Eine Fläche von über 10km2 und 80km Wege und Strassen gibt es im Wildnispark Zürich zu betreuen. Einen Teil versehen die Sihlwald-Ranger Thomas Wäckerle und Nicole Aebli beritten..
Auf der leicht abfallenden Waldstrasse fordert Ranger Thomas Wäckerle seine Stute zu einer etwas schnelleren Gangart auf. «Ich muss da vorne absitzen», erklärt er. Neben einer Bank stehen drei Personen und ein Hund – nicht an der Leine. Der Grund, weshalb der seit vier Jahren im Wildnispark Zürich als Ranger tätige Thomas Wäckerle kurz vor Ende des fast dreistündigen Kontrollrittes noch zum Einsatz kommt. Wäckerle geht mit einem Informationsprospekt in den Händen zu Fuss auf die Personengruppe zu. Gibt es Fussgänger oder Velofahrer anzusprechen, kommt er – um auf Augenhöhe zu sein – vom Pferd herunter. Anders, wenn er es mit Reitern zu tun hat, dann bleibt er oben.
Unberührte Natur schützen
Von einer gereizten Stimmung ist nichts zu spüren. Ranger Wäckerle erklärt den Fussgängern, weshalb im Wildnispark Hunde zwar mitgenommen werden dürfen, aber durchwegs an der Leine zu halten sind. Dafür hat man Verständnis, beim Weggehen lacht man sich zu und wünscht sich einen schönen Tag. Thomas Wäckerle hat den richtigen Ton gefunden, die Leute fühlen sich nicht gemassregelt, sie sehen den Sinn der konsequenten Leinenpflicht ein. «Wenn wir eingreifen, geht es nur um die Einhaltung der Schutzverordnung», begründet er seine Intervention. Dass er vom Pferd abgesessen ist, hat seinen guten Grund: Rangerdienst ist anspruchsvolle Kommunikation, um die Ansprüche der Natur verschiedenen Besuchergruppen verständlich zu machen.
Der Wildnispark Zürich ist mit gut 10km2 im Süden der Weltstadt hinter dem Nationalpark ein grosses zusammenhängendes Schutzgebiet. Davon sind 6,5km2 Naturerlebniszone, der Rest ist der Natur reservierte Kernzone. Pflegemassnahmen werden praktisch keine vorgenommen, dass die gesamte Schutzzone ohne Zivilisationseinflüsse bleibt, steht im Vordergrund der Rangertätigkeiten. Verantwortlich sind dafür vier Ranger, nebst Thomas Wäckerle versieht auch noch Nicole Aebli den Dienst zu Pferd.
Berittener Rangerdienst
Der berittene Rangerdienst im Sihlwald ist nicht alltäglich und ist die Idee von Thomas Wäckerle: «Mit sieben Jahren begann ich zu reiten und bin seither bei den Pferden geblieben. Auch beim Militär, wo ich meinen Dienst beim Train absolvierte.» Die zündende Idee für den Rangerdienst zu Pferd hatte der gelernte Forstwart während seiner Ausbildung zum Ranger an der Interkantonalen Försterschule in Lyss und schrieb dazu seine Abschlussarbeit.
Versuchsweise habe der berittene Rangerdienst dann vor vier Jahren grünes Licht bekommen. «Man wollte zuerst einmal sehen, wie das bei den Leuten ankommt», blickt Wäckerle zurück. Die Vorarbeiten verlangten Pioniergeist, denn alles musste zusammengetragen werden, zu kaufen gab es weder Handbücher noch Ausrüstungsgegenstände. In den vergangenen vier Jahren hat sich nun alles vervollkommnet: Die Wasserflasche hängt ebenso am richtigen Ort wie die kleine Handsäge oder die Tasche für Prospektmaterial.
Auch wenn Wäckerle immer wieder auf den Wert des Pferdes bei Waldarbeiten aufmerksam macht, eigene Pferde hat sich die Stiftung Wildpark Zürich noch nicht angeschafft. Doch der Zufall wollte es, dass die Wanderreiterin Claudine Meyer auf dem abseits gelegenen ehemaligen Bauernhof Tableten zwischen Sihlwald und Horgenberg ihre sieben Pferde untergebracht hat. Eine Einigung war schnell gefunden: Drei Mal pro Monat stellt sie Thomas Wäckerle und Nicole Aebli gegen Entgelt zwei Pferde für den Rangerdienst zur Verfügung.
Einen halben Tag unterwegs
Drei Stunden dauert in der Regel ein Kontrollgang. Geritten wird ausschliesslich im Schritt, geht es länger abwärts, werden die Pferde geführt. So gross wie die Fläche, so lang ist das Wegnetz im Sihlwald – rund 80 Kilometer schlängeln sich die Waldstrassen durch das Schutzgebiet. Ein Teil davon ist für Fussgänger, für Biker und Reiter offen. Was nicht gekennzeichnet ist, bleibt gesperrt.
Wie einst bei der Kavallerie, gibt es für den berittenen Rangerdienst gegenüber Kontrollgängen zu Fuss klare strategische Vorteile. Selbst der tagtäglich im Wald tätige Ranger Wäckerle ist immer wieder überrascht, wie viel mehr man vom Pferderücken herunter sieht als vom Boden aus: «Das Gesichtsfeld erweitert sich sehr stark. Oft kommt es vor, dass wir plötzlich illegal entsorgte Gegenstände entdecken, obwohl wir schon öfters an den Stellen vorbeigekommen sind.»
Nicht weniger wertvoll ist, wie gut die berittenen Ranger bei den Waldgängern ankommen – Pferde bauen Grenzen ab und Kontakte auf.
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