Einzig Deutschland, das über ein beneidenswertes Ausbildungssystem für Mensch und Pferd verfügt und nach wie vor unbestritten die Nummer 1 im Dressursport ist, hat gegen die Streichung der Schlussnoten in den Dressurprüfungen gestimmt. Alle anderen anwesenden Verbände an der FEI-Mitgliederversammlung in Monteviedeo sprachen sich für das Weglassen der drei Schlussnoten zu Gunsten einer erhöhten Medienattraktivät aus. Für den Schweizerischen Verband für Pferdesport ist das ein «lohnender Verzicht»: «Das Pferd wird ja auch mithilfe der Zwischennoten bereits beurteilt und mit der Streichung der Schlussnoten kann das Schlussresultat schneller errechnet werden». Zu beurteilen waren in den drei Schlussnoten die Reinheit der Gänge (Ungezwungenheit und Regelmässigkeit), Schwung (Frische, Elastizität der Bewegungen, Rückentätigkeit und Engagement der Hinterhand) sowie Gehorsam des Pferdes (Aufmerksamkeit und Vertrauen, Harmonie, Losgelassenheit und Durchlässigkeit, Maultätigkeit, Anlehnung und natürliche Aufrichtung). Beibehalten wird einzig die Note Sitz und Einwirkung des Reiters.
Ganz anders gewertet hat die Bedeutung der Schlussnoten noch der Schweizer Anton Bühler, Silber- und Bronzemedaillengewinner Military 1960 in Rom. Über den Wert der Schlussnoten schrieb er 1988 im «Schweizer Kavallerist»: «Während einer Vorführung hat der Richter sechs bis sieben Minuten Zeit, um sich darüber Klarheit zu verschaffen, ob
• die Gänge regelmässig und frei sind (Takt!);
• die Bewegungen leicht, ungezwungen und harmonisch sind;
• die Vorhand leicht genug, die Nachhand tätig genug sind und somit Schwung gezeigt wird;
• ob das Gebiss willig, zutraulich und gehorsam angenommen wird ohne Gespanntheit oder Gegenwehr.
Leider sehen aber noch zu viele Richter ihre Aufgabe darin, alle möglichen Fehler zu suchen und sind darob blind für die Qualitäten einer Vorführung. Es entgehen ihnen auf diese Weise aber auch oft die wirklich schweren Fehler, die ‘fautes de base’, die sich ja meist die ganze Darbietung hindurch manifestieren.»
Wie weit sich der Dressursport von den Grundsätzen der Reiterei entfernt hat, zeigte sich auch an der Weltcup-Dressurprüfung in Stuttgart, wo mehr als zwei Drittel der Pferde beim Gruss nicht mehr die verlangte «Unbeweglichkeit» zustande brachten. Seien wir deshalb ehrlich und bekennen uns zu einem medienattraktiven Dressursport und nehmen die Absage an die traditionellen Ausbildungsrichtlinien hin. Dass die «Reitkunst am Scheideweg» ist, ist schliesslich nicht neu, sondern hat Erich Glahn 1956 schon im gleichnamigen Buch über die Olympischen Spiele Stockholm festgehalten. Unter anderem schrieb er über die Reinheit des Ganges: «Ein solcher kann in dressurreiterlichem Sinn durchaus unrein sein, wenn er gespannt ist und etwa mit weggedrücktem oder auch nur mit festgehaltenem Rücken gezeigt wird. ‘Rein’ in klassischem Sinn kann immer nur der Gang sein, der aus dem losgelassenen und elastisch mit dem Reitergesäss schwingenden Rücken kommt.» Leicht vorzustellen, in welche Richtung sich die Dressurreiterei nach der Streichung der drei Schlussnoten entwickeln wird, wenn nicht mehr schwarz auf weiss an die Kriterien wie Schwung, Takt, Losgelassenheit, Gehorsam und Durchlässigkeit erinnert wird. Dressur wird wohl das, was sie eigentlich nicht sein soll – ein Dressieren von Gängen und Figuren.
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