Hauruck-aktionen vermeiden
In früheren Zeiten dachte man über die Eingliederung eines neuen Pferdes in eine bestehende Gruppe kaum nach und handelte nach dem Prinzip «Augen zu und durch». Zum Teil ist das – vor allem in bäuerlichen Betrieben – noch heute so. Gerade bei der sommerlichen Dauerweide wird die Integration häufig ausser Acht gelassen.
Wenn alle Pferde gleichzeitig zusammengeführt werden, kann so etwas funktionieren, denn die neue Umgebung und Haltungsform lenken alle Pferde ab. Dadurch halten die Pferde von Beginn an eher zusammen, als sich Streitereien zu widmen. Die feine englische Art ist eine solche Hauruck-Aktion allerdings nicht. Vor allem die Eingliederung von Neuankömmlingen in eine bestehende Gruppe sollte Schritt für Schritt über einen separaten Eingliederungsbereich durchgeführt werden, empfiehlt Romo Schmidt, Experte für Pferdehaltung und Stallbau. «Dieses langsame Heranführen eines Neuen an die Gruppe ist in der offenen Stallhaltung ein Muss. Alles andere wäre hochriskant», so der Autor des kürzlich erschienenen Buches «Pferde artgerecht halten – Offenstall – Laufstall – Bewegungsstall».
Die Eingliederung eines Neulings hängt vom Platzangebot und der räumlichen Aufteilung ab. Optimal sind die Gegebenheiten, wenn es einen dauerhaft separaten Eingliederungsbereich gibt. Eine solche Innenbox hat Kontakt nach innen, aber auch freien Zugang nach aussen in einen – an den Gruppenpaddock angrenzenden – Einzelpaddock. Aus dieser Perspektive kann sich der Neue in aller Ruhe den Ablauf und die Verhaltensmuster der Gruppe anschauen und wird durch den visuellen Kontakt nicht ausgegrenzt.
Die Integrationsbox
Besteht eine solche vorbildliche Einrichtung nicht, können im Innenbereich mindestens zwei Integrationsboxen eingerichtet werden. Das ist auch durch mobile Panelelemente möglich. Diese Abteile sollten an einem zentralen Ort angeordnet sein, sodass die vorübergehenden Bewohner den Raum, auf dem sich die Gruppe bewegt, gut einsehen können. Dadurch kann ein Pferd wie Friedel seine neue Herde und deren Tagesablauf und Verhalten beobachten.
In die eine Box kommt der Neuankömmling und in die andere ein verträgliches sogenanntes Integrationspferd. So kann es sich mit diesem in Ruhe auseinandersetzen. Über die Wahl des Integrationspferdes für den Neuling gibt es verschiedene Theorien. Verbreitet ist die Auswahl von rangniedrigen, meist recht verträglichen Tieren. Andere Experten raten zu ranghohen Tieren, weil diese besonders souverän seien und es nicht nötig hätten zu kämpfen. Doch diese Wahl hängt ganz individuell vom Neuling und von der bestehenden Gruppe ab. Eine dritte Alternative ist, das neue Pferd rotierend mit allen Herdenmitgliedern in den beiden Integrationsboxen bekanntzumachen.
Wann ist die Zeit reif?
«Erst am zweiten Tag darf der Neue zusammen mit seinem Integrationspferd sein zukünftiges Zuhause erkunden», rät Romo Schmidt. Für diese Zeit werden dann die anderen Gruppenmitglieder auf die Weide oder in ein anderes Areal gebracht. «Dann kann der Neuankömmling in entschärfter Situation die Fress- und Trinkstellen, Liegebereiche und die Umgebung auskundschaften.
Nachts sollten Friedel und sein «Sozialarbeiter-Kumpel» vorerst aber wieder in ihre Integrationsboxen. Wenn ein Pferd wie Sabines Norweger dann wieder ruhig trinkt und frisst und wieder feste Pferdeäpfel ausscheidet, kann über eine Zusammenführung mit der gesamten Gruppe nachgedacht werden. Die Dauer des gemeinsamen Aufenthalts im Offenstall hängt von der körperlichen und geistigen Kondition des neuen Pferdes ab. Aber nach fünf bis zehn Tagen sollte es möglich sein, die Pferde Tag und Nacht zusammenzulassen. Ein Tipp aus einer Ausarbeitung zur «Gruppenhaltung von Pferden» des Veterinäruntersuchungsamts Freiburg (D): Wird ein Pferd zu früh in die Gruppe gebracht, ist es meist über 24 Stunden auf den Beinen und nach wenigen Tagen physisch und psychisch am Ende. Bringt man ein derartig überfordertes Pferd in eine Box, legt es sich sofort hin. Das ist ein guter Konditionstest. Hinweise dafür, dass ein Pferd noch nicht ausreichend auf die Eingliederung vorbereitet ist, sind Holznagen oder hastiges Fressen und Trinken. Auch das Absetzen von weichem Kot ist ein Zeichen für Unsicherheit und Unruhe. Wichtig zu wissen: Auch Pferde, die sofort mit hocherhobenem Kopf und Schweif in eine Gruppe laufen, müssen nicht unbedingt ranghoch, sondern können genauso gut Bluffer sein. Alle diese Pferde sind für die Gruppenhaltung meist noch nicht genügend konditioniert. Ein positiver Indikator für soziale Integration ist dagegen das Ruheverhalten und dabei speziell das Abliegen. Nur Pferde, die in der Seitenlage ruhen, sind auch entspannt. Dann ist davon auszugehen, dass sich der Neuankömmling in seiner Umgebung sicher fühlt. Weitere Indikatoren für eine erfolgreiche soziale Integration sind: soziale Hautpflege, Kopf-an-Kopf-Fressen mit anderen Pferden, entspanntes Harnen und Koten, wohliges Wälzen und das Nachlassen des übersteigerten Holznagens.
Bedeutend bei allen Formen der Zusammenführung ist, die Rahmenbedingungen sicher zu gestalten. Absolut notwendig ist genügend Platz, damit der Neuling ausweichen kann. Einklemmgefahr oder «Sackgassen» stellen eine enorme Gefahr für die Pferde dar. Eine Vorkehrung, die ohne grossen Aufwand getroffen werden kann, ist, die Ecken des Areals abzutrennen und so die Fläche abzurunden. So wird die Gefahr für den Neuen, in die Enge getrieben zu werden, verringert. Auf der Weide und im Offenstall muss regelmässig kontrolliert werden, ob der Neue ausreichend Futter und vor allem Wasser abbekommt. Gerade im Offenstall muss ein neues Pferd sich seinen Fressplatz erst suchen. Bei einem zurückhaltenden Pferd kann es einige Tage dauern, bis es vor den anderen Pferden an den Fress- und Wasserstellen keine Angst mehr hat. «Alle neuen Schritte in einem Integrationsprozess sollten unter Aufsicht durchgeführt werden», meint Romo Schmidt. Denn Pferde können sich plötzlich anders verhalten, wenn Trennvorrichtungen fehlen.
Unter Beobachtung
Es sollten immer mindestens zwei Personen anwesend und in der Lage sein, zwei Pferde zu trennen, wenn es kritisch wird. «Um Verletzungsgefahren für Pferd und Mensch auszuschliessen, kann eine etwa drei Meter lange, leichte und vorne abgerundete Weichholzstange – wie man sie vom Apfelpflücken kennt – verwendet werden, mit der ausser Kontrolle geratene Pferde gefahrlos auf Abstand gehalten werden können», empfiehlt der Haltungsexperte. Auch Halfter sind in solchen Situationen ratsam. Wichtig: Ruhe bewahren! Pferde, die mit Ausschlagen ihre Rangposition klären möchten, wollen einander nicht ernsthaft verletzen. Meist sieht es schlimmer aus, als es ist.
Auch wenn Integration in eine neue Gruppe viel Arbeit und Aufmerksamkeit fordert, lohnt sich die Investition. Innenboxenhaltung ist nach Romo Schmidt strikt abzulehnen. Pferde, die in vergitterten Boxen leben, drücken ihre Stimmung zwar auch durch ihre arttypischen Gebärden und Mimiken aus, diese laufen jedoch ins Leere. Durch den fehlenden Körperkontakt können Aktionen und Reaktionen nicht unmittelbar erfahren oder gelebt werden, sondern verpuffen meist durch Tritte gegen die Holztrennwand oder beim Gitterbeissen. So können diese Pferde die Reaktionen ihrer eigenen Stimmungsäusserungen beim Nachbarn nicht werten oder einschätzen, eine «soziale Integration» ist nicht möglich.
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