Von Michael Läuchli
Es ist heiss auf dem Haut Plateau Franc-Montagnard, der auf rund 1000 Meter gelegenen jurassischen Hochebene zwischen Saulcy und La Ferrière. In diesen Wochen vor dem Marché Concours in Saigne-légier stehen nicht nur die grossen Pferdeherden von Les Cerlatez, le Cerneux-Veusil oder le Peu-Péquignot -unruhig und gegen die lästigen Insekten schweifschlagend nahe beieinander, auch viele Pferdezüchter im historischen Mutterland der Freibergerzucht sind unzufrieden und in heisse Diskussionen verwickelt. Eine Serie von Ereignissen und Gesetzesänderungen hat zu dieser Situation geführt. Nachdem im Moment zwar Avenches als Nationalgestüt gesichert ist, hat der nationale Parlamentsentscheid betreffend Pferdeimportregelung Unmut hervorgerufen. Im Frühsommer prangert der Schweizer Tierschutz die Haltungs- und Direktzahlungspraxis an, die Kantonsveterinärin des Kantons Jura kommuniziert, bei der Umsetzung der strengeren Haltungsvorschriften bestehe keinerlei Verhandlungsspielraum, die Marktpreise der Pferde fallen, die Reglementsänderungen zum Sporteinsatz tragender Stuten beim Schweizerischen Verband für Pferdesport schränken ein und nicht zuletzt -haben viele Betriebe aufgrund der grossen Mäuseplage und meteorologischer Umstände mit massivsten Futtermitteleinbussen zu kämpfen.
Von der Politik enttäuscht
Im März 2013 spricht sich der Nationalrat mit 121 gegen 54 Stimmen gegen eine Wiedereinführung der Kopplung von Importkontingenten an die Vermarktung von inländisch gezogenen Pferden aus. Dieser Entscheid führt zu einem grossen Medienecho in den Freibergen, noch ein Vierteljahr später werden in Zeitungen «schuldige» Parlamentarier angeprangert. Roland Bovet, Präsident
der Vermarktungskommission des Schweizerischen Freibergerverbandes, schreibt dazu: «Die Konkurrenz durch den -Import von Pferden ist unfair, wenn die Importtaxen nur lächerliche Fr. 120.– pro Pferd betragen.» Vor allem für die Befindlichkeit der Züchter in den Freibergen ist der Entscheid von Bern wichtig. Die direkten Auswirkungen vermag noch niemand genau zu beurteilen, aber man fühlt sich ganz einfach von der Politik im Stich gelassen.
Die Rolle des Eidgenössischen Gestüts in Avenches gibt weniger Anlass zur Kritik, obwohl der eine oder andere Züchter sich weniger Forschung und dafür mehr praktische Unterstützung wünschte. Was aber sehr hohe Wellen wirft, ist die Aktion des Schweizer Tierschutzes vom Juni 2013 (der Kavallo hat in Nr. 8/2013 bereits darüber berichtet). Dieser prangert vor allem Missstände bei der Haltung während der Wintermonate an und macht Stimmung gegen die Direktzahlungen des Bundes für jedes Fohlen (CHF 500.–), im Rahmen der Beiträge zur Erhaltung der Freibergerrasse, wenn ein Grossteil dieser Jungtiere gar nie in der Zucht, sondern auf dem Fleischmarkt landet. Denis Boichat, als privater Hengsthalter und Züchter von 15 Fohlen in diesem Jahr, einer der grossen Player auf dem Markt in den Freibergen, sieht die Kampagne naturgemäss anders. «Dass die Tierschützer den Skandal mit dem Pferdefleisch in der Lasagne, was ich selbst absolut verurteile, nun derart ausnützen, ist unfair. Abgesehen davon, dass die Zahlungen nur CHF 400.– betragen, ist ja auch das Produkt Fohlenfleisch hochwertig, es handelt sich genau genommen um echtes Bio-fleisch, das unter sauberen Umständen vermarktet wird, im Gegensatz etwa zu Pferdefleisch aus Rumänien oder anderswo.» Die Schlachtung von Tieren, welche die strengen Kriterien für die Zucht nicht erfüllten, sei unvermeidbar. Gemäss Recherchen und Beobachtungen des Kavallo sind die Zahlen der Schlachtfohlen in den Freibergen, welche der Tierschutz publiziert, nicht aus der Luft gegriffen, sondern in Wirklichkeit noch höher. Die Verantwortliche für die Kampagne des Tierschutzes war für den Kavallo -übrigens, trotz mehrerer Versuche, für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Auch die Pressereplik des nationalen Freibergerzuchtverbandes mit Zahlen aus dem Jahre 2009 (!) wirkt ungelenk und unprofessionell.
Die Guillotine des Verbots der Anbindehaltung für diesen Herbst macht einige Züchter nervös, insbesondere weil die Kantonsveterinärin des Kantons Jura, Anne Ceppi, an verschie-denen Informationsveranstaltungen klar signalisiert hat, dass sie beim endgültigen Inkrafttreten der Gesetze auch im Einzelfall für alle Tierarten zu keinerlei Konzessionen bereit sei. Boichat macht die einfache Rechnung für seinen Betrieb: Im Moment seien von 60 noch 11 Pferde angebunden, der Umbau zu 5 Boxen koste CHF 30000 – «und jetzt, soll ich die übrigen sechs Pferde töten?» Natürlich wird kaum ein Züchter das Risiko eingehen, bei einem Verstoss gegen die Tierschutzbedingungen erwischt zu werden und, allgemein zähneknirschend, werden die nötigen baulichen Anpassungen vorgenommen.
Mit Solidarität zu Qualität
In den Stammlanden der Freibergerrasse sind innovative Bewegungen teilweise etwas ins Stocken geraten. Dass die Zucht allgemein auf festem Fundament steht, davon gehen Züchter und Fachleute aus, die aber betonen, dass in Zukunft vermehrter Innovationsgeist nötig sein werde. «Wir haben immer noch zu viel Inzucht, und wenn man neue Experimente macht, dann meist mit einer zu grossen Population», ist Denis Boichat überzeugt. Stets sei eine Grosszahl von Pferden betroffen gewesen, weil man neue Zuchtexperimente mit zu vielen Stuten gewagt habe. Boichat: «Wir brauchen vor allem einfache und im Charakter gutmütige Pferde.» Die durch Modetrends ständig und oft sehr kurzfristig beeinflusste Nachfrage macht vor allem den Züchtern mit nur einzelnen oder wenig Fohlen pro Jahr zu schaffen, wenn sie sich immer wieder dem Markt anpassen müssen. Vor einiger Zeit waren vor allem in der Deutschschweiz Füchse sehr gefragt, diese wurden abgelöst durch die «Papageien», weil in der Westernreiterei Pferde mit sehr vielen Abzeichen gefragt sind. Im Moment kann ein Freiberger kaum dunkel genug, möglichst fast schwarz sein, um am Markt gute Chancen zu haben.
Als Impuls für die Zucht macht sich Boichat seine eigenen Gedanken: «Wenn man mit einem kleinen Stutenstamm von sechs bis acht Halbblutpferden und einem der besten etablierten Freibergerhengste arbeiten würde und dann daraus nach einiger Zeit nur ein einziger wirklich guter Junghengst resultiert, täte das unserer Zucht sehr gut.» Neue Ideen für die Zucht können nur umgesetzt werden, wenn alle Beteiligten am gleichen Strick ziehen. Dies ist, wie oft in der Landwirtschaftspolitik, nicht einfach. Partikularinteressen stehen auch auf dem Haut Plateau Franc-Montagnard immer wieder im Weg.
Konkurrenz des Auslands
Auch ausserhalb der Freiberge werden sehr gute Pferde dieser Rasse gezüchtet, darin sind sich die Protagonisten des Hochplateaus grundsätzlich einig. Dass aber Produkte aus dem Ausland (FRA, BEL, D) mittlerweile zur ernsthaften Konkurrenz erwachsen und die Preise zum Teil drücken, damit können sich nur wenige abfinden. «In der Schweiz wird auf unserem Gebiet zum Teil hervorragende Arbeit geleistet. Weshalb hat man aber gute Hengste ins Ausland exportiert und damit den Ast angesägt, auf dem wir sitzen?», meint Denis Boichat. «Ein Pferd verursacht bei korrekter Haltung und Ausbildung bei uns bis zum verkaufsfähigen Alter von drei Jahren Grundkosten von etwa CHF 6500.–. Jetzt werden Freiberger aus Belgien bei uns bereits günstiger angeboten!»
Mäuse, Kälte und Hagel
Nicht zuletzt ist momentan für die Züchter in den Freibergen auch der grosse Futtermangel ein massives Problem. Nach mehrjähriger Plage durch Wühlmäuse war in vielen Gemeinden um Saignelégier schon im letzten Jahr eine Einbusse von durchschnittlich 30 bis 40 Prozent zu verzeichnen. In diesem Frühjahr versuchten viele Landwirte durch frühe Einsaat die braunen Heuwiesen neu einzusäen, ein Unterfangen, dem durch die kalte Witterung im Frühjahr kein Erfolg beschieden war, zumal mehrere Hagelzüge im Juni noch zusätzlichen Schaden anrichteten. Tatsache ist, dass die meisten Bauern und Pferdezüchter einen Ausfall von 40 bis 80 Prozent
beklagen müssen. Da hat auch kurzfristige Einsaat von Hafer zur Silage-Gewinnung die Situation nur wenig verbessern können. Für die gebeutelten Franc-Montagnards bleiben nur zwei Möglichkeiten: der Zukauf von Futter oder der Verkauf von Tieren. Wie die meisten der angefragten Züchter bestätigen, ist die zweite Möglichkeit aus betriebsökonomischen Gründen die wahrscheinlichere.
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