Nein, es sind für einmal nicht die Chinesen, die es erfunden haben – das Reiten. Schon gar nicht das jagdliche oder kriegerische Reiten mit Pfeil und Bogen. Die Kunst, Pferde zum Reitdienst zu verwenden, entstand zuerst vermutlich im Zweistromland. Von dieser Region aus jedenfalls ist uns die früheste bekannte Darstellung eines berittenen Bogenschützen überliefert. Wirklich begnadete oder sogar passionierte Reiter sind die Chinesen in ihrer langen Geschichte hingegen nie geworden, und diese Schwäche hat die Geschicke ihres Reiches wie kein zweiter Umstand geprägt. Deshalb wurden Kriege verloren, fielen Dynastien, herrschten immer wieder nomadische Reitervölker wie die Mongolen oder die Mandschu über chinesisches Gebiet.
Barbarische Sitten
Die Chinesen konnten es in Bezug auf das Pferd nie mit ihren nomadischen Nachbarn im Norden und im Westen aufnehmen. Das betraf nicht nur die Reitkunst, sondern auch die Fähigkeit, Pferde für eine schlagkräftige Kavallerie in ausreichender Zahl zu beschaffen. Das domestizierte Pferd gab es in China zwar bereits gegen Ende des Neolithikums, zu einer Zeit also, in der die Landwirtschaft «erfunden» wurde. Doch das vermutlich eher kleingewachsene Pony diente den Chinesen über Jahrhunderte hinweg ausschliesslich als Zugtier. Jahrhundertelang kam in China nachweislich niemand auf die Idee, dass man sich auf ein Pferd auch setzen könnte. Und schon gar keinem fiel ein, dass ein agiler, schneller Reiter von gewaltiger militärischer Bedeutung sein könnte.
Diese Lektion mussten sich die Chinesen letztlich von den Barbaren erteilen lassen. Die Geschichte berittener Invasionen wilder Reitervölker in -China ist so alt wie die Geschichte -Chinas selber. Das Pferd war dabei ein unschätzbarer taktischer Vorteil. Die Chinesen weigerten sich lange, es den Barbaren mit gleicher Münze heimzuzahlen. Sie lehnten Reiter und Kavallerie als barbarisch und ihrer Hochkultur unwürdig ab. Ausserdem stellte die chinesische Männerkleidung ein Hindernis dar. Der lange Rock liess das Reiten nicht zu, und wer wollte schon barbarische Kleidung tragen!
Letztlich musste man in China doch zur Einsicht kommen. Zu schlagend waren die Vorteile der militärischen Reiterei. Der erste bekannte chinesische König, der berittene Bogenschützen aufstellte, war König Wuling aus dem Reich Zhao im 4. Jahrhundert v. Chr. Vermutlich war die Einführung der Kavallerie in China ein längerer Prozess, der allerdings erst nach 541 v. Chr. begonnen haben wird. Denn aus dieser Zeit sind uns Rapporte von Schlachten übermittelt, in denen die Chinesen allein mit Fusssoldaten gegen die Barbaren antraten und verheerende Verluste erlitten.
Das Bewusstsein, dass das Pferd den Schlüssel im Kampf gegen die Barbaren darstellte, reifte allmählich. Allein, China besass nicht ausreichend Pferde und das blieb in der gesamten chinesischen Geschichte eine Konstante. Man musste stets Pferde importieren – und der einzige Lieferant war ausgerechnet der Erzfeind. Chinesische Herrscher liessen sich immer wieder neue Ideen einfallen, um an mehr Pferde zu kommen. So führte der Pferdenotstand zu einer der ersten grossen militärischen Expedition, der Weltgeschichte. 60?000 Mann schickte Kaiser Wu der Han um 100 v. Chr. nach Fergana in Zentralasien, wo gemäss chinesischem Wissensstand die besten Pferde der Welt gezüchtet wurden. Jene «Pferde des Himmels». Der König von Fergana wurde getötet und einige Dutzend der besten Pferde wurden entführt. Hinzu kamen rund 3000 Pferde geringerer Qualität. Doch die vierjährige Expedition forderte ihre Opfer. Nur 10?000 Mann und 1000 Pferde erreichten China lebend. Es waren wohl die teuersten Pferde der Menschheitsgeschichte. Die Pferde aus Fergana waren grösser als alles andere, was man sonst in China aus der Pferdewelt kannte, und dass sie mit dem Prädikat «himmlisch» versehen wurden, deutet auf eine mystische Überhöhung hin.
Eine ewige Schwäche
Die chinesischen Anstrengungen, den Pferdebedarf mit Zucht zu decken, scheiterten. Man blieb abhängig von den Exporten der launischen Barbaren. In der Song-Zeit (960 bis 1279) stellte sich ein Tauschhandel ein – Seide gegen Pferde. Allein, für die Chinesen waren Pferde von existenzieller Bedeutung, die Seide hingegen war für die Barbaren nur ein Luxusartikel. Die Abhängigkeit Chinas blieb. Sie entschärfte sich erst, als sich der Tauschhandel auf den Tee verlagerte, der -wegen seines Vitamingehalts für die Barbaren zu einem essenziellen Nahrungsmittel geworden war. Bis in die späte Kaiserzeit im 19. Jahrhundert gab es ein hochdotiertes «Amt für Pferde und Tee», welches diesen Tauschhandel regulierte und überwachte.
Chinas Geschichte ist von wiederkehrenden Invasionen durch Reitervölker geprägt. Die Mongolendynastie der Yuan (1279 bis 1368) wäre ohne das Pferd kaum möglich gewesen und auch die letzte Dynastie, die Qing (1344 bis 1911), war ein Reitervolk, nämlich Mandschu. Obwohl sich die Qing rasch «sinisierten», sich also an die chinesische Kultur anpassten, und ihre Kaiser zu begnadeten Poeten, Kalligrafen und konfuzianischen Gelehrten wurden, blieben sie ihrem Erbe als mutiges Reitervolk verbunden. Die Geschichte Chinas wäre wohl anders verlaufen, hätten sich die Chinesen nicht mit Pferden herumschlagen müssen oder wären sie, andersherum gesagt, in der Lage gewesen, dies effizienter zu tun.
Claudia Wirz ist Sinologin und «NZZ»-Redaktorin. Dieser Beitrag erschien zuerst in «Ruizhong», dem Magazin der Gesellschaft Schweiz-China.
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