Späteinsteigern fällt es häufig deutlich schwerer als jugendlichen Reitanfängern, sich im Sattel loszulassen und locker und geschmeidig im Gleichgewicht zu sitzen. Und auch mental bringt das Alter beim Einstieg in den Reitsport häufig Probleme mit sich. Einen Vorteil gibt es allerdings, den der erwachsene Späteinsteiger eindeutig für sich verbuchen kann: Reitanfänger in der Lebensmitte sind normalerweise finanziell unabhängig und können sich so bewusst für die Investition in den Reitsport entscheiden.
Psychologische Effekte in allen Varianten
Dr. Gero Kärst ist Arzt, Späteinsteiger und mit 55 Jahren selbst aktiver Reiter. Er ist ein grosser Befürworter des Reitsports auch im Alter und sieht viele positive Aspekte des Reitens: «Schon das Reiten in Harmonie mit dem Pferd im Schritt erfordert beziehungsweise fördert die komplexe statische Achse (Wirbelsäule/Becken) und trainiert so die Körperhaltung. Selbst das therapeutische Reiten nutzt diese Effekte und kein Erwachsener und ‹Späteinsteiger› sollte daher Angst haben, nicht begabt zu sein. Die Kombination von Mensch und Tier hat in allen Variationen einen positiven psychologischen Effekt und dies fördert (das Tier fordert beziehungsweise erfordert es ja auch) die Kontinuität. Reiten im hier gefragten Sinne sollte hauptsächlich in der Natur und weniger in der Halle stattfinden, das ist ein weiterer Gesundheitsfaktor.» Reiten ist überdies gelenkschonend: Es ist wie beim Radfahren eine Entlastung von Hüfte, Knie und auch den Fussgelenken gegeben, da das Körpergewicht ja viel im Sattel getragen wird; und auch Leichttraben ist sehr förderlich für die Gelenke durch die Zirkulationsanregung der Gelenkflüssigkeit.
Reiten ist alterstauglich
Menschen, die jahrzehntelang im Sattel gesessen haben, fühlen sich oft auch im Alter dort noch wohl. Aber Reiten ist auch mit Gefahren verbunden. Christine Heipertz-Hengst erklärt die Möglichkeiten und Risiken für ältere Pferdefreunde.
Taugt Reiten als Sport für ältere Menschen?
Sogar hervorragend. Ein wichtiger Aspekt ist, dass die körperlichen Anforderungen nicht im Vordergrund stehen. Wer ein Leben lang reitet, kann das bis ins hohe Alter fortsetzen. Wenn man Fussball spielt oder Tennis, dann reduziert sich der Sport allmählich. Beim Reiten kann man immer voll dabeibleiben – und das auch noch generationsübergreifend. Da hat der Opa sein Enkelkind vor sich im Sattel sitzen oder beide reiten gemeinsam aus, so etwas ist in anderen Sportarten kaum möglich.
Wenn jemand nie geritten ist und dann, etwa wenn er in Rente geht, gerne damit anfangen würde – können Sie das empfehlen?
Ja. Was Sie da schildern, kommt in der Tat häufig vor. Plötzlich ist die Zeit da und auch das Geld, und dann möchte man sich diesen langgehegten Wunsch erfüllen. Voraussetzungen, um als älterer Mensch mit der Reiten zu beginnen, sind eine gute Anleitung, Auswahl der richtigen Methodik und passende Pferde – wenn jemand vorher noch nie Sport getrieben hat, ist generell auch eine ärztliche Abklärung zu empfehlen. Wenn das alles stimmt, kann man Senioren sogar richtig Mut dazu machen, mit dem Reiten anzufangen. Denn wie in kaum einem Sport kann man hier die Anforderungen und die Belastung sehr gut dosieren.
Mal abgesehen von den körperlichen Aspekten – was ist gerade für ältere Menschen noch positiv am Reitsport?
Reiten ist eine geistige und emotionale Herausforderung. Man hat die Möglichkeit, fürsorglich zu sein, dabei ist der Aufforderungscharakter sehr gross, denn das Pferd steht ja in der Box und will bewegt werden. Beim Reiten muss man sich konzentrieren, das Bewegungsgefühl und die Wahrnehmung werden geschult. Es ist nicht wie in anderen Sportarten bloss eine motorische Beanspruchung, sondern eine ganzkörperliche mit idealen Auswirkungen auf Koordination, Haltung und Beweglichkeit.
Reiten gilt aber auch als Risikosportart. Was sind besonders für ältere Menschen Gefahren – und wie kann man vorbeugen?
Immer muss beim Reiten der richtige Umgang mit dem Pferd besonders geübt werden. Es sind eigenständige Lebewesen, sie sind gross und stark und haben harte Füsse. Deshalb gehört zur Reitausbildung immer auch die Vermittlung von Kenntnissen über das Verhalten von Pferden. Wenn ich zum Beispiel weiss, dass es ein Fluchttier ist, dann kann ich dementsprechend vorausschauen und reagieren. Gerade bei älteren Einsteigern muss der richtige Umgang geschult werden – dann ist das Risiko gering. Ein anderer Aspekt gerade bei Älteren ist, dass Stürze wegen möglicher Osteoporose vermieden werden sollten. Allerdings geschehen Unfälle meist gar nicht durch das Herunterfallen, sondern beim Umgang mit dem Pferd. Trotzdem kann man eines natürlich nicht wegdiskutieren: Wenn es während des Reitens zum Sturz kommt, dann wirken enorme physikalische Kräfte. Da ist zum einen die Höhe und zum anderen gegebenenfalls die Geschwindigkeit. Nicht die Häufigkeit von Unfällen ist das Problem, sondern die Schwere einer möglichen Verletzung.
Welche Art von Reiten würden Sie denn einem älteren Reiter empfehlen – eher Reitstunden oder einsame Ausritte?
Das Schöne ist, dass man das beim Reiten sowohl als auch haben kann. Reitstunden sind die Basis, geführte Ausritte in der Gruppe kommen dann hinzu. Aber natürlich ist es etwas Besonderes, mit seinem Pferd auch allein auszureiten. Das Einssein mit dem Partner Pferd in der Natur möchte man auch mal individuell erleben und davon rate ich auch erfahrenen Älteren nicht ab. Man sollte dann im Stall hinterlassen, in welche Richtung man reiten will und wie lange man wegbleiben wird. Und für den Fall des Falles hat heute ja jeder ein Handy in der Tasche.
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