Teilnahmslos, hängender Kopf, glanzlose Augen und mattes Fell – so sieht kein gesundes Pferd aus. Noch mehr Grund zur Sorge gibt der Patient, wenn er weder Futter noch Wasser anrühren mag. Es sind die ersten Anzeichen einer Kolik. Nach einigen Minuten unter Beobachtung verschlechtert sich der Zustand des Pferdes immer mehr. Anstatt teilnahmslos in der Box zu stehen, fängt das Tier nun an mit den Hufen zu scharren, seine Nüstern sind geweitet und es beginnt zu flehmen. Spätestens jetzt ist klar: Das Pferd hat Bauchweh. Ein Tierarzt muss her. Doch was kann man tun in der Zwischenzeit? Führen ist sicherlich eine gute Hilfe. Beim Auf-und-ab-Gehen wird die Darmtätigkeit des Pferdes angeregt und es hält seinen Kreislauf in Schwung. Vom Verdikt, dass sich das Pferd keinesfalls hinlegen und wälzen darf, ist man inzwischen abgerückt. Beim Wälzen kann sich das Pferd sogar Erleichterung verschaffen. Vorsicht ist dennoch geboten: Wichtig ist, darauf Acht zu geben, dass das Pferd sich selbst oder andere nicht gefährden kann, falls es sich vor lauter Schmerz unkontrolliert und hektisch bewegt. Zudem besteht die Gefahr, dass das Pferd nicht wieder aufstehen will. In diesem Fall sollte man vorsichtig versuchen, das Pferd zum Aufstehen zu motivieren. 

Vorbeugen ist besser als heilen 

Damit es gar nicht erst zu Bauchschmerzen kommt, braucht ein Pferd vor allem trockenes und hochwertiges Heu. Täglich 1,5 kg Heu pro 100 kg Lebendgewicht sind die Regel. Die Darmflora des Pferdes ist von Natur aus dazu ausgerichtet, Heu zu verdauen. Einwandfreies Raufutter liefert Energie, regt die Pferde zum Kauen an und damit zum Einspeicheln der Nahrung, beugt einer Übersäuerung des Magens vor, macht satt und hilft gegen Langeweile in der Box. Jedoch sollte kein zu kurz geschnittenes Gras oder Raufutter verfüttert werden, ansonsten besteht die Gefahr einer Schlundverstopfung. Auch zu viel stärkehaltiges Futter, wie zum Beispiel frische Äpfel, junges Gras oder Brot, können zu Blähungen führen. Um Blähungen und Bauchschmerzen zu vermeiden, ist es zudem sinnvoll, das Pferd langsam an den Weidegang zu gewöhnen. Nach einer längeren Weidepause sollten die Vierbeiner nicht den ganzen Tag auf der Weide fressen können. Nach dem Winter ist es wichtig, die Darmfl ora langsam darauf vorzubereiten, dass sie wieder sehr eiweisshaltiges Grünzeug zu verdauen hat. Viele Pferde sind auch so gierig auf das frische Grün, dass sie sich überfressen und schon deshalb Bauchschmerzen bekommen. 

Die Reihenfolge machts aus 

Eine weitere Möglichkeit zur Anregung der Darmflora und somit eine Vorbeugungsmöglichkeit von Koliken ist die Zugabe von Ölen mit mehrfach gesättigten Fettsäuren – rund 50 bis 100 Milliliter täglich für erwachsene Pferde. Weitere Zusatzfuttermittel können sein: gekochter und aufgequollener Leinsamen, Bierhefe, eingeweichte Trockenschnitzel und weizenkleiehaltiges Mash. Die Reihenfolge der verschiedenen Futtermittel ist ebenfalls von Bedeutung. Vor dem Kraftfutter sollte immer Raufutter kommen. Denn ehe ein Büschel Heu geschluckt wird, kaut das Pferd etwa 36 Mal, bei Hafer schluckt es die doppelte Menge nach nur zwölf Mahlbewegungen. Das Kauen fördert die Speichelproduktion und unterstützt so die ungestörte Verdauung. Für eine normale Nahrungsverarbeitung muss der Mageninhalt ausreichend mit Magensaft getränkt sein. Bei leicht aufnehmbaren Futtermitteln, die das Pferd schnell schlucken kann, ist immer Vorsicht geboten, da es hier zu Magenüberladungen oder Verstopfungen kommen kann. Als Faustregel gilt: Kraftfutter 20 Minuten nach dem Raufutter. Ein weiterer Auslöser für Koliken kann Stress sein. Bei Anzeichen von Stress reagiert das vegetative Nervensystem sofort und versetzt das Pferd in Fluchtbereitschaft. Dadurch werden die Botenstoffe Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet. Das Blut wird in Sekundenschnelle in die Beine gepumpt, dadurch steht dem Verdauungsapparat weniger Blut zur Verfügung, was die Verdauung bereits beeinträchtigt. Ausserdem kann es durch den raschen Blutentzug zu einem Darmkrampf kommen. 

Letzter Ausweg – die Operation 

Zeigt das Pferd nun aber trotz aller Vorsichtsmassnahmen Anzeichen einer Kolik, sollte der Tierarzt gerufen werden. Denn nur dieser kann genau sagen, um was für eine Art Kolik es sich handelt und welche Behandlung nötig ist. Zudem kann er als erstes dem Pferd eine schmerzstillende Spritze geben, um das Leiden zu mindern. Zirka 70 Prozent aller Kolik-Anfälle betreffen den Dick- und rund 30 Prozent den Dünndarm (siehe Box linke Seite). Falls der Tierarzt nicht direkt vor Ort behandeln kann, sollte das Pferd auf jeden Fall zur näheren Untersuchung in die Klinik gebracht werden. Dort kann notfalls schnellstmöglich operiert werden. Bevor es aber soweit ist, wird das Pferd nochmals gründlich durchgecheckt. Mit einer Rektaluntersuchung kann der Tierarzt feststellen, ob der Darm aufgegast ist. Als Nächstes wird dem Pferd ein schmerzstillendes und krampflösendes Mittel verabreicht. Da Koliken sich meistens aus einem Darmkrampf entwickeln, können die Medikamente manchmal auch schon ausreichen, um die normale Darmtätigkeit wieder in Gang zu setzen. Mit einer Nasen-Schlund-Sonde wird der Zustand des Magens überprüft. Dabei wird festgestellt, ob der Mageninhalt sauer oder alkalisch riecht. Saure Magenflüssigkeit wäre normal. Alkalische Flüssigkeiten hingegen sind Verdauungssäfte, die aus dem Dünndarm zurück in den Magen geflossen sind, wenn es einen Stau im Dünndarm gibt – etwa weil ein Darmteil abgeknickt ist. Als Nächstes wird dem Pferd ein Venenzugang gelegt. Nützt diese Infusion nichts, muss das Pferd operiert werden. Diese Entscheidung ist für Pferdebesitzer nicht immer leicht. Denn eine Operation ist nicht nur teuer sondern immer auch risikoreich. 

Operation ja oder nein? 

«Pauschal kann man das Risiko bei Kolik-Operationen nicht beurteilen», erklärt der deutsche Kliniktierarzt Gertjan Zeeuw. «Das hängt von mehreren Faktoren ab: dem Alter des Patienten, der körperlichen Verfassung und auch davon, wie lange die Kolik bereits andauert. Denn wenn sich der Darm verschlungen hat oder irgendwo eingeklemmt ist, kann er absterben, da die Durchblutung unterbrochen ist. Müssen wir abgestorbene Darmteile entfernen, steigen das OP-Risiko und die Gefahr, dass das Pferd sich nicht erholt. Darum sagen wir immer, die Sonne darf nicht auf- und untergehen zwischen dem Auftreten der Kolik und dem Eingriff.» Es gilt also: Je früher die OP, desto besser die Heilungschancen. Darum rät Zeeuw bei nicht eindeutiger Diagnose und wenn die Medikamente nicht anschlagen immer zur OP – sofern der Allgemeinzustand des Pferdes stabil ist. Ultraschall- oder Röntgenaufnahmen, um sich ein genaueres Bild vom Geschehen im Bauchraum zu machen, hält er nicht für sinnvoll. Bis man auf diese Weise festgestellt hat, dass eine Darmverschlingung vorliegt, und bis das Pferd dann auf dem Tisch liegt, kann der Darm bereits abgestorben sein. Man hat doppelte Kosten und die Wahrscheinlichkeit, dass das Pferd ganz gesund wird, sinkt. 

Das passiert im Operationssaal 

Meistens schlägt die konservative Behandlung jedoch ohnehin an. Man geht davon aus, dass 80 Prozent der eingewiesenen Pferde mit Medikamenten geholfen werden kann und nur 20 Prozent operiert werden müssen. Hinsichtlich der Erfolgschancen einer OP gibt es Schätzungen von 2002, die besagen, dass 90 Prozent der operierten Pferde wieder gesund werden. «Die Operationsmethoden werden immer feiner, die Chirurgen immer versierter», erklärt Tierarzt Gertjan Zeeuw. Kommt es doch zu einer Operation, wird das Pferd narkotisiert und auf den Rücken gedreht. Entlang der Bauchnaht (Linea Alba) wird zunächst ein kleiner Schnitt gemacht. Der Operateur greift in die Bauchhöhle und tastet nach der Störstelle. Erst wenn diese genau lokalisiert ist, wird der Schnitt erweitert. Auf diese Weise wird nicht unnötig viel langsam heilende Bauchmuskulatur zerstört. Der betroffene Darmteil wird aus der Bauchhöhle herausgezogen, auf einer sterilen Folie ausgebreitet und, sofern er verschlungen war, entwirrt. Danach wird der Darminhalt in Richtung Dickdarm massiert, um die Durchblutung und Darmtätigkeit anzuregen. Ist der Darm bereits abgestorben und dunkel verfärbt, muss der betroffene Teil entfernt werden. «Bis zu einem Drittel des Darms können wir herausschneiden», erklärt Zeeuw. «Aber je weniger, desto besser. Teile des Dickdarms zu entfernen, ist extrem problematisch. Es wird zwar gemacht, aber die Aussichten auf Heilung sind eher gering, da das Pferd jeden Zentimeter seines Dickdarms benötigt, weil hier der Grossteil der Verdauung stattfindet.» Als Nächstes wird der Schnitt wieder vernäht. Dabei muss die Naht ganz glatt sein. Kleine Falten könnten eine erneute Verstopfung verursachen. Schliesslich wird der Darm in die Bauchhöhle zurücksortiert und die Öffnung Gewebeschicht für Gewebeschicht sorgfältig verschlossen. 

Die Zeit nach dem Eingriff 

Das Pferd hat die Operation gut überstanden und sich an seine Spitalbox gewöhnt. Ein gutes Zeichen ist es, wenn das Pferd am Tag nach der Operation bereits eine kleine Menge Kot produziert hat. Neben regelmässigen Paraffinöl-Infusionen über die Nasen-Schlund-Sonde zwecks «Schmieren» des Verdauungstrakts messen die Ärzte täglich den Hämatokritwert. Dieser gibt Auskunft darüber, wie es um die Gerinnung des Blutes und damit um die Kreislaufsituation des Patienten bestellt ist. Der Normalbereich liegt rasseabhängig zwischen 32 und 46 Prozent Anteil der roten Blutkörperchen im Gesamtblut. Je höher der Wert, desto schlechter geht es dem Kreislauf. Ein zu niedriger Wert deutet auf eine Anämie hin. Über einen Bauchhöhlentropf bekommen die Pferde täglich Antibiotika. Damit werden Entzündungen im Bauchraum vorgebeugt. Spülungen sollen zudem verhindern, dass es zwischen den Därmen oder mit der Bauchwand zu Verklebungen kommt. Verläuft der Heilungsprozess gut, können die Pferde nach einigen Tagen ihre Medikamente über das Futter aufnehmen. Nach einer Kolik-Operation sollte das Pferd in einer Spänebox stehen und gutes Heu zur freien Verfügung haben. Wichtig ist, dass das Kraftfutter immer erst nach dem Raufutter gefüttert wird. Zusatzfutter für rekonvaleszente Pferde und Medikamente, welche die Darmflora unterstützen, sind weitere Mittel um die Heilung zu fördern, ebenso die Pflege der Operationswunde. Wann ein Pferd zum Reiten wieder fit genug ist und wie das Aufbautraining aussieht, muss unbedingt mit dem Tierarzt abgesprochen werden.

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