Fahren ist offensichtlich nicht mehr modern. 2017 haben 193 Fahrer ihr Brevet absolviert, ein Jahr zuvor waren es noch 252 Fahrer gewesen. Auch die Zahl der Warmblutpferde, die eingefahren werden, ist stark rückläufig. Zu Unrecht findet das Nationale Pferdezentrum Bern – das Fahren bringt ungeahnte Vorteile für Pferd und Reiter.
Militärpferde wurden zu Zeiten der Kavallerie ausnahmslos für den Dienst eingefahren. Das war vor allem für die ausserdienstliche Verwendung wichtig. Bis zu 6000 Eidgenossen standen während 340 Tagen im Jahr im Zug, ist im Buch «1890–1990 Die Eidgenössische Militärpferdeanstalt» zu lesen. Noch heute werden aus gutem Grund alle Reitpferde der Armee eingefahren. «Es ist egal, ob das Pferd später gefahren wird oder eben nicht. Das Einfahren wirkt ergänzend. Es macht die Ausbildung vielseitig», sagt Fritz Schmid, Leiter der Sparte VBS/Pferdeausbildung im NPZ.
Abwechslung und Motivation
Fritz Schmid ist bereits seit über 20 Jahren im Nationalen Pferdezentrum als Fahrer tätig und hat über 2500 Pferde eingefahren. «Irgendwie fehlt mittlerweile die Idee, dass das Pferd neben dem Reiten gefahren wird», bestätigt er. Die Gründe: In der Landwirtschaft und im Transportwesen wird es nicht mehr als Zugkraft gebraucht. Zudem benötigt das Fahren mehr Zeit, für Geschirre und Kutschen braucht’s mehr Platz und es ist entsprechend kostenintensiv. Schmid ist jedoch davon überzeugt, dass das Fahren einen Platz in der Grundausbildung des Pferdes finden sollte. Ausbildungspferde werden im NPZ meist parallel ausgebildet. Schmid erklärt das so: «Für die Pferde ist das Fahren und Reiten gleichzeitig sinnvoll. Sie müssen nicht jeden Tag dasselbe machen und werden mit viel Abwechslung ausgebildet.» Aber auch ein bereits gerittenes Pferd kann Freude am Fahren entwickeln. Wem sind nicht «reitfaule» Pferde bekannt: Sie lassen sich nur mit viel Mühe vorwärtstreiben und arbeiten mässig motiviert mit. Für diese Typen könnte das Fahren eine positive Wirkung haben – weniger Wendungen und mehr geradeaus. Vor allem im Zweispänner entwickeln Pferde mehr Gangfreude.
Ein Freund an der Seite
Zu Beginn muss das Pferd die Abläufe in- und auswendig kennenlernen. Ist es an Geschirr, Zugstrangen an den Beinen und das Lenken gewöhnt, wird es im NPZ zunächst im Zweispänner gefahren, später kommt auch die Ausbildung im Einspänner dazu. Ein erfahrener, sicherer «Lehrmeister» an der Seite erleichtert die Arbeit. «Dieser gibt der Remonte die nötige Sicherheit. Das junge Pferd orientiert sich am alten. So wie es in der Natur ja auch ist», meint Schmid. Der leitende Tierarzt im NPZ, Dr. med. vet. Beat Wampfler, fügt hinzu: «Ist ein Jungspund mal etwas frech, kann der ‹Lehrmeister› ihn erziehen – der Junge darf sich bei dem Alten nun mal keinen ‹Quatsch› erlauben.» Da das Pferd ein Herdentier ist und die Gesellschaft von anderen Equiden sucht, geht der Mensch auf die natürlichen Bedürfnisse ein und macht sie sich zunutze. Die Pferde geben sich gegenseitig Sicherheit, motivieren und unterstützen sich.
Besonders positiv wirkt sich das Fahren auch für die Gewöhnung des Pferdes an äussere Einflüsse aus: Strassenverkehr, laute Geräusche, ungewöhnliche Plakate – die Pferde lernen mit sehr vielen Reizen umzugehen. Mit dem Wagen befindet man sich doch häufiger auf der Strasse als beim Reiten. Auch hier bietet die Ausbildung am Zweispänner Vorteile. Das junge Pferd wird zuerst rechts eingespannt und wird so durch den Lehrmeister vom Verkehr abgeschirmt. Wampfler sieht noch einen weiteren positiven Aspekt: «Die Pferde müssen lernen, geduldig zu sein. Sie müssen warten, wenn das andere Pferd angespannt wird und müssen auch im Strassenverkehr wie jeder andere Verkehrsteilnehmer vor einer roten Ampel anhalten.»
Fahren unterstützt Gesundheit
Bereits zu EMPFA-Zeiten wussten die Fahrer um den positiven Aspekt des Fahrens für das Reitpferd: Arbeitet das Pferd ein- bis zweimal pro Woche ohne Reitergewicht, stellt dies eine Entlastung für den Rücken dar. Während des zweiten Teils der militärischen Fahrausbildung zogen die Remonten mit einem Lehrmeister eine Schleppe (spezieller Schlitten). Dies war die geeignetste Methode zur Entwicklung von Muskel- und Zugkraft sowie der Förderung des Schritts. Durch die konstante Bewegung kam es zu keiner Überbelastung der Schultern. Auch aus heutiger Sicht unterstützt das Fahren die Gesunderhaltung, denn es bietet eine abwechslungsreiche und muskelstärkende Tätigkeit. Das Ziehen kräftigt besonders die Hinterhand, den Rücken und die Schultern. Anstrengend wird es in sandigem Boden sowie bergauf.
Enge Wendungen wie beim Reiten sind am Wagen zudem nur bedingt möglich. So ist das Geradeausfahren sehr gelenkschonend für die Pferde. Daher werden auch Reha-Pferde im NPZ eingespannt. «Vor dem Wagen können sie sich besser lockern und lösen als unter dem Sattel», bestätigt Wampfler. Zudem haben sie auf Asphalt kaum zu ziehen, was noch nicht voll trainierte Pferde sehr schont. Bevor jedoch das Pferd einfach vor die Kutsche gespannt wird: Es ist einiges an Geschirr und Erfahrung nötig, um ein Gespann sicher zu lenken. Sind die Pferde das Fahren nicht gewohnt, kann es zu starkem Muskelkater oder auch Druckstellen kommen. Die Pferde müssen aus diesem Grund langsam aufgebaut werden. Genauso wichtig wie ein passender Sattel für das Reiten ist für das Fahrpferd ein passendes Geschirr.
Auch für Reiter bringt das Fahren Vorteile. Zum Beispiel wird vorausschauendes Denken gefördert, denn eine Kutsche ist um einiges länger und unflexibler als ein Reiter mit dem Pferd. Reiter zeigen am Anfang mit den langen Leinen oft Mühe. Sie fühlen sich zu weit weg vom Pferd, Hilfen mit Gewicht und Schenkel sind nicht möglich. Doch diese Hilfengebung vermittelt ein neues Verständnis: Es entwickelt sich ein neues Vertrauensverhältnis. Zu einer neuen Beschäftigung kann das Fahren ebenfalls nach Krankheit oder Unfall werden. Wenn nur noch bedingt oder nicht mehr geritten werden kann, bietet das Fahren eine Alternative. Und noch ein wichtiger Vorteil: Fahren ist ein Teamsport, Familie, Freunde oder Partner haben Platz auf dem Wagen und müssen nicht vom Boden aus zuschauen.
1500 Pferde eingefahren
Im Nationalen Pferdezentrum werden heute noch wie zu EMPFA-Zeiten Pferde eingefahren. Das Fahrteam bestehend aus WM-Sieger Werner Ulrich, Fritz Schmid (Leiter der Sparte VBS/Pferdeausbildung) und Martin Baumgartner (Fahrlehrer) ergänzt sich perfekt, bringen sie es zusammen doch auf rund 100 Jahre Pferdeerfahrung. Seit der Gründung des NPZ vor gut 20 Jahren wurden um die 1500 Pferde eingefahren.
NPZ – NATIONALES PFERDEZENTRUM BERN
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