Ob in der Schweiz Reitpferde gezüchtet werden können oder sollen, hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder zu Diskussionen Anlass gegeben. Die Zucht von Arbeitspferden, da war man sich einig, hat eine Berechtigung, um Reitpferde allerdings, hielt der Agronom Hans Rittmeyer 1926 in seiner Dissertation fest, sollen sich die reichen Grossgrundbesitzer in Preussen und Frankreich kümmern. Seither hat sich jedoch vieles verändert, Arbeitspferde braucht es kaum mehr, Reitpferde dagegen schon. Diesen Entwicklungen passte sich denn auch das Verhältnis zwischen Bund und Pferdezucht während Jahrzehnten an und folgte einer entsprechenden Logik.
Dachverband für einheimische Pferdezucht
Die Mechanisierung der landwirtschaftlichen Betriebe brachte die einheimische Pferdezucht vor knapp 50 Jahren in eine schwierige Lage und liess die 89 Pferdezuchtgenossenschaften mit 12’049 im Zuchtbuch eingetragenen Tieren der drei vom Bund anerkannten Rassen Freiberger, Warmblut und Haflinger den Schweizer Pferdezuchtverband gründen. Man suchte gemeinsam einen Weg, Zucht und Haltung von Pferden den veränderten Marktbedürfnissen anzupassen – und fand ihn auch. Im Jahr 1983 wurden gar Exportprämien für Schweizer Pferde durch den Bund an 88 Pferdezuchtgenossenschaften mit 13’745 im Zuchtbuch eingetragenen Tieren eingeführt, um auch über die Grenzen hinaus konkurrenzfähig sein zu können. Zwei Jahre zuvor waren im Zug einer Revision der Pferdezuchtverordnung unter anderem auch neue Ausbildungsprüfungen mit Prämien geschaffen worden, nachdem solche für die Rasse Warmblut bereits 1963 in der Verordnung Eingang gefunden hatten. Konsequent wurde einer Neuorientierung der Pferdezucht weg vom Arbeitspferd für Landwirtschaft und Armee, hin zum Reitpferd für Sport und Freizeit gefolgt.
Ende 1995 ging die Züchterschaft noch einen Schritt weiter und genehmigte neue Strukturen zur Bildung eines Dachverbandes für alle in der Schweiz gezüchteten Pferderassen. Damit gab der Bund die Leitung der Pferdezuchtorganisationen ab und überliess die Verantwortung weitgehend den Züchterinnen und Züchtern, sicherte ihnen jedoch teilweise die Unterstützung weiterhin zu. 1997 wurde aus dem Schweizerischen Pferdezuchtverband der Verband schweizerischer Pferdezuchtorganisationen als Dachverband und Dienstleistungszentrum der Rassenorganisationen. Synergien hätten genutzt, Sprache und Gewicht der vereinten Schweizer Pferdezucht optimiert werden können. Leider scheiterte dieses fundamentale Vorhaben am Widerstand der Freiberger, dem grössten schweizerischen Pferdezucht-Verband. Die Schuld des Bundes war dies nicht!
Auf die Zucht selber wirkte sich das nicht aus, die Zuchtorganisationen verselbständigten sich nun und suchten zum Teil Synergien untereinander zu nutzen. Nun aber will der Bund das letzte Kapitel schreiben: Ausser den Freibergern sollen alle andern anerkannten Zuchtorganisationen keine Beiträge mehr erhalten. In der Botschaft des Bundesrates heisst es dazu: «Die Förderung der Pferdezucht wird – mit Ausnahme der Zucht von Freibergern – aufgehoben (Entlastung 0,9 Mio.). Dies ist vertretbar, weil der Nutzen aus der Zucht von Sport- und Freizeitpferden hauptsächlich ausserhalb der Landwirtschaft entsteht.» Das letzte Wort in dieser Sache ist allerdings noch nicht gesprochen, der letzte Entscheid liegt bei den Eidgenössischen Räten. Die Sparübung ist Teil des Bundesgesetzes über das Konsolidierungs- und Aufgabenüberprüfungspaket 2014, das dem Parlament wohl bereits in der nächsten Session vorgelegt werden wird.
Ein harter Brocken war Ende vergangenen Jahr schon die Mitteilung gewesen, dass laut neuer Tierzucht-Verordnung die Beiträge an Leistungsprüfungen ab 2014 dahinfallen würden. Dass aber die Streichung sämtlicher Beiträge zur Diskussion stehen wird, mit einer solchen Hiobsbotschaft hatte niemand gerechnet. Bestraft werden damit genau jene Züchterinnen und Züchter bzw. ihre Verbände, die im Sinne des oben erwähnten, ursprünglichen Zwecks keinen Aufwand scheuen, marktgerecht zu züchten und damit auch hohe Risiken einzugehen.
Da die Revision der Tierzuchtverordnung am Parlament vorbeiging, wurde sie in der Öffentlichkeit auch kaum wahrgenommen, wogegen die Debatte um die Agrarreform in den Medien breiten Raum einnahm und sogar die Pferdezucht ins Rampenlicht rückte – in allerdings nicht förderlicher Weise. «Bauern kassieren Subventionen für geschlachtete Fohlen» – «Noch mehr Geld für die Züchter» – «Bund verteidigt Subventionen für Schlachtfohlen» – so lauteten Schlagzeilen in grossen Tageszeitungen wie etwa dem Zürcher «Tages-Anzeiger». Dabei ging es zwar auch um die Revision der Tierzucht-Verordnung, allerdings allein um die Freibergerzucht und insbesondere um die Fohlenbeiträge. Denn die Beiträge an Leistungsprüfungen wurde den Freibergern ebenfalls gestrichen, dafür wird aber der Fohlenbeitrag mit der Begründung erhöht, die einzige Schweizer Pferderasse zu sichern. Und dass der Massnahme des Bundes derartiges mediales Interesse zukam, war einer Intervention insbesondere des Tierschutzbundes Zürich zu verdanken, der sich laut «Tages-Anzeiger» gegen den «Etikettenschwindel in der Freibergerförderung» wehrt. Statt generell die Zucht von Fohlen auch für den Metzger zu unterstützen, sollten laut Tierschutz die Prämien gezielt zur Förderung und Selektion der Zucht eingesetzt werden. So aber seien die Subventionen Anreiz, «unter dem Deckmantel der Rassenerhaltung Pferde für den Fleischmarkt zu züchten». Nirgends kam nur mit einem Satz die Streichung der Beiträge für Leistungsprüfungen zur Sprache, obschon seitens des Tierschutzes eine gezieltere Förderung derjenigen Züchter angeregt wurde, «die für ihre Tiere eine Nachfrage am Markt generieren». Und somit kam auch nirgends zum Ausdruck, dass die Revision der Tierzuchtverordnung nicht nur im Verhältnis zur Population, sondern in absoluten Zahlen keineswegs dem mit Abstand grössten Verband der Freibergerzüchter am meisten Schaden zufügt, sondern dem Zuchtverband CH-Sportpferde ZVCH. Und dem Schweizerischen Haflinger Verband wurde mit der gleichzeitigen Erhöhung der Förderschwelle die Unterstützung gar ganz abgeklemmt.
Nachfrage am Markt generieren
Was bedeutet es in der Pferdezucht, eine Nachfrage am Markt zu generieren? Nach dieser Zielsetzung orientierte sich die Nutztierzucht schon immer: Auch die Zucht von Pferden sei auf die Dauer nur haltbar, wenn sie auch wirtschaftlich sei, wurde schon in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts argumentiert. Klammert der Tierschutz den Fleischbereich bei der Förderung der Markterschliessung aus, handelt der Bund diesbezüglich kontraproduktiv. Daran ändert auch die von den eidgenössischen Räten beschlossene, neue Import-Kontingentsregelung (wenn sie denn überhaupt gemäss internationalem Recht in Kraft treten wird) praktisch nichts. Die echte Nachfrage des Marktes zu befriedigen und damit nicht nur in ökonomischem und auch ökologischem Sinn einerseits der Landwirtschaft zu helfen, andererseits Tausende von Arbeitsplätzen im Zusammenhang mit Pferdezucht, Haltung, Ausbildung und Sport zu erhalten, erfordert eine Strategie, die man in der neuen Gangart des Bundes in weitesten Teilen vermisst.
Ausreden
Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann führte in seiner Antwort auf die Intervention des Tierschutzes aus: «Die Konkurrenz zwischen den Pferderassen ist gross. Die Züchter von Freiberger Pferden setzen deshalb alles daran, marktgerechte Pferde zu züchten. Die Selektion der Nachkommen ist sehr strengen Anforderungen unterworfen.» Aus der Zucht ausgeschlossen würden, so der Bundesrat weiter, vor allem Hengstfohlen und «züchterisch weniger geeignete Tiere». Ohne den Wahrheitsgehalt dieser Aussage zu hinterfragen, sei doch die Frage erlaubt: Was tun denn die seriösen Warmblutzüchter, was die Haflinger Züchter, die sogar Reinzucht betreiben? Die Bevorzugung der Freibergerzüchter als Erhalter «eines sehr wertvollen und stark gefährdeten Kulturgutes» (Schneider-Ammann) ist tolerierbar. Doch was hat diese mit der Bestrafung der anderen Züchter zu tun?
Für Bernhard Lehmann, Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft, hat die Nachfrage nach Pferdefleisch in der Schweiz in den letzten Jahren stetig zugenommen. Aus ökologischer und ökonomischer Sicht mache es durchaus Sinn, Pferdefleisch in der Schweiz zu produzieren. Diese Feststellung bezieht sich natürlich wieder nur auf die Freiberger Rasse, wäre sie doch bezogen auf die Sportpferdezucht völlig absurd. Das dürfte selbst den für die Pferdezucht zuständigen Beamten des Bundesamtes klar sein. Doch wo mögen die tatsächlichen Gründe für die neue Zuchtstrategie des Bundes liegen? Offiziell wird man das wohl nie erfahren, denn sie müssten das Eingeständnis des Bundesamtes enthalten, in jüngster Zeit in verschiedener Hinsicht keinen geraden Kurs mehr gefahren zu haben. Dass sich nun die öffentliche Diskussion allein und auf diese Weise auf die Freiberger Zucht fokusierte, konnte dem Bundesamt nur recht sein, kam es doch dadurch nicht in Verlegenheit, Fehlleistungen «erklären» zu müssen. Nun aber hat die gesamte Schweizer Pferdezucht öffentlich Schaden genommen. Nach Belieben mit dem Rotstift reinzufahren und dazu noch Kriterien so zu verändern, dass seit Jahrzehnten zu Recht unterstützte Züchter gar ganz ausgeschlossen werden, muss als reine Willkür bezeichnet werden.
Keine Konzessionen
Für jene Züchter, die sich seit Jahrzehnten mit sorgfältiger und verantwortungsvoller Arbeit im Markt zu behaupten wussten, bedeutet das falsche Signal aus Bern zweifellos eine herbe Enttäuschung. Die erreichte Qualität der inländischen Pferdezucht, die letztlich das Hauptkriterium für die Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit ist, darf darunter jedoch keinesfalls leiden. Schon der kleinste Vertrauensverlust bei der Käuferschaft käme einer Resignation vor der Konkurrenz aus dem Ausland und damit dem Anfang vom Ende gleich. Am Aufwand, den diese Qualität nun mal erfordert, kann und darf deshalb niemals gespart werden. Was bleibt, ist nur eine Vorwärtsstrategie, indem dieser Aufwand noch transparenter gemacht, diese Qualität noch effizienter vermarktet wird, von jedem Einzelnen und auch im Verband. Dies wird nun die ganz grosse, alle fordernde Aufgabe sein, zumal es gleichzeitig gelten wird, fehlende Hilfe der öffentlichen Hand irgendwie zu kompensieren. Zweifellos, es wird ein noch härterer Kampf! Daran wird aber kein Weg vorbeiführen, soll es mittelfristig noch eine CH-Pferdezucht geben, die diesen Namen verdient.
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