Deborah Munier ist Tierarztpraxis-Assistentin und begeisterte Reiterin, welche mit ihrem Connemara-Pony Jen-Jo erfolgreich an Springturnieren unterwegs war. Als der 25-jährige Wallach über rund vier Wochen schlechten Appetit zeigte und zusehends teilnahmsloser wurde, liess Munier ihn vom Tierarzt untersuchen. Dieser stellte fest, dass die weissen Blutkörperchen, die für die Immunabwehr verantwortlich sind, deutlich erhöht waren. Auf die Antibiotika-Therapie sprach Jen-Jo nicht an und sein Zustand verschlechterte sich zusehends.
So wurde das deutlich abgemagerte Pony in die Pferdeklinik des Institut suisse de médecine équine (ISME) überwiesen. «Jen-Jo zeigte ein für ihn ungewöhnlich ruhiges Verhalten und sein rapider Gewichtsverlust machte mir grosse Sorgen», erzählt Deborah Munier. Bei einer rektalen Untersuchung, einer Palpation, konnte eine grosse Masse in der Bauchhöhle ertastet und mittels einer Ultraschalluntersuchung dargestellt werden. «Das Pony hatte eine Menge entzündlich veränderter Flüssigkeit in der Bauchhöhle. Das Immunsystem des Ponys kämpfte gegen einen Krankheitserreger», sagte die Tierärztin Nathalie Fouché von der Pferdeklinik. Im Rahmen des Internships betreute sie unter der Aufsicht von Professor Vinzenz Gerber das Pony. Bei weiteren Untersuchungen konnte festgestellt werden, dass Jen-Jo einen grossen Tumor im Bauch hatte, welcher bereits zu einer Bauchfellentzündung geführt hatte. Diese Befunde, zusammen mit der Tatsache, dass sich der Zustand des Ponys innerhalb von kurzer Zeit so massiv verschlechtert hatte, deuteten auf eine bösartige Tumorerkrankung hin. Wenn ein Tumor früh entdeckt wird, kann eine chirurgische Entfernung in Betracht gezogen werden. Dieses frühe Stadium wird aber oft nicht erkannt. Oft wachsen die Tumoren rasch und verunmöglichen so eine Operation. «So war es auch bei Jen-Jo, wo eine Entfernung des Tumors nicht mehr infrage kam. Daher musste er in der Klinik eingeschläfert werden, weil eine Heilung in diesem Fall ausgeschlossen war», erzählt die Besitzerin. Eine pathologische Untersuchung ergab, dass das Pony an einem renalen Karzinom, einem bösartigen Nierentumor, erkrankt war. Im Fall von Jen-Jo hatte der Tumor schon fast die Grösse eines Fussballs erreicht und zusätzlich auf viele weitere Organe übergegriffen. «Tumoren, die in der Niere entstehen, kommen beim Pferd selten vor. Tritt jedoch ein solcher Fall auf, so handelt es sich häufig, wie halt leider auch bei Jen-Jo, um ein bösartiges Karzinom», erklärt die behandelnde Nathalie Fouché.
Heimtückisch an dieser Krankheit ist vor allem, dass zu Beginn der Erkrankung keine Symptome auftreten, da die gesunde Niere die Funktion der erkrankten Niere vollständig übernimmt. Das Allgemeinbefinden eines Pferdes wird jedoch deutlich beeinträchtigt, wenn sich Metastasen in anderen Organen bilden. Dann zeigen die betroffenen Tiere häufig Leistungsprobleme, reduzierte Futteraufnahme, Gewichtsverlust, Fieber und Anzeichen einer Kolik. Je nachdem, welche Organe betroffen sind, können weitere Probleme hinzukommen. Dies verschlechtert natürlich das Krankheitsbild und eine Euthanasie ist unumgänglich, da keine Heilung mehr möglich ist. Auch bei Jen-Jo wäre eine Therapie nicht mehr möglich gewesen. Lediglich die Symptome hätten mittels intensiver medikamenteller Therapie etwas bekämpft werden können. Dies hätte jedoch das Leben des Tieres nur um einige Wochen oder Monate verlängert. So war das Einschläfern des Ponys die richtige Entscheidung.
text Karin Rohrer
Jeden Donnerstagabend erhalten Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten
ausgewählte Artikel sowie die nächsten Veranstaltungen bequem per E-Mail geliefert.