Pferde brauchen Boden, viel Boden sogar. Und das nicht erst seit die Tierschutzverordnung auf den Zentimeter genau vorgibt, welcher Lebensraum Pferden, Ponys oder Eseln zur Verfügung zu stellen ist. Abgeleitet wurden diese Vorgaben letztlich nur aus dem Verhalten der Pferde, als ihr Freiraum noch weder durch Zäune noch durch Strassen eingeschränkt worden war. Doch mit einer uneingeschränkten Freiheit ist es in einer immer enger werdenden Schweiz längstens vorbei. Und wie Diskussionen der vergangenen Wochen im Zusammenhang mit der Revision der Verordnung zum Raumplanungsgesetz gezeigt haben, gönnt man den Pferden in den Amtsstuben nicht einmal mehr ein paar Quadratmeter Weidefläche.
Auf den offensichtlichen Wandel in der Pferdebranche in den vergangenen Jahren reagierte der Verband Schweizer Pferdezuchtorganisationen (VSP) in Bern kürzlich mit einer Weiterbildung. Thematisiert wurden Pferdehaltung und Pferdezucht sowie die wirtschaftlichen und sozioökonomischen Aspekte, wobei man sich auch hier wie in der Raumplanung auf
den landwirtschaftlichen Sektor beschränkte. Eine Frage drängt sich in diesem Zusammenhang allerdings auf: Lässt sich die Pferdebranche in der Schweiz auf den landwirtschaftlichen Sektor einschränken, können die Anliegen der Berufsreiterei einfach ausgeklammert werden? Für Ernst Voegeli, Präsident der Swiss Horse Professionals, kann die Branche nur eine gute Zukunft haben, wenn alle miteinander die anstehenden Fragen angehen: «Wenn wir es nicht zusammen machen, kommt es nicht gut!» Die Schwierigkeiten, mit denen die Berufsreiterei zu kämpfen hat, sind denn auch bedeutend grösser als im bäuerlichen Sektor. Allein die Preise (siehe auch Kasten «Preise wie vor 20 Jahren») sind auf dem Niveau von 1990 stehen geblieben, was die Verzinsung einer Reitanlage bei den heutigen Bodenpreisen schlichtweg verunmöglicht. Und unter dem Druck der tiefpreisgeprägten landwirtschaftlichen Pensionspferdehaltung muss die Freude an der Arbeit weit über den Lohnerwartungen stehen.
Vor vielen Herausforderungen
Für Salome Wägeli, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Pferdewissenschaften an der Berner Fachhochschule in Zollikofen, haben sich Pferdebranche wie inländische Pferdezucht institutionell und gesellschaftlich vielen He-raus-forderungen zu stellen. Einfluss haben die Imageabnahme des Pferdes sowie die sinkende staatliche Unterstützung sowie die Auswirkungen des globalen Umfeldes. Vor allem ist für Wägeli ein steigender finanzieller Druck auf die Hippo-Branche auszumachen. So haben die Fohlengeburten seit 1999 um 1500 auf 3700 im Jahre 2013 abgenommen, während die Zahl der Importe seit 2008 um über 1000 auf 4300 im Jahre 2012 zugenommen hat.
Das Anschlussreferat von Salome Wägeli richtete sich deshalb auf den Pferdemarkt der Zukunft. Sie stellte die Frage «Wer ist der Käufer – was wünscht der Käufer?» an den Anfang ihrer Ausführungen. Die Antworten darauf suchte sie mit der Analyse des Reitervolkes von heute und morgen. 90 Prozent sind Frauen im Alter von knapp 30 oder jünger, die zwischen 10,5 und 18 Stunden pro Woche im Stall verbringen und das Pferd als Teil der Familie sehen. Die Studie «Neue Reitsportmotive jenseits des klassischen Turniersports» (Gille et. al. 2011) lieferte ihr die stärksten Beweggründe: Mit über 90 Prozent zuoberst rangierten in der Umfrage Freude am Pferd, Spass am Pferdesport, Umgang mit dem Pferd, Wohlgefühl bei der Ausübung des Pferdesports. Die Reiterstruktur hat natürlich Einfluss auf die Pferdepreise: In Frankreich sind Freizeitreiter bereit, bis 3000 Euro zu bezahlen, 7000 Euro blättern Amateursportler hin, der Profisport zahlt 50?000 Euro für junge Pferde. Aufschlussreich war die Präsentation einer Untersuchung über die Zahlungsbereitschaft bei Springponys. Schnell ist man bereit, Toppreise zu bezahlen, wenn die Ponys über Turniererfahrung und Springvermögen verfügen. Noch lukrativer scheint das Leasinggeschäft mit guten Ponys – bis 5000 Euro pro Monat wird für ausgewiesene Cracks hingeblättert.
Für Salome Wägeli verfügt der Freizeitpferdemarkt über Wachstumspotenzial, wobei Interieur und Sozialverhalten mögliche Kaufentscheide immer stärker beeinflussen. Züchtern wurde deshalb auf den Weg mitgegeben, ein kundenorientiertes Marketing zu betreiben, Jungpferde auszubilden und zu fördern sowie eine zielgruppengerechte Kommunikation zu betreiben.
Pferde rentieren besser als Kühe
Als reiner Betriebswirtschafter untersuchte Christian Gazzarin von der Agroscope in Tänikon zusammen mit Anja Schwarz die Wirtschaftlichkeit der Pensionspferdehaltung, die sich in der Paralandwirtschaft zu einem immer bedeutenderen Zweig entwickelt habe. Für die Analyse wurden drei Betriebstypen herangezogen: Gruppenhaltung, Einzelhaltung klein respektive Einzelhaltung gross. Im Gegensatz zu Milchvieh etwa sind Pensionspferde bedeutend lukrativer. Wird bei Milchkühen mit einem Stundenlohn von 10 bis 15 Franken gerechnet, lässt sich bei Pensionspferden ein solcher zwischen 29 und 85 Franken erzielen.
Wirtschaftlich bedeutend besser als die Einzelaufstallung schneidet die Gruppenhaltung ab. Während die Boxenhaltung durchschnittlich auf einen effektiv realisierten Stundenlohn von 33 Franken (Kleinbestand) respektive 29 Franken (Grossbestand) kommt, erzielten die Gruppenhaltungen im Schnitt 52 Franken pro Stunde. Anzufügen ist, dass vier der zwölf analysierten Betriebe nicht auf den in der Landwirtschaft errechneten Opportunitätskosten-Lohnansatz von 28 Franken kommen. Deutlich höher schnitten auch die Einkommen bei den Gruppenhaltungen ab: 8952 Franken pro Grossvieheinheit gegenüber 7165 Franken (Kleinbetrieb) respektive 5581 Franken (Grossbetrieb).
Wie erklärt sich die bedeutend bessere Wirtschaftlichkeit einer Gruppenhaltung, obwohl die Pensionspreise meistens tiefer sind? Die Spannbreite reicht von knapp 400 Franken (Gruppe) bis gut 1300 Franken im Grossbetrieb; der Durchschnittspreis lag bei 714 Franken pro Monat. Im Bericht über die Wirtschaftlichkeit der Pensionspferdehaltung wird festgehalten: «Der Grund für den finanziellen Erfolg der Gruppenhaltung liegt in den tieferen Kosten. Von zentraler Bedeutung sind die Arbeitskosten, die in erster Linie aus dem jeweiligen Arbeitszeitbedarf resultieren: Die Gruppenhaltungsbetriebe nehmen mit 15 Minuten pro Pferd und Tag durch- schnittlich lediglich die Hälfte der Zeit der Einzelhaltungsbetriebe (32 Minuten pro Pferd und Tag) in Anspruch. Tiefere Kosten verursachen bei der Gruppenhaltung auch die Gebäude und Einrichtungen. Ausserdem profitieren Betriebe mit Gruppenhaltung von den Beiträgen für besonders tierfreundliche Stallhaltung.»
Mit Herz dabei
Trotz der lukrativeren Verdienstmöglichkeiten sieht Christian Gazzarin die bäuerliche Pensionspferdehaltung nicht als die Rettung für die von der globalen Agrarwirtschaft bedrohte Schweizer Landwirtschaft. Wer sich nur des Verdientes wegen in das Pferdebusiness einschalte, sei am falschen Platz. Zu diesem Betriebszweig gehöre, dass der Betriebsleiter mit Herz dabei sei. Gewinn machen längst nicht alle, ein Drittel der von der Forschungsanstalt untersuchten Betriebe schlossen – objektiv gerechnet – mit einem Defizit ab. Am meisten rentiert es dort, wo keine grossen Investitionen zu tätigen sind. Schnell schrumpft der Unternehmensgewinn aber dort, wo hohe Investitionen für eine gute Infrastruktur mit Halle, Reitplatz, Garderoben, Dusche und WC-Anlage getätigt werden. Noch enger wird es für gewerbliche Reitbetriebe, die weder auf günstigem Landwirtschaftsland stehen noch verdeckte Einnahmen über Direktzahlungsbeiträge in Aussicht haben.
Die Zukunft des Pferdes in der Schweiz wird aber nicht von der Wirtschaftlichkeit bäuerlicher Zucht oder Haltung bestimmt. Weit stärker gefordert wird die helvetische Hippo-Szene im Bereich Ausbildung. Wenn arrivierte Reiterinnen und Reiter in der Nordwestschweiz jenseits des Juras Ausschau nach passenden Reitlehrern halten müssen, beeinflusst dies die Entwicklung des Pferdesports kaum. Sehr rasch aber könnte der Pferdeboom der letzten Jahren geknickt werden, wenn es für Kinder, Jugendliche und Neueinsteiger kaum mehr passende Angebote vor der Haustüre gibt. Bleiben die aus, fehlen künftig Pferdekäufer und Interessenten für Pensionsplätze.
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