Auf Mentaltraining stellen nicht nur Spitzensportler ab. Wieso sollten nicht auch Kinder von mentaler Stärke profitieren? Kinder sind zudem sehr offen gegenüber Mentaltraining, doch wie das Wort schon sagt, mentale Stärke muss aktiv trainiert werden.
Anfangs arbeitete Jolanda Stettler nur mit erwachsenen Reitern. Bis sie von einer Mutter gefragt wurde, ob sie das nicht auch mit Kindern machen könnte. Sie nahm die Idee auf, denn Kinder seien sehr offen für Mentaltraining, besonders nach ersten Erfolgen. Und ein weiterer Vorteil des Trainings: «Sie können es nicht nur fürs Reiten brauchen, es hilft ihnen auch sonst im Leben, wenn sie mental stark sind.» In den Kursen schaut die Trainerin auch die Körpersprache mit den Kindern an. «Eltern berichteten mir schon, ihre Kinder seien nach dem Kurs selbstsicherer geworden.»
Oberstes Ziel für die Trainerin aus der Süderen BE ist, mehr Harmonie zwischen Pferd und Mensch herzustellen, als Reitlehrerin aber sieht sie sich nicht, sie arbeitet einzig an der mentalen Stärke mit den Leuten. «Durch die Arbeit als Trainerin für pferdegestützte Führungs- und Persönlichkeitsentwicklung lernte ich, wie extrem Pferde auf menschliche Gedanken reagieren.» Dies versucht die Bauerntochter nun ihren Kursteilnehmern zu vermitteln. Kleine Veränderungen im Denken können schon Grosses bewirken.
«Ich arbeitete national und international im Verkauf in einer Führungsposition, bis ich zu meinen Wurzeln zurückfand.» Seither arbeitet Jolanda Stettler auf dem elterlichen Bauernhof zusammen mit ihrem Warmblutwallach, einem Pony, sowie ihren zwei Greifvögeln als Mentaltrainerin. Über 70 Kinder waren in der Zeit schon bei ihr im Mentaltraining. «Etwa ab acht Jahren können die Kinder zu mir kommen, wir arbeiten sehr spielerisch und machen nur kurze Theorieblöcke in den Kursen.»
Wie stark wir von unseren Gedanken beeinflusst werden, wird gleich mit einer Übung aufgezeigt. Alle guten und alle schlechten Gedanken sind auf Zettel zu schreiben. Danach werden die Zettel auf den Boden gelegt, an einer Stelle die guten Gedanken, an einer anderen die schlechten. Zuerst ist auf den schlechten Gedanken zu stehen, dann auf den guten. «Die Kinder sagen oft, dass sie sich auf den schlechten Gedanken nicht wohl fühlen.» Das lässt sich nun aufs Pferd übertragen, denn mit schlechten Gedanken im Kopf werden die Dressurübungen wohl nie richtig ausgeführt.
Den Fokus finden
«Viele Reiter kommen vor Turnieren zu mir. Meist ist das Problem, dass sie sich nicht fokussieren können.» Den Kindern liefert Jolanda Stettler die Erklärung bildlich: «Ich setze hierzu eine Stirnlampe auf und sage ihnen, sie sollen sich vorstellen, ihr Fokus sei das Licht der Lampe.» So wie die Lampe ihr Licht bündelt, müssen sie nun ihre Gedanken bündeln und mit den Gedanken beim Pferd bleiben. Mit diesem Bild im Kopf gelingt es besser, sich zum Beispiel auf einem hektischen Abreitplatz nur auf das eigene Pferd zu konzentrieren. «Gerade Kinder werden sonst oft ängstlich, wenn um sie herum ein Chaos herrscht.»
Häufig kommen auch Reiter zu Jolanda Stettler, die Angst haben. Beispielsweise wenn sie sich fürchten, alleine auszureiten. Hier ist gegen negative Gedanken anzukämpfen: «Wenn der Reiter denkt, dort bleibt mein Pferd stehen und geht nicht weiter, dann bleibt das Pferd sicherlich stehen.» Denkt der Reiter positiv, ist das Problem oftmals schon viel kleiner oder ganz verflogen. «Bei Erwachsenen geht es vor allem um Angst und Blockaden, wenn sie zu mir kommen.»
Wie wichtig die innere Ruhe ist
«Um mit Pferden erfolgreich kommunizieren zu können, müssen wir ruhiger und fokussierter werden», so Jolanda Stettler. Aus einleuchtendem Grund: Die Hirnströme des Pferdes liegen bei 3 bis 12 Hertz, die des Menschen bei 15 bis 40. Ein Pferd kann seine Gehirnleistung nicht schneller werden lassen, der Mensch aber kann seine Hirnfrequenz verlangsamen, zum Beispiel durch mentales Training, was sich positiv auf Mensch und Pferd auswirkt. Schon die alten Dragoner hätten immer gesagt, man müsse mit einem Pferd ruhig und bestimmt umgehen. Und damit sei auch die innere Ruhe gemeint, erinnert sie an eine alte Reiterweisheit.
Ein Ziel zu haben ist zwar wichtig, beim Mentaltraining aber sollte man sich auf den Weg konzentrieren. Immer einen Schritt nach dem anderen, der Erfolg kommt dann von selber. «Kinder sind heute teils so unter Druck, schon ein harmonischer Ausritt kann ein Erfolg sein.» Atem- und Entspannungsübungen können dazu beitragen. Zu lernen ist auch, wie der eigene Körper richtig einzusetzen ist, um sich gut zu fühlen. «Wichtig beim Mentaltraining ist mir vor allem, dass die Reiter realisieren, wie schnell Pferde merken, was sie denken, und entsprechend reagieren.» www.mentaltraining-reiter.ch
Zwei Übungen zum Ausprobieren
1. Übung: Du stehst aufrecht, streckst den rechten Arm aus und zeigst mit dem Daumen geradeaus. Danach drehst du den Oberkörper so weit es geht nach hinten und merkst dir den Punkt wo der Daumen hinzeigt. Nun drehst du dich wieder nach vorne und nimmst den Arm runter. Nun schliesst du die Augen und machst die ganze Übung in deinen Gedanken. Dabei gehst du über den gemerkten Punkt mit dem Daumen hinaus. Nun machst du die Übung nochmals mit offenen Augen. Merkst du, wie du mit dem Daumen weit über den Punkt hinaus kommst, den du dir gemerkt hast? Das zeigt dir, was für eine Macht unsere Vorstellungskraft hat.
2. Übung: Nach jeder Reitstunde schreibst du ein bis zwei Sätze auf, was du gut gemacht hast. Vor der nächsten Reitstunde liest du dann den Text sorgfältig durch. So gehst du gestärkt mit positiven Gedanken aufs Pferd. Du fühlst dich gut und die Motivation steigert sich.
Jeden Donnerstagabend erhalten Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten
ausgewählte Artikel sowie die nächsten Veranstaltungen bequem per E-Mail geliefert.