Schluss mit langeweile
Mittlerweile ist wissenschaftlich bewiesen: Pferde in Gruppenhaltung bewegen sich nicht wesentlich mehr als Pferde in Einzelhaltung. Es sei denn, es wird für zusätzliche Bewegungsanreize gesorgt. Romo Schmidt ist Bauingenieur und Fachbuchautor auf dem Gebiet der Pferdehaltung. Er selbst sieht sich weniger als «Experten», sondern vielmehr als Pferdemenschen, der sich bemüht, bestimmten Dingen auf den Grund zu gehen. Er fordert: «Nach Romo Schmidt, Bauingenieur und Fachbuchautor dem sich in den Köpfen der Pferdebesitzer langsam die positiven Eigenschaften der offenen Gruppenhaltung gefestigt haben, muss die Entwicklung jetzt dahin gehen, die klassischen Offenställe durch Bewegungsanreize aufzuwerten.» Der Weg dorthin führt über spezielle Anordnungen und die Beschaffenheit der Auslauf- und Stallfläche. Die meisten Offenställe, und auch einige Paddocks, besitzen gewisse Strukturen, aber meist keine, welche die Pferde zur Bewegung zwingen. Für eine solche Aufwertung kommen zwei unterschiedliche Systeme in Frage.
Bewegung mit System
Zum einen gibt es den Rundkurspaddock – auch «Racetrack Paddock» oder «Paddock Paradise» genannt – und zum anderen die Offenställe oder Paddocks mit Hindernissen und verlängerten Laufwegen. Das System «Paddock Paradise» erlangte durch den bekannten Pferdemann und Hufschmied Jamie Jackson vor allem in den USA grosse Bekanntheit. Beim zweiten Aufwertungssystem, dem Offenstall mit Hindernissen, wird die Dynamik dadurch erzeugt, dass die Einrichtungen, die die Pferde aufsuchen, möglichst weit weg voneinander stehen. «Und wenn das durch mangelnden Platz nicht möglich ist, dann müssen die Entfernungen durch künstliche Umleitungen geschaffen werden», erklärt Romo Schmidt. Kathrin erinnert dieses Vorgehen ein wenig an die Spiegel, die sie in ihrer Wohnung aufhängen will. Ohne dass sich die Grundfläche der Wohnung wirklich ändert, wirken die Räume durch gezielt platzierte Spiegel deutlich grösser und heller.
Auf freier Fläche gehen Pferde – ganz pragmatisch – meist den direkten und damit kürzesten Weg zu ihrem Wunschort. Durch gezielt aufgestellte Zwischenzäune können Pferdebesitzer diese Laufwege verlängern. Wegstrecken zwischen interessanten Plätzen, wie Futterstellen für Kraft- und Raufutter, Tränke, Pferdetoilette, Ruheraum und Wälzstelle, erhöhen die tägliche Bewegung und auch die Gruppendynamik – ganz gleich, ob die Strecken durch ein grosses Platzangebot entstanden sind oder künstlich geschaffen wurden.
Natürliches Fressen
Eine weitere Anlaufstation, die Pferdehalter auf dem Paddock schaffen können, ist ein im Boden versenkter Salzoder Mineralleckstein, der von den Pferden ausgescharrt und dann benutzt wird. Ähnlich wie bei Heuraufen ist von Ruhebereiche müssen miteingeplant werden. einer Anbringung oberhalb der Buggelenkhöhe abzuraten. Ein negatives Beispiel für die Anbringung eines Lecksteins. Fressen und Lecken vom Bodenniveau aus ist für Pferde die natürlichste und damit gesündeste Körperhaltung.
Als Umleitungsmaterial zu den unterschiedlichen Stationen auf einem Paddock eignen sich grosse am Boden liegende Baumstämme besonders gut. Allerdings sind diese leider oft teurer als Holz- oder Metallzäune. «Die Zwischenzäune dürfen aber nicht aus Elektroband bestehen», warnt Romo Schmidt. «Ein Elektrozaun wirkt respekteinflössend und könnte bei Pferden, die sich auf engem Raum befinden, Stress auslösen.»
Die Breite solcher Verbindungswege, die man auf einem Paddock anlegen kann, richtet sich ganz nach der individuellen Gruppe – also nach Pferdeanzahl und Sozialverhalten. «In kleineren und harmonischen Gruppen kann die Wegbreite zwischen drei und vier Metern liegen», rät der Fachbuchautor. Über diese künstlich verlängerten Wege kann Kathrins Wallach dann zwischen verschiedenen Stationen hin und her pendeln. Tränke, Raufutterplatz mit Heunetz, Mineralleckstein und Wälzplatz sind feste Anlaufstellen, die sie ihrem Schützling bieten kann.
Kreative Spielangebote
Um im Winter eine Schlammschlacht zu vermeiden, können Paddockgestalter die Bereiche rund um die Tränke und die Futterstellen befestigen. Paddocklochmatten, Beton- oder Kunststoffpflaster und viele andere Produkte mit ihren Vor- und Nachteilen stehen bei der Bodenbefestigung zur Auswahl. Grundsätzlich gilt: je mehr unterschiedliche Bodenbegebenheiten, desto besser. Bewegung auf unterschiedlichen Böden stärkt langfristig die Hufqualität und damit die Pferdegesundheit. Natürlich ist so eine Umgestaltung keine ganz billige Sache. Behält man aber die langfristige Gesundheit des Pferdes durch vermehrte Bewegung im Fokus, lohnt sich die Investition in längere Laufwege.
Romo Schmidt berichtet von einer Strukturierungsmassnahme in einer Braunschweiger Versuchsanlage, die im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit erstellt wurde (siehe Grafik oben): «Die Kosten für diese Massnahme beliefen sich, ohne Montage und Frachtkosten, auf etwa 1 800 Euro.» Das entspricht rund 2 170 Schweizer Franken. Zukünftig will Kathrin ihren Schützling in seinem neuen Auslauf auch mit Baumstämme dienen als Umleitungs material zwischen den Stationen. Spielzeug und Knabbergelegenheiten geistig sowie körperlich herausfordern. Leckerli, die in einen geschlossenen Eimer gefüllt werden und von den Pferden durch Drehen und Herumrollen des Eimers ans Tageslicht befördert werden, können Spass und Abwechslung bringen. Auch Pezzibälle werden von vielen Pferden gut angenommen und gerne herumgerollt. Klassiker sind Spielbälle mit Henkel aus bissfestem, widerstandsfähigem Material, die von Pferden herumgetragen und «geworfen» werden.
«Nur Arbeit macht dumm»
Was Beschäftigungsmöglichkeiten angeht, sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Allerdings sollten Pferdehalter nicht aus den Augen verlieren, dass Pferde in der Freiheit nur einen sehr geringen Teil ihrer Zeit mit Spielen verbringen. In freier Wildbahn gilt die sogenannte 95/5-Regel. Sie besagt, dass Pferde 95 Prozent der Tageszeit ihren gewohnten und normalen Tätigkeiten wie Futter suche, Fressen und Ruhen nachgehen. Nur fünf Prozent der Zeit verwenden sie dagegen für aussergewöhnliche Dinge wie Spielen, Herumtoben, Rangkämpfe, Flucht und Fortpflanzung.
Im Gegensatz zur Bewegung hat der Aspekt des Spielens also eine untergeordnete Bedeutung. In den 16 bis 18 Stunden pro Tag, in denen wild lebende Pferde kleine Mengen fressen und sich dabei meist im Schritt fortbewegen, legen sie 15 bis 30 Kilometer zurück. Bei diesen Argumenten wird Kathrin natürlich klar, dass eine Investition in ein Wegenetz auf dem Paddock deutlich notwendiger ist als in Spielzeug. Aber wie sagte schon Karl Marx: «Nur Arbeit und kein Spiel macht dumm.»
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