Mit Pfeil und Bogen bewaffnet ziehen Reiter schon lange nicht mehr in den Kampf, treten aber seit 2012 zu Schweizermeisterschaften an. Bogenschiessen vom Pferd aus kam vor gut 30 Jahren wieder auf und wird in drei Kategorien betrieben.
In schnellem Galopp preschten die Reiter an der Schweizermeisterschaft im berittenen Bogenschiessen durch die Bahn und schossen mit Pfeilen präzise auf die Ziele. «Es macht Spass zu reiten und zugleich mit Pfeil und Bogen zu schiessen», erklärt Anouk Ittig. Ihr Vater Roger ist der Begründer des berittenen Bogenschiessens in der Schweiz. Seit der ersten Schweizermeisterschaft 2012 wurde er bis auf einmal jedes Jahr Schweizermeister. Auch dieses Jahr war er wieder unschlagbar, meinte zu seinem Sieg jedoch bescheiden: «In zwei Disziplinen teilte ich mir den ersten Platz mit anderen Schützen.»
Als Sport wiederentdeckt
Im asiatischen Raum waren die mit Pfeil und Bogen bewaffneten Reiterheere während Jahrhunderten ihren Gegnern überlegen. Mit dem Aufkommen der Feuerwaffen hatten die berittenen Bogenschützen ausgedient. In den 1980er-Jahren wurde das berittene Bogenschiessen durch den Ungarn Lajos Kassai als Wettkampfdisziplin wiederentdeckt. Auch in der Schweiz begannen einige mit dem Abschiessen von Pfeilen vom galoppierenden Pferd aus, einer davon war Roger Ittig. «Ich bin durchs Internet auf das berittene Bogenschiessen gestossen», erklärt er. Anfänglich startete er an internationalen Turnieren in Deutschland. Bald darauf organisierte er in der Schweiz ein Turnier. 2008 wurde Roger Ittig zur ersten EM eingeladen: «Wir waren drei Schweizer und konnten dort viel lernen, beim Europameister gingen wir danach auch zwei Mal in einen Kurs.» Am Anfang braucht es etwas Zeit, bis die Technik beherrscht wird. Am schwierigsten ist das Nocken, also den Pfeil auf die Sehne zu spannen. Zu Beginn habe er viel trainiert, heute werde meist nur noch vor den Wettkämpfen mit Pferd und Bogen geübt. Roger Ittig ist zur Zeit der beste berittene Bogenschütze in der Schweiz.
Anouk Ittig will nun in die Fussstapfen ihres Vaters treten. Schon von klein auf reitet sie und betreibt das Bogenschiessen, seit sie laufen kann. An dieser Schweizermeisterschaft lief es für Anouk nicht ganz optimal, denn sie wechselte kurz vorher ihre Schusshand. Beim Schiessen kommt es darauf an, mit welchem Auge man schaut. Sie benützt eigentlich das linke Auge, in Visp hatte sie dann von der rechten auf die linke Hand zu wechseln.
Jede Woche Training
Am besten gefällt der 13-jährigen Anouk der Wettkampf Qabaq, also der orientalische Wettkampf. «Es ist ein spezieller Wettkampf, man schiesst in die Luft», so die junge Bogenschützin. So lief es für sie auch an der Schweizermeisterschaft im Qabaq gut, sie wurde Zehnte. Seit drei Jahren ist Anouk in einem Verein für berittenes Bogenschiessen und startet seither auch an Turnieren. An der Schweizermeisterschaft schmiedete sie mit einer Freundin einen Plan. Die beiden wollen jetzt jeden Montag mit den Pferden trainieren, bisher passierte das nicht regelmässig. Denn schwierig ist für viele Reiter, dass ihnen keine passende Bahn zur Verfügung steht. Denn hinter den Zielscheiben sollte ein Hügel oder ein Netz sein, um keine Fussgänger, Tiere oder andere Reiter in Gefahr zu bringen.
Anouks Lieblingspferd ist die Camarguestute Provana. «Mein Vater hatte vor Jahren ihren Sohn gekauft. Als dann auch Provana verkauft werden sollte, fragten sie uns.» Die Stute begleitete Anouk an die Schweizermeisterschaft. Im Laufe des Turniers gewöhnte sie sich immer besser an die Bedingungen. Beim Umgang mit den Pferden ist ihr wichtig, dass sie keine Angst haben müssen: «Man muss einfühlsam mit den Pferden umgehen und sie auch ab und zu etwas bestimmen lassen.» Das ist sehr wichtig, weil der Reiter die Zügel nicht auch noch in der Hand halten kann, wenn er mit Pfeil und Bogen hantiert.
Von koreanisch bis orientalisch
Die Schweizermeisterschaften im Bogenschiessen bei der Familie Gentinetta in Visp wurden in drei Arten ausgetragen: koreanisch, ungarisch und orientalisch. Die Ergebnisse der drei Wettkämpfe wurden zu einer Schlusswertung zusammengezählt.
Beim orientalischen Wettkampf, auch Qabaq genannt, wird auf ein acht bis zwölf Meter hoch aufgehängtes Ziel geschossen. Im Orient wurde diese Form des Wettkampfs in zwei Teams ausgetragen. Qabaq kommt aus dem Türkischen und bedeutet Kürbis, denn in den Anfängen wurden als Zielscheiben Kürbisse verwendet.
Beim ungarischen Wettkampf stehen in der Mitte der Galoppbahn drei Scheiben, auf die geschossen wird. Auf die erste Scheibe schiesst der Reiter nach vorne, bei der zweiten zur Seite und bei der dritten nach Hinten. Die Zeit auf der Galoppbahn ist begrenzt, ist der Schütze zu langsam, gibt es Punkteabzug.
Der koreanische Wettkampf hat drei Durchgänge. Hier ist Schnelligkeit und Präzision gefragt, denn der Schütze hat pro Durchgang nur einen Versuch. Im ersten Galopp muss der Reiter eine Scheibe seitlich treffen, im zweiten hat er zwei Scheiben zu treffen, eine nach vorne und eine nach hinten. Im dritten Durchgang muss er auf fünf Scheiben schiessen, die in Abständen parallel zur Bahn stehen. Die Zeit auf der Bahn ist begrenzt, wird sie überschritten, gibt es Punkteabzug.
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