt und wurde bereits während ihrer Lehrzeit von der IV und der Stiftung Bächtelen unterstützt. «Es waren zwei tolle Ausbildungsjahre», sagt sie begeistert. Vera hat ein eigenes Pferd, mit dem sie im letzten Jahr die regionale Springlizenz erwarb und erfolgreich an Turnieren startet. Das Nationale Pferdezentrum bot der heute 19-Jährigen nach ihrem Abschluss an, für ein weiteres Jahr hier zu arbeiten.
Gezielte Förderung
«Vera hat sich in den drei Jahren, seit sie bei uns ist, enorm weiterentwickelt», verrät uns Fränzi Malandra, die Lehrmeisterin von Vera, «sie ist viel selbstbewusster geworden und kann heute Arbeiten selbstständig und in Eigenverantwortung ausführen.» Der Schritt, den die Jugendlichen in ihrer Lehrzeit machen, ist beeindruckend, bestätigt auch Nadine Zwahlen. Sie ist Fachlehrerin am Inforama Rüti und unterrichtet die EBA-Lehrlinge. «Es ist wichtig, die persönlichen Fähigkeiten jedes Einzelnen zu erkennen und diese auch gezielt zu fördern», so Zwahlen. Vor allem Erfolgserlebnisse sind für die jungen Erwachsenen wichtig, um vorwärtszukommen. Mit Hilfe der IV erhält Vera auch nach ihrem Abschluss einmal im Monat ein Coaching. Das hilft ihr und ihren Vorgesetzten, gezielt an ihren Schwachstellen zu arbeiten. Es geht nicht nur darum, Fachliches zu lernen, sondern auch Lebenserfahrung zu sammeln.
Ausbildungsplatz NPZ
Seit August 2016 absolvieren zwei weitere Jugendliche mit Lernbeeinträchtigung einen Teil ihrer Ausbildung im Nationalen Pferdezentrum Bern. Das Steinhölzli in Liebefeld, eine Stiftung mit Ausbildungsangeboten für junge Erwachsene mit einer Lernbeeinträchtigung, schloss seinen Ausbildungsbereich im Pferdebereich und suchte zwei geeignete Ausbildungsplätze für Philipp Tanner und Lars Jansen, die bereits das erste Jahr ihrer Ausbildung zum Pferdewart abgeschlossen hatten. Im NPZ haben sie den passenden Ort gefunden. Mit der Unterstützung von Fritz Rüegsegger, dem ehemaligen Lehrmeister der beiden Jugendlichen, absolvieren Philipp und Lars nun ihr letztes Ausbildungsjahr im NPZ. Fritz Rüegsegger, der die beiden Jugendlichen bereits seit ihrem ersten Lehrjahr betreut, ist davon überzeugt, dass die beiden im NPZ viel profitieren können: «Das ist wichtig, denn schon bald müssen sie sich der freien Marktwirtschaft stellen.»
Mehr Pferde und mehr Arbeit
Im NPZ gibt es immer viel zu tun – Lars und Philipp sind jeden Tag gefordert. Im Steinhölzli hatten die beiden vor allem mit Therapiepferden gearbeitet, der Umgang mit Sport- und Armeepferden ist anspruchsvoller. Beide Jungs sind jedoch überaus motiviert und meistern ihre neuen Aufgaben im grossen Betrieb sehr gut. «Hier gibt es mehr Pferde und mehr Arbeit», betont Philipp, «die Arbeit im Team macht besonders Spass.» Auch Lars hat sich im NPZ sehr gut eingelebt. Er ist dem Stall von Karin Rutschi zugeteilt und hat dort auch bereits ein Lieblingspferd. Die beiden Jugendlichen sind mittlerweile fester Bestandteil des NPZ-Teams. Zweimal in der Woche kommt Fritz Rüeggsegger für einen halben Tag vorbei und unterrichtet Lars und Philipp. Diese zusätzliche Betreuung ist für das NPZ sehr wichtig, da im Alltag die gezielte Förderung der beiden untergehen könnte.
Kommunikation als Grundlage
Im Nationalen Pferdezentrum ist man sehr zufrieden mit der Entwicklung der beiden Lehrlinge. Zu Beginn war es jedoch für die Lehrmeister im NPZ eine Herausforderung. Abläufe und Verantwortlichkeiten mussten genauer definiert sowie Checklisten erstellt werden. Klare Strukturen sind für Lars und Philipp sehr wichtig. Auch Nadine Zwahlen, die auf eine jahrelange Erfahrung in der Ausbildung zurückblicken kann, kennt die Herausforderungen an Lehrbetriebe und Ausbilder von lernbeeinträchtigten Jugendlichen nur allzu gut. «Vertrauen ist elementar», erklärt sie. Eine transparente Kommunikation zwischen Lehrer, Lehrmeister, Eltern oder Vormund ist sehr wichtig. Damit die Jugendlichen die unterschiedlichen Parteien nicht gegeneinander ausspielen, empfiehlt sie, sich regelmässig an einem runden Tisch auszutauschen.
Grundstein für die Zukunft
Der zusätzliche Aufwand für die Betreuung und Ausbildung lernbeeinträchtigter Jugendlicher lohnt sich. Oftmals sind sie motivierter und dankbarer als Normalbegabte. Auch die Entwicklung der Lehrlinge zu beobachten, bereitet sehr viel Freude. «Egal, wie gross der Rucksack ist, wenn der Jugendliche will, funktioniert es», erklärt Nadine Zwahlen. Mit der Ausbildung wird der Grundstein für eine gute Integration in die Arbeitswelt gelegt. Damit tragen die Ausbildungsstätte und die Lehrmeister eine grosse Verantwortung. Das NPZ ist glücklich mit der Entscheidung, Jugendlichen mit einer Lernbeeinträchtigung eine Chance zu geben und ihnen einen Ausbildungsplatz zu bieten – die ersten Erfahrungen sind überaus positiv.
Freie Lehrstellen für 2017
Auch für das Jahr 2017 bietet das Nationale Pferdezentrum zusammen mit der Institution «Steinhözli Bildungswege» Lehrstellen im Bereich der Pferdepflege für Jugendliche mit Lern- oder psychischen Beeinträchtigungen an. Die Lehrlinge erhalten eine fundierte Ausbildung rund ums Pferd und werden in den Arbeitsalltag sowie das Team des NPZ integriert. Zudem besteht für die Lehrlinge die Möglichkeit, in den Wohngruppen des «Steinhölzli» mit durchgehender Betreuung unterzukommen und ihre Fach-, Sozial- und Selbstkompetenzen im gemeinsamen Leben weiterzuentwickeln.
Weitere Informationen
www.steinhoelzli.ch oder telefonisch 031 336 13 13 (NPZ)
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