Ein deutlicheres Bild zur schweizerischen Hippokultur als die Rassenübersicht in der Tierverkehrs-datenbank kann es gar nicht geben. In nicht weniger als 165 verschiedenen Rassen-bezeichnungen sind die rund 100000 Equiden erfasst. Auch wenn sich die Liste nach einer exakten hippologischen Überarbeitung um einiges verkürzen liesse und um Begriffe wie Angloarabisches Halbblut Vorbuch, Halbblut, ungarisches Vollblut oder Spanisches Sportpferd erleichtert würde, die Rassenvielfalt bleibt beeindruckend. Freilich ist die Schweiz schon lange ein klassisches Importland, selbst die Kavallerie schaute sich bei der Remontierung ihrer Bestände in Spanien, Amerika oder Argentinien nach geeigneten Eidgenossen um. Doch die aus Übersee per Schiff transportierten Pferde hatten ein- und demselben Zweck zu dienen – dem Militärdienst.
Neue Rassen für neue Wünsche
Gut 800 verschiedene Pferderassen werden heute weltweit unterschieden. Dass in der Schweiz mittlerweile weit über 100 Rassen zu finden sind und etliche gängige Lexiken füllen würden, ist bei der Individualisierung des Pferdesports zu suchen. Würden sich nicht Tausende von Menschen aus verschiedensten Gründen dem Pferd zuwenden, hätten sich die vor 50 Jahren gehegten Befürchtungen längst bewahrheitet, dass die von der Technik aus dem Alltag verdrängten Pferde nur noch in zoologischen Gärten zu bestaunen wären. Doch wie schon Generationen und Generationen vor ihnen, haben die Equiden auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Platz an der Seite des Menschen zu behaupten gewusst.
Wie es zu einem Jahr für Jahr breiter werdenden Rassenspektrum kam, hat anlässlich der Pferdefachtagung des Schweizer Tierschutzes in Biel Professor Dr. Ewald Isenbügel in einem Referat dargelegt. Unter dem Titel «Die Anfänge des Freizeitreitens und Auswirkungen auf Rassenspektrum, Haltung und Gebrauch des Pferdes» führte er Schritt für Schritt vor Augen, wie Freiberger, Einsiedler und Co. Konkurrenz aus aller Herren Ländern erhielten oder warum Rassen wie Burgdorfer oder Erlenbacher gar verschwanden.
Isenbügel schilderte, wie der Verlust fast aller Aufgaben des Pferdes nach dem Krieg in Landwirtschaft, Militär und das Darniederliegen der Sportreiterei in den Notjahren das Schicksal der Pferde zu besiegeln schien. Doch die Entwicklung verlief ganz anders. In Deutschland organisierten sich zunächst die ländlichen Reitvereine, danach begann man die Reste des Zuchtmaterials, welches den Krieg überlebt hatte, zu erfassen und neu zu organisieren. Die Entwicklung verlief in der Schweiz unter weit günstigeren Bedingungen, wobei das noch bestehende Militärpferdewesen mit seiner Organisationsstruktur über das ausserdienstliche Reiten in den Vereinen und Institutionen wie die Militärpferdeanstalt in Bern oder das Gestüt in Avenches anfangs eine sichere Basis boten.
Die wesentlichen Impulse aber, die zum Anwachsen der Pferdebestände in Mitteleuropa führten, hatten nach Isenbügel noch andere Gründe. Ohne diese hätten die Renaissance der Reiterei und das Wachsen der Pferdezahl nie die heutigen Ausmasse angenommen. Es kamen laufend neue Rassen hinzu, die mehrheitlich nicht in den uns bekannten Disziplinen Dressur, Springen, Military oder Rennen eingesetzt wurden, sondern vor allem Pferdesportarten bestritten, die bei uns völlig unbekannt waren und unter dem Begriff Freizeitreiten zusammengefasst wurden. Zunehmend fanden diese Aktivitäten und die entsprechenden Rassen neue Liebhaber, wurden anfänglich aber von der klassischen Pferdeszene abgelehnt und zum Teil sogar bekämpft. Es wurde aber unübersehbar, dass diese neuen Reitstile der wichtigste Faktor für den Erhalt des Pferdes und den Wiederanstieg der Pferdezahlen besorgt sein sollten.
Als erste mischten die Isländer den althergebrachten Rassenmix auf. Die Fünfgänger von der Feuerinsel im hohen Norden führten aber nicht nur eine neue Reitweise ein, die robusten Nordländer liessen sich eben auch aus-serhalb von traditionellen Stallanlagen halten. Zusammen mit Ursula Bruns nahm sich der in der herkömmlichen Reiterei aufgewachsene Ewald Isenbügel dieser neuen Szene kompetent an: «Die Zeit war reif für das vertiefte Verstehen des Verhaltens von Pferden und der tierschutzkonformen Art, sie zu halten und zu nutzen. Sie bereiteten den Weg zum heutigen interessierten Miteinander aller Rassen, Ausbildungsstile und Einsatzmöglichkeiten in Freizeit und Sport.»
Im helvetischen Rassenranking liegen die Isländer auch heute noch weit vorne und liegen mit rund 3500 Stück auf dem siebenten Platz. Es blieb aber nicht beim Islandpferd allein. Zahl-reiche andere Rassen, durch ihr Zuchtziel für die neuen Aktivitäten in der Freizeit oft besser geeignet als die hoch im Blut stehenden und auf Leistung gezüchteten Warmblüter, galoppierten sich in die rasch wachsende Szene hinein. Dazu gehörten auch der Haflinger, der den Weg in die Schweiz schon früher übers Engadin gefunden hatte, oder Fjordpferde. 1972 wurde zudem von Ewald Isen-bügel und Jean-Claude Dysli die erste Zuchtgruppe Peruanischer Pasopferde in die Schweiz eingeführt, eine weitere Gangartenpferderasse.
Zum immer breiter werdenden Rassenspektrum trug ebenfalls der aufkommende Reitferientourismus bei. In bester Ferienstimmung begeisterte man sich fern der Heimat für bis dahin unbekannte Rassen und wünschte sich nichts sehnlicher, als auch zu Hause mit einem Andalusier oder Friesen das Glück der Erde zu finden. Und wer im Zirkus seine Augen nicht mehr von den grazilen Achal-Tekkinern lösen konnte, begann sich mit Begeisterung nach solchen Pferden umzuschauen.
Pferde galoppieren aber auch ganz unbewusst in den Tiefen der Menschenseelen herum. Wer sich den Pferden verschrieben hat, bestimmt damit seinen Lebensstil. Pferderassen oder Reitstile wecken ihrerseits ebenso schlummernde Bedürfnisse. Einzigartiges Beispiel dafür ist die berühmte Werbekampagne «Marlboro County», die Mitte der Sechzigerjahre in den ersten acht Monaten der Lancierung den Verkauf der Zigaretten um das 50-fache steigerte. Gegen das allgegenwärtige Image des lässig rauchenden Cowboys mussten die seriös reitenden Westernreiter lange ankämpfen und organisierten 1978 ihr erstes nationales Championat. Der Westernstil gefällt aber auch ohne Marlboro-Unterstützung: Rund 3500 Quarter Horses, Appaloosas und Pintos sind in der Datenbank aufgeführt.
Erschwerende Rassenvielfalt
In seinem in Biel gehaltenen Referat unterliess es Professor Ewald Isenbügel nicht, auf die Nachteile der Rassenvielfalt aufmerksam zu machen. Ein Pferd, gleich welcher Rasse, sei zwar immer noch ein Pferd, dessen Grundbedürfnisse an Bewegung, Licht, Luft, Futter und Sozialkontakt unverändert seien. Die Rassenvielfalt aber erschwere es, die Bedürfnisse nach gesetzlichen Vorschriften einzubringen, denn zwischen einem als Rasenzier gehaltenen Shetländer und einem Vollblüter im Training bestünden doch erhebliche Unterschiede.
Für Isenbügel wird es eine Aufgabe der Zukunft sein, das zum Teil verlorene Wissen um Haltung, Ausbildung und Gebrauch im überbordenden Angebot der Zubehörindustrie, der Gurus und Ausbildungsstile durch gute Ausbildung zu intensivieren, um bei dem zu erwartenden Anstieg an Pferdezahlen eine artgerechte Haltung und einen kenntnisreichen Gebrauch zu ermöglichen. Dies sei vor allem durch die Vielfalt der rassenbedingten Unterschiede und Reitstilrichtungen, die heute in der Schweiz neben den klassischen Reitsportdisziplinen gepflegt würden, eine Herausforderung.
Nach den Worten von Isenbügel wusste man über Pferde noch nie so viel wie heute. Rassenspezifische Besonderheiten in Charakter und Bewegungsdynamik seien ebenso bekannt wie die vielen Möglichkeiten bezüglich Ausbildung, Kommunikation oder des Verstehens des Ausdrucksverhaltens. Trotzdem hätten wir den intuitiven Zugang vor lauter Wissen verloren. Wir würden nicht mehr in vertrauensvoller, beobachtender täglicher Nähe mit unseren Pferden leben, vielmehr seien unsere Begegnungen mit Pferden terminiert und von Erwartungen geprägt. Vielfach sei man in der Beziehung überfordert und suche Hilfe an allen möglichen Orten, in Korrekturbeschlägen, Spezialfütterung, Ausrüstungsgegenständen, alternativen und komplementären Heilmethoden. Man tanze und flüstere mit den Pferden und finde auf jede Frage eine Antwort in einem Buch oder Video, bei Ausrüstern und in Seminaren. Isenbügel, der mit der globalen Pferdepopulation wie kaum ein anderer in Berührung kam, schloss sein Referat mit einfachen Worten: «Lass das Pferd Pferd bleiben.»
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