Ein Pferd setzt seine oberen Schneidezähne auf der Krippe auf, biegt den Hals durch und spannt die unteren Halsmuskeln, gleichzeitig stösst es ein rülpsendes Geräusch aus; dieses Verhalten wird in der Fachsprache Koppen genannt. Ein anderes Pferd webt, das heisst, es pendelt mit Kopf und Hals hin und her und verlagert sein Gewicht im gleichen Takt von einem Vorderbein auf das andere. Und ein drittes Tier dreht entlang seiner Boxenwand Runde um Runde; hier wird von Boxenlaufen gesprochen. Solche als Stereotypien bezeichneten Verhaltensstörungen bei Pferden zeugen von einer aktuellen oder früheren schlechten Lebensqualität.
Studie untersuchte die physiologische Antwort auf Stress
Stereotypien sind ausschliesslich bei Tieren, die in Gefangenschaft leben, zu beobachten. Sie treten als sich wiederholende, ständig gleichbleibende Handlungen ohne ersichtliches Ziel und mit häufig zwanghaftem Charakter auf. Tiere mit einer entsprechenden genetischen Veranlagung, die zudem unter Dauerstress oder in häufigen Konfliktsituationen leben oder wiederholten Frusterlebnissen ausgesetzt sind, zeigen am häufigsten Stereotypien.
Eine soeben veröffentlichte Studie von Agroscope, den Universitäten Neuenburg und Bern sowie der ETH Zürich untersuchten die physiologische Antwort auf Stress von koppenden und nicht stereotypierenden Kontrollpferden. Dazu verwendeten die Forschenden einen ACTH-Stimulationstest, den sie bei 22 koppenden und 21 Kontrollpferden durchführten. Den Tieren wird dabei proportional zum Körpergewicht eine synthetische Variante des Hormons ACTH (adrenocorticotropes Hormon) gespritzt, welches wie in einer tatsächlichen Stresssituation die Freisetzung des Stresshormons Cortisol stimuliert. Dieser Test erlaubt, die physiologische Stressreaktion auf einen standardisierten Auslöser zu messen, ohne dass die Pferde sich dessen bewusst wären. Die Resultate: Kopper scheiden während des Tests im Speichel mehr Cortisol aus als die Kontrollgruppe.
Erstaunlich ist auch, dass die Forschenden bei den sieben Koppern, die während des dreistündigen Tests gerade nicht koppten, einen noch höheren Cortisol-Wert feststellten. Kopper reagieren einerseits empfindlicher und stärker auf Stress als andere Pferde; andererseits scheint das Koppen auch eine Strategie zu sein, um besser mit Stress umgehen zu können. Dass es deshalb kontraproduktiv ist zu versuchen, Pferde am Koppen zu hindern, liegt auf der Hand. Vielmehr sollten sich die Besitzer und Halter überlegen, wie sie die Lebensqualität koppender Pferde verbessern können.
Wichtiger Beitrag, um Stereotypien besser zu verstehen
Das international bekannte Fachmagazin «Physiology and Behavior» aus dem global tätigen Medienkonzern Reed Elsevier erkannte den wissenschaftlichen Wert dieser Studie mit dem klingenden Namen «The physiological consequences of crib-biting in horses in response to an ACTH challenge test – Die physiologischen Kon-sequenzen von Koppen bei Pferden als Reaktion auf einen ACTH-Challenge-Test». Das Magazin veröffentlichte die entsprechende wissenschaftliche Publikation bereits. Insgesamt liefert die Studie einen wichtigen Beitrag dazu, die Stereotypien bei Tieren besser zu verstehen.
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