Wenn Johann-Georg Daepp heute der Aare entlang trabt, ist dies eine reizvolle Ausfahrt. Als Lightning und Walker an der Stange und Fahrer Daepp auf dem Bock dem A-Kader angehörten, dienten die Wege nach Feierabend dem Training. 125 Jahre zählen die drei zusammen und bringen einem die Faszination Fahrsport nah.
Trap-pa-toni!», schallt es vom Bock an diesem herrlichen Münsinger Spätsommertag, an dem das Berner Oberland am Horizont zum Greifen nahe scheint. Lightning macht seinem Namen alle Ehre, reagiert prompt und legt sich ins Geschirr. Bald traben er und sein Gespanngenosse Walker in ausgreifenden, gleichmässigen Trabtritten den schattigen Weg der türkisschimmernden Aare entlang. Wie viele Male sie dies die letzten mehr als zwei Jahrzehnte getan haben mögen, kann nicht einmal ihr Besitzer an den Leinen sagen.
Johann-Georg Daepp hat beide als vierjährige Jungpferde für den Zweispännersport erworben, und was heute für eine landschaftlich reizvolle Ausfahrt genutzt wird, diente viele Jahre als Trainingsstrecke.
Zur Freude ins kühlende Nass
«Gut zwei Stunden waren wir damals jeden Tag unterwegs, wenn ich im Betrieb Feierabend hatte», berichtet der Baumschulbesitzer, dessen Sohn Patrick heute in der Firma die Zügel in der Hand hält. «Aber in einem ganz anderen Tempo als heute, wo wir es nur noch gemütlich angehen lassen.» «Wir», das sind seit über 20 Jahren der jetzt 26-jährige Holsteinerwallach Lightning, ein noch direkter Landgraf-I-Nachkomme, der seinem legendären Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, sowie Walker, ein 27-jähriger grossrahmiger Noniuswallach aus dem tschechischen Staatsgestüt Pisek. Wenn das Dreigestirn eine flache Aareböschung erblickt, gibt es sprichwörtlich kein Halten mehr. Die beiden über 170 cm Stockmass messenden Wallache zieht es ins kühlende Nass, wo sie bauchtief hineintraben und dann gelassen das bunte Treiben der Schwimmer und Schlauchboote betrachten.
Das zusammen stolze 125 Jahre zählende und doch so jugendlich daherkommende Gespann ist das Resultat einer Leidenschaft, die den Zwei- und die Vierbeiner so lange schon zusammenschweisst: des Fahrsports. Das Interesse dafür war für den Münsingener schon früh erwacht und begann im Grunde vor gut 65 Jahren mit einer wenig ruhmvollen heimlichen Ausfahrt mit der betriebseigenen Ponystute Monika. Das Abenteuer endete unsanft im Hof eines anderen Betriebs nahe Trimstein und wäre fast mit drei Jahren Pferdeverbot geahndet worden. «Wegen guter Führung wurde ich stattdessen nach drei Wochen ‹begnadigt›.» Vermutlich hatte der Vater, ein Pferdefreund, erkannt, dass gegen Pferdeliebe keine Strafe angekommen wäre.
Fahren war und ist in der Familie Daepp schon immer Familiensache. Auf die Rappscheckstute Monika folgte die Fjordstute Stella, «mit der meine Frau Rosmarie und ich während der Ölkrise mit der Pferdekutsche ins zehn Kilometer entfernte Kiesen fuhren, um meine Schwiegereltern zu besuchen.» Mit zunehmendem Alter wuchsen die Ansprüche und der Wunsch, das Fahren auch wettkampfmässig zu betreiben. Der Mecklenburgerwallach Ivan zog ein und ermöglichte den Start an ersten kleineren Fahrturnieren.
Sein Nachfolger wurde auf Anraten der damals sechsjährigen Tochter Corinne, heute selbstständige Dressur-ausbilderin im Raum Bern, der Schweizer Manix CH. Den damals vierjährigen Wallach mit der beeindruckenden Widerristhöhe von 178 cm hatte die Familie Daepp 1989 an einer Pferdeauktion in Bern gekauft.
Noch immer gehört der sanftmütige Riese vom Selle Français Mercure du Plein abstammend aus der Ella von Eole (SF), gezogen von Josef Wiggli, zur Familie. Seine über 31 Jahre sieht man ihm wirklich nicht an, auch wenn er im Gegensatz zu seinen etwas jüngeren beiden Stallkollegen nicht mehr gefahren wird, sondern mit seiner langjährigen Pflegerin Tamara hin und wieder Schrittausritte unternimmt, bei denen nach wie vor auch mal ein von Manix gewählter munterer Galopp dabei sein kann.
Mit Manix CH, Walker und einem zweiten, inzwischen verstorbenen Noniuswallach, Johnny, war Johann-Georg Daepp in den 1990er-Jahren gut aufgestellt und verwirklichte seinen Traum vom Fahrsport. Er nahm an mehreren Schweizer Meisterschaften bei den Zweispännern teil und wurde später sogar in das A-Kader berufen, was ihm Auslandsstart wie im italienischen Verona, in Bordeaux oder im «Wimbledon des Zweispännersports», Saumur, ermöglichte. Jeder dem Fahrsport Verbundene weiss, dass dies alles andere als ein Einzelsport ist und vieler Helfer bedarf. In diesem Fall war Tochter Corinne für das Reiten, Longieren und Einflechten und Sohn Patrick als Beifahrer für alles Technische zuständig, während Ehefrau Rosmarie jederzeit moralische Unterstützung leistete.
Die Oldies bleiben Mittelpunkt
Auch heute noch, viele Jahre nach dem Ende ihrer Sportkarriere, stehen die drei Oldies im Mittelpunkt der Familie. Am Rande der Baumschule bewohnen sie seit jeher einen kleinen Dreierstall mit Paddock, der inzwischen zu einer Art Offenstall umfunktioniert worden ist, wo sie nahezu rund um die Uhr ihre alten Gelenke schmieren können. Mehrere Stunden am Tag geht es zu dritt auf eine unweit gelegene Weide. Ausgefahren wird noch nahezu täglich, «denn wer rastet, rostet und die Pferde haben noch sichtlich Spass daran».
Ganz spurlos ist das Alter natürlich an keinem der drei weisen Vierbeiner vorbeigegangen. Dass sie dennoch alle drei vergleichsweise tadellos dastehen, verdanken sie nicht nur der jahrzehntelangen guten täglichen Pflege durch die Familie Daepp, sondern auch deren Pferdeverstand. Regelmäs-sige Zahnarzt- und Chiropraktikerbesuche sind seit Langem selbstverständlich, ebenso das Zufüttern von aufgeweichten Heucobs und gutem Mineralfutter. Das tägliche Zusammenleben seit so langer Zeit erlaubt es Johann-Georg Daepp, kleinste Veränderungen im Wohlbefinden seiner drei Oldies sofort festzustellen und darauf zu reagieren.
Als Besucher hat er die letzten 30 Jahre kaum je eine Weltmeisterschaft verpasst. Auch beim Besuch im niederländischen Breda traf er wieder auf zahlreiche Freunde und Bekannte. «Wir Fahrer sind eine richtige Familie», betont er. Wahrscheinlich ist daher für Johann-Georg Daepp ein Leben ohne den Fahrsport undenkbar.
Vom Bock an den Richtertisch
Während es privat also seit vielen Jahren nur noch aus Spass an der Freud auf den Bock geht, hat die Faszination Fahrsport Johann-Georg Daepp niemals losgelassen. Nach seinem Abschied vom aktiven Sport war er über zehn Jahre als VSCR-Präsident der Sektion Fahren, als Richter und Jurypräsident aktiv und prägte den Schweizer Fahrsport genauso massgeblich wie als Mitglied der SELKO und als Präsident der Reglementskommission. Auch als FEI Steward Fahren blieb er dem Pferdesport auf besondere Weise verbunden. «Meine Ausbildung hierzu erfolgte durch Paul Weier persönlich und meine beste Erinnerung ist, dass ich beim Nationenpreis in Luzern damals allein für den Abreiteplatz verantwortlich gewesen bin.»
Ein weiterer Traum erfüllte sich für den heutigen Pensionär im Unruhestand mit der Ernennung zum Equipenchef, zunächst für die Ein-, später auch für die Zweispänner. An vier Weltmeisterschaften betreute er die Schweizer Mannschaften, die in dieser Zeit drei Medaillen mit nach Hause bringen konnten. Der Fahrsport lässt Johann–Georg Daepp bis heute nicht los. Als nationaler Richter ist er an zahlreichen Wochenenden wie zuletzt an der Schweizer Meisterschaft in Bern im Einsatz. Zu Hause verbringt er ganze Abende damit, die neuen Dressurprogramme zu zeichnen und englische FEI-Texte zu übersetzen.
Trap-pa-toni!», schallt es vom Bock an diesem herrlichen Münsinger Spätsommertag, an dem das Berner Oberland am Horizont zum Greifen nahe scheint. Lightning macht seinem Namen alle Ehre, reagiert prompt und legt sich ins Geschirr. Bald traben er und sein Gespanngenosse Walker in ausgreifenden, gleichmässigen Trabtritten den schattigen Weg der türkisschimmernden Aare entlang. Wie viele Male sie dies die letzten mehr als zwei Jahrzehnte getan haben mögen, kann nicht einmal ihr Besitzer an den Leinen sagen.
Johann-Georg Daepp hat beide als vierjährige Jungpferde für den Zweispännersport erworben, und was heute für eine landschaftlich reizvolle Ausfahrt genutzt wird, diente viele Jahre als Trainingsstrecke.
Zur Freude ins kühlende Nass
«Gut zwei Stunden waren wir damals jeden Tag unterwegs, wenn ich im Betrieb Feierabend hatte», berichtet der Baumschulbesitzer, dessen Sohn Patrick heute in der Firma die Zügel in der Hand hält. «Aber in einem ganz anderen Tempo als heute, wo wir es nur noch gemütlich angehen lassen.» «Wir», das sind seit über 20 Jahren der jetzt 26-jährige Holsteinerwallach Lightning, ein noch direkter Landgraf-I-Nachkomme, der seinem legendären Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, sowie Walker, ein 27-jähriger grossrahmiger Noniuswallach aus dem tschechischen Staatsgestüt Pisek. Wenn das Dreigestirn eine flache Aareböschung erblickt, gibt es sprichwörtlich kein Halten mehr. Die beiden über 170 cm Stockmass messenden Wallache zieht es ins kühlende Nass, wo sie bauchtief hineintraben und dann gelassen das bunte Treiben der Schwimmer und Schlauchboote betrachten.
Das zusammen stolze 125 Jahre zählende und doch so jugendlich daherkommende Gespann ist das Resultat einer Leidenschaft, die den Zwei- und die Vierbeiner so lange schon zusammenschweisst: des Fahrsports. Das Interesse dafür war für den Münsingener schon früh erwacht und begann im Grunde vor gut 65 Jahren mit einer wenig ruhmvollen heimlichen Ausfahrt mit der betriebseigenen Ponystute Monika. Das Abenteuer endete unsanft im Hof eines anderen Betriebs nahe Trimstein und wäre fast mit drei Jahren Pferdeverbot geahndet worden. «Wegen guter Führung wurde ich stattdessen nach drei Wochen ‹begnadigt›.» Vermutlich hatte der Vater, ein Pferdefreund, erkannt, dass gegen Pferdeliebe keine Strafe angekommen wäre.
Fahren war und ist in der Familie Daepp schon immer Familiensache. Auf die Rappscheckstute Monika folgte die Fjordstute Stella, «mit der meine Frau Rosmarie und ich während der Ölkrise mit der Pferdekutsche ins zehn Kilometer entfernte Kiesen fuhren, um meine Schwiegereltern zu besuchen.» Mit zunehmendem Alter wuchsen die Ansprüche und der Wunsch, das Fahren auch wettkampfmässig zu betreiben. Der Mecklenburgerwallach Ivan zog ein und ermöglichte den Start an ersten kleineren Fahrturnieren.
Sein Nachfolger wurde auf Anraten der damals sechsjährigen Tochter Corinne, heute selbstständige Dressur-ausbilderin im Raum Bern, der Schweizer Manix CH. Den damals vierjährigen Wallach mit der beeindruckenden Widerristhöhe von 178 cm hatte die Familie Daepp 1989 an einer Pferdeauktion in Bern gekauft.
Noch immer gehört der sanftmütige Riese vom Selle Français Mercure du Plein abstammend aus der Ella von Eole (SF), gezogen von Josef Wiggli, zur Familie. Seine über 31 Jahre sieht man ihm wirklich nicht an, auch wenn er im Gegensatz zu seinen etwas jüngeren beiden Stallkollegen nicht mehr gefahren wird, sondern mit seiner langjährigen Pflegerin Tamara hin und wieder Schrittausritte unternimmt, bei denen nach wie vor auch mal ein von Manix gewählter munterer Galopp dabei sein kann.
Mit Manix CH, Walker und einem zweiten, inzwischen verstorbenen Noniuswallach, Johnny, war Johann-Georg Daepp in den 1990er-Jahren gut aufgestellt und verwirklichte seinen Traum vom Fahrsport. Er nahm an mehreren Schweizer Meisterschaften bei den Zweispännern teil und wurde später sogar in das A-Kader berufen, was ihm Auslandsstart wie im italienischen Verona, in Bordeaux oder im «Wimbledon des Zweispännersports», Saumur, ermöglichte. Jeder dem Fahrsport Verbundene weiss, dass dies alles andere als ein Einzelsport ist und vieler Helfer bedarf. In diesem Fall war Tochter Corinne für das Reiten, Longieren und Einflechten und Sohn Patrick als Beifahrer für alles Technische zuständig, während Ehefrau Rosmarie jederzeit moralische Unterstützung leistete.
Die Oldies bleiben Mittelpunkt
Auch heute noch, viele Jahre nach dem Ende ihrer Sportkarriere, stehen die drei Oldies im Mittelpunkt der Familie. Am Rande der Baumschule bewohnen sie seit jeher einen kleinen Dreierstall mit Paddock, der inzwischen zu einer Art Offenstall umfunktioniert worden ist, wo sie nahezu rund um die Uhr ihre alten Gelenke schmieren können. Mehrere Stunden am Tag geht es zu dritt auf eine unweit gelegene Weide. Ausgefahren wird noch nahezu täglich, «denn wer rastet, rostet und die Pferde haben noch sichtlich Spass daran».
Ganz spurlos ist das Alter natürlich an keinem der drei weisen Vierbeiner vorbeigegangen. Dass sie dennoch alle drei vergleichsweise tadellos dastehen, verdanken sie nicht nur der jahrzehntelangen guten täglichen Pflege durch die Familie Daepp, sondern auch deren Pferdeverstand. Regelmäs-sige Zahnarzt- und Chiropraktikerbesuche sind seit Langem selbstverständlich, ebenso das Zufüttern von aufgeweichten Heucobs und gutem Mineralfutter. Das tägliche Zusammenleben seit so langer Zeit erlaubt es Johann-Georg Daepp, kleinste Veränderungen im Wohlbefinden seiner drei Oldies sofort festzustellen und darauf zu reagieren.
Als Besucher hat er die letzten 30 Jahre kaum je eine Weltmeisterschaft verpasst. Auch beim Besuch im niederländischen Breda traf er wieder auf zahlreiche Freunde und Bekannte. «Wir Fahrer sind eine richtige Familie», betont er. Wahrscheinlich ist daher für Johann-Georg Daepp ein Leben ohne den Fahrsport undenkbar.
Vom Bock an den Richtertisch
Während es privat also seit vielen Jahren nur noch aus Spass an der Freud auf den Bock geht, hat die Faszination Fahrsport Johann-Georg Daepp niemals losgelassen. Nach seinem Abschied vom aktiven Sport war er über zehn Jahre als VSCR-Präsident der Sektion Fahren, als Richter und Jurypräsident aktiv und prägte den Schweizer Fahrsport genauso massgeblich wie als Mitglied der SELKO und als Präsident der Reglementskommission. Auch als FEI Steward Fahren blieb er dem Pferdesport auf besondere Weise verbunden. «Meine Ausbildung hierzu erfolgte durch Paul Weier persönlich und meine beste Erinnerung ist, dass ich beim Nationenpreis in Luzern damals allein für den Abreiteplatz verantwortlich gewesen bin.»
Ein weiterer Traum erfüllte sich für den heutigen Pensionär im Unruhestand mit der Ernennung zum Equipenchef, zunächst für die Ein-, später auch für die Zweispänner. An vier Weltmeisterschaften betreute er die Schweizer Mannschaften, die in dieser Zeit drei Medaillen mit nach Hause bringen konnten. Der Fahrsport lässt Johann–Georg Daepp bis heute nicht los. Als nationaler Richter ist er an zahlreichen Wochenenden wie zuletzt an der Schweizer Meisterschaft in Bern im Einsatz. Zu Hause verbringt er ganze Abende damit, die neuen Dressurprogramme zu zeichnen und englische FEI-Texte zu übersetzen.
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