Nach Spiel und Spass auf der Fohlenweide beginnt für die Jungpferde mit dem Anreiten der Ernst des Lebens. Eine altbewährte Methode, Remonten artgerecht und solide auszubilden, ist die Arbeit mit einem Handpferd – das sogenannte Kuppeln.
Kuppeln wird nicht nur bei jüngeren Pferden zu Ausbildungszwecken eingesetzt, sondern kann auch im späteren Training sehr wertvoll sein. So erinnert sich Samuel Bettschen, eidg. dipl. Reitlehrer, Instruktor und Prüfungsexperte, dass er in den Jahren 1968/69 bei Paul Weier in Elgg die Sportpferde, welche am Vormittag dressur- oder springmässig trainiert wurden, am Nachmittag als Handpferde im Gelände bewegte. So konnte mit zwei Pferden gleichzeitig an der Kondition gearbeitet werden. Das Kuppeln ist für Bettschen aber auch die ideale Art, Pferde anzureiten. «Junge Pferde sind viel gelassener und gelöster, wenn ein Artgenosse neben ihnen läuft – das Herdeverhalten kommt zum Vorschein. An der Hand kann man zudem junge Pferde im -Gelände besser an die Umgebung gewöhnen.»
Wissenschaftlich fundiert
Pferde lernen voneinander, wenn sie gemeinsam arbeiten. Dies belegen nun auch aktuelle Studien der Hochschule in Nürtingen (D) wissenschaftlich. Jüngere Pferde lernen vor allem von älteren und ranghöheren Pferden. Deshalb ist beim Kuppeln mit Remonten darauf zu achten, dass es sich beim Führpferd um ein routiniertes Tier handelt. Laut Verhaltensforscherin Konstanze Krüger können dank dieser Erkenntnis Pferde besonders schonend trainiert und ausgebildet werden. Was bereits die alten Reitmeister wussten, wird heute jedoch nur noch selten praktiziert. Im Nationalen Pferdezentrum in Bern (NPZB) wird die Methode des Kuppelns aber immer noch – wie damals zu Zeiten der Eidgenössischen Militärpferdeanstalt (EMPFA) – praktiziert: in der Jungpferdeausbildung und in der täglichen Bewegung der Pferde.
Kuppeln in der täglichen Arbeit
Bei der Kavallerie wurde Kuppeln routinemässig in der Arbeit mit Remonten angewandt. Auch war diese Art, das Pferd ohne Reiter zu bewegen, früher weit verbreitet. Heute ist es für Pferd und Reiter eine Abwechslung, das Pferd als Handpferd mit auf einen Ausritt zu nehmen. Das Kuppeln bietet weitere Vorteile, so werden dabei zum Beispiel die Beine nicht so stark wie beim Longieren belastet. Mit dem Bewegen als Handpferd schlägt der Pferdebesitzer zwei Fliegen auf einmal: Zum einen spart man Zeit, zum anderen bedeutet es Abwechslung für das Pferd. «Am Samstagvormittag wird im Nationalen Pferdezentrum Bern mehrheitlich gekuppelt, damit bis am Mittag die Pferde bewegt sind. Gekuppelt wird in der Halle, im Paddock oder auf der Sandbahn und in allen Gangarten», erklärt Patrizia Gitz, Verantwortliche der Jungpferdeausbildung im NPZB.
Jungpferd neben Lehrmeister
Im Nationalen Pferdezentrum in Bern werden mehrere junge Pferde gleichzeitig angeritten und gekuppelt – der Herdenverband gibt den Jungpferden Sicherheit. «Auch wird an der Hand das Maul schon leicht bearbeitet. Das heisst, der Remonte gewöhnt sich so bereits an die Trense», erklärt Patrizia Gitz. Haben sie sich an das Kuppeln in der Halle gewöhnt, geht es raus in den Paddock, wo ruhig im Schritt erste kleine Auf- und Absprünge oder Stangentreten geübt werden.
Im NPZB läuft auch das Einfahren der jungen Pferde so ab, dass diese zu Beginn neben einem erfahrenen Pferd eingespannt werden. Sie bleiben so ruhiger und das Lehrpferd hilft ihnen, die Anweisungen des Fahrers zu verstehen. Die Jungpferde laufen rechts vom Lehrmeister; auf dieser Seite sind sie durch den Lehrmeister geschützt und gewöhnen sich rascher an den Strassenverkehr. Die Vorbildmethode hilft auch beim Anbinden, beim ersten Verladen und beim Hufschmied. Samuel Bettschen ist von den Vorteilen der Methode des Kuppelns nach wie vor überzeugt: «Schade, dass diese Art des Anreitens nicht mehr oft anzutreffen ist. Das Kuppeln junger Pferde sollte unbedingt beibehalten werden. Diese Methode entspricht voll und ganz dem Wesen des Pferdes.»
Reiter in allen Sätteln
Samuel Bettschen hat an Springprüfungen bis und mit Klasse S teilgenommen, ist in L- und M-Dressurprüfungen gestartet sowie Military geritten. Der 68-Jährige absolvierte im Alter von 20 Jahren bei Paul Weier die verkürzte Bereiterlehre. Nachdem er 1976 die Reitschule in Burgdorf übernommen hatte, absolvierte er die Ausbildung zum eidg. dipl. Reitlehrer. Im Berufsverband amtete er als Lehrer an der Gewerbeschule, Instruktor und Prüfungsexperte und wurde vom Schweizerischen Verband für Pferdesport auserkoren, den Elite-Trainerkurs in Warendorf (D) zu absolvieren. Als Experte führte er anschliessend Meisterkurse für Reitlehrer durch. Heute hat er seine Tätigkeit reduziert und freut sich darüber, einzelne Reiter, unter ihnen seine beiden Söhne Stefan und Pascal, zu coachen und diese an Turniere im In- und Ausland zu begleiten.
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