Ruhig und entspannt geht ein Esel neben einer Frau über einen Sandplatz, stellt die Vorderhufe in einen blauen Ring, bewegt sich dann im Slalom um grüne Kanister und tritt schliesslich leichten Hufes zwischen Autoreifen. Was aussieht wie eine Zirkusvorführung im Freien, ist in Tat und Wahrheit Teil einer tierischen Therapie. Die Frau, das ist Annemarie Diener, der Esel heisst Miro und ist eines von fünf Grautieren, die ehemalige Straftäter – bildlich beschrieben – zurück in die Gesellschaft führen sollen. Denn auch die Idylle trügt: Der Gutshof, vor dem die Esel ihre «Kunststücke» zeigen, gehört zur offenen Strafanstalt Saxerriet in Salez. In diesem Gefängnis im St. Galler Rheintal sind 130 Menschen untergebracht, die zuvor mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Die Vorführung macht gewöhnlich nicht Diener, sondern einer der Insassen. Annemarie Diener, eine frühere Kindergärtnerin und Heilpädagogin, ist eine Angestellte der Strafanstalt und sorgt als so genannt tiergestützte Therapeutin mit den fünf Eseln dafür, dass frühere Straftäter den Weg zurück in ein möglichst problemloses Leben in Freiheit wiederfinden. Die nötigen Instruktionen erhält die Tier- und Menschenfreundin jeweils von der Anstaltspsychiaterin. Sie gibt Diener für jeden «Patienten» ein klares Ziel vor, das dieser vor seiner Entlassung erreichen muss. Damit soll die Gefahr eines Rückfalls möglichst verhindert werden. Die tiergestützte Therapie richtet sich im Gegensatz zu den gängigen Methoden an die Gefühle der Delinquenten. «Tiere sprechen uns Menschen auf der emotionalen Ebene an», sagt Annemarie Diener. «Sie öffnen in uns ein Türchen und holen unsere guten Eigenschaften hervor.» Wenn ein Esel beispielsweise stur stehenbleibe und nicht mehr weitergehe, lasse sich sehr schnell in die Seele des zu Therapierenden blicken, so die ehemalige Hobby-Springreiterin. «Da zeigt er sofort seine Reaktion auf die Situation.» Habe ein Mensch in seinem bisherigen Leben zugeschlagen, wenn etwas nicht so gelaufen sei, wie er sich das vorgestellt habe, zwinge der Esel ihn quasi dazu, eine andere Strategie zu wählen. Diener: «Esel reagieren nämlich nicht auf Druck – im Gegenteil! Diese Tiere muss man überzeugen.» Im Gegensatz zum Fluchttier Pferd bleibt ein Esel stehen, wenn er Angst hat oder unklare Signale bekommt. Damit gibt das Lastentier dem Menschen Zeit, seine Handlungen zu reflektieren und zu überlegen, wie er vorgehen muss, damit der Esel vertrauensvoll mit ihm weitergeht.
Sei ein Esel …
«Gerade ihre Sturheit und ihre langsame Art macht Esel für die Therapie so wertvoll», sagt Diener. Zudem seien Esel ungefährlicher als Pferde, mutiger und neugieriger. Das erleichtere die Kontaktaufnahme enorm. Ein weiteres Plus der Lastentiere, die einem Straftäter oft Lasten von der Seele nehmen können, ist ihre klare Sprache – auch in positiven Momenten. Wenn einem Grauen wohl sei, zeige er seine Entspannung mit herunterhängender Unterlippe und gesenktem Kopf. Solche und ähnliche Signale sind es, auf die Annemarie Diener ihre «Patienten» aufmerksam macht, und sie ermutigt, darauf zu achten. Die Therapeutin ist sicher: «Jemand, der die Sprache eines Esels verstehen kann, versteht auch einen Menschen besser.» Angst vor den Gefängnisinsassen kennt die Frau mit der ruhigen Stimme und Ausstrahlung nicht. Sie vertraut auf die Nähe von Aufsehern und auf ihre Tiere. Überhaupt: Dieners Begeisterung für ihre Esel ist riesig: «Es sind tolle Tiere. Ihnen verdanke ich meinen heutigen Beruf.» Seit einem Besuch bei Bekannten, die ihr einen Esel angeboten hatten, ist Annemarie Diener auch zu Hause aufs Grautier gekommen. In der Zwischenzeit hat sie diesem vier Kollegen geschenkt. Diener: «Ich kann mir mittlerweile ein Leben ohne die Esel nicht mehr vorstellen!»
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