Ueli Zimmermann aus dem bernischen Dürrenroth ist ein erfahrener Züchter. Bereits 45 Fohlen haben in seinem Stall das Licht der Welt erblickt. Auch Freibergerstute Clivia wurde von ihm gezogen. Zimmermann erlebte in all den Jahren zahlreiche unkomplizierte Geburten und schöne Momente. Aber als seine fast 20-jährige Freibergerstute Clivia nach einer problemlosen Trächtigkeit mit ihrem achten Fohlen in den Wehen lag – zwei Tage vor dem errechneten Geburtstermin–, bemerkte der erfahrene Züchter bald, dass etwas nicht stimmte. Tierarzt Stefan Büchi wurde eilends herbeigeholt.

Operation im Stehen

«Das Fohlen lag in falscher Position im Uterus und bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass es nicht mehr am Leben war», erklärt der Veterinär. Clivia hatte starke Schmerzen mit Presswehen, da eine normale Geburt mit dem verkeilten Fohlen nicht möglich war. Der Transport in eine Tierklinik schien zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich und so kam nur noch das Erlösen der Stute oder ein risikoreicher Not-Kaiserschnitt in Frage. Für Stefan Büchi war dies nicht der erste Kaiserschnitt bei einem Pferd oder Pony im heimischen Stall, aber dennoch eine grosse und nicht alltägliche Herausforderung. «Dieser Eingriff wird bei Stuten selten im Stall vorgenommen, da er schwierig ist, eine kooperative Patientin voraussetzt und mit möglichen Komplikationen befrachtet ist. Zudem fehlt ein eingespieltes Operationsteam und man ist auf die Hilfe der Besitzerfamilie angewiesen. Dafür bleiben die Kosten in Grenzen und eine Operation wird so überhaupt erst ermöglicht.» Clivia erhielt ein Beruhigungsmittel und Ueli Zimmermann stand vor ihr, sprach beruhigend auf sie ein, während seine Frau Anna dem Tierarzt assistierte: «Ich musste mich zuerst schon überwinden, plötzlich als Operationsassistentin dazustehen, aber als Bauersfrau ist man sich allerlei gewöhnt. Dass der Eingriff aber bei der stehenden Stute durchgeführt wurde, war schon sehr speziell.» Der Zugang zur Gebärmutter erfolgte über eine Laparotomie, also eine Eröffnung der Bauchhöhle durch die linke Flanke, und der Tierarzt vernähte danach die Gebärmutter und schliesslich Bauchfell und Bauchwand, wobei in der Bauchwand eine kleine Öffnung zum Abfliessen von allfälligem Wundsekret verblieb.

Seelische und körperliche Narben

«Es hat wehgetan, das tote Hengstfohlen im Stall zu haben», sinniert der Züchter. Es beschäftigt ihn auch, dass Corinne, eine Vollschwester seiner Clivia, gleich nach der Geburt ihres Fohlens einen Aorta-Abriss hatte und daran starb. Clivias Mutter Caress erlag ebenfalls diesem Schicksal. Für die beiden Stuten war eine Geburt im gesetzten Alter offenbar eine zu grosse Anstrengung. Ein Zusammenhang – vielleicht genetischer Natur – ist für Zimmermann nicht ausgeschlossen. Was auch immer die Gründe sein mögen, bei Clivia will Zimmermann nichts mehr risikieren und er nimmt sie aus der Zucht. Denn sie hatte Glück im Unglück: «Ich staunte, wie die Wunden sozusagen von innen nach aussen verheilt sind und wie schnell die Stute wieder gesund und fit war», freut sich der Züchter. Und zuverlässig wie sie ist, wird die 21-jährige Stute weiterhin als Fahrpferd eingesetzt. Auch Tierarzt Büchi gibt dazu grünes Licht: «Die Heilung des doch recht radikalen Eingriffs verlief erfreulich.» Und so erinnert heute nur noch die Narbe an Clivias linker Flanke an jene tragischen Stunden.

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