Das Pferdewohl in der Haltung erfährt laufend eine stärkere Gewichtung – vor allem auch auf Druck von der Branche selber. Lässt die Haltung sowohl das artgemässe Verhalten als auch einen guten Gesundheitsstatus zu, sind die Voraussetzungen für eine tiergerechte Pferdehaltung geschaffen.
Die Art und Weise, wie Pferde gehalten werden, wird heute von grossen Teilen der Bevölkerung kritisch gesehen – zu Recht, wie die Forschung zeigt. Denn wissenschaftliche Untersuchungen der letzten Jahrzehnte bestätigen ein hohes Vorkommen an Verhaltensstörungen, Erkrankungen und Dauerschäden bei Pferden. Diese stehen in direktem Zusammenhang mit der Haltung und Nutzung. Dabei deuten aktuelle Umfragen darauf hin, dass tiergerechte Pferdehaltungen durchaus von Praktikern gewünscht sind. Der Grossteil der Pferdebetriebsleiter steht einem Mehr an Tierwohl positiv gegenüber (Drittler et al. 2017). 2016 führte der weltgrösste Pferdesportverband, die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), eine Umfrage mit über 21’000 Teilnehmern durch. Das Ergebnis war erstaunlich: Rund 70 Prozent der Pferdebesitzer und Reiter wünschen sich eine intensivere Überprüfung der Haltungsbedingungen von Pferden.
Wie jedoch die Haltungsbedingungen einheitlich verbessern, wenn eine Bewertungsmöglichkeit fehlt? Konzepte zur Überprüfung der Tiergerechtheit von Pferdehaltungen existieren zwar, doch beinhalten diese vor allem subjektive Kriterien (Checkliste der Verbände) oder berücksichtigen lediglich ein Haltungsverfahren von Pferden und ermöglichen zudem keine Schwachstellenanalyse (AWIN-Protokoll).
Objektiv bewerten und verbessern
Das Ziel des Forschungsprojektes an der Technischen Universität MünchenWeihenstephan ist es, genau diese Lücke zu füllen. Mit dem «Weihenstephaner Bewertungssystem» wird es erstmals möglich sein, die Tiergerechtheit von Sport- und Freizeitpferdehaltung objektiv zu beurteilen und gleichzeitig Verbesserungsmassnahmen abzuleiten. Es lässt sich auf alle Einzel- und Gruppenhaltungsverfahren von Pferden anwenden und berücksichtigt zusätzlich Umweltwirkungen. Dabei kommen Messgrössen zum Einsatz, die wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig praxistauglich sind. Unterstützt wird das Projekt durch einen Expertenbeirat mit Vertretern der wichtigsten Institutionen der Pferdebranche.
Ziel des «Weihenstephaner Bewertungssystems» ist es, einen einheitlichen Massstab in der Beurteilung von Pferdehaltungen zu setzen. Damit soll erreicht werden, dass die Haltungsbedingungen von Pferden unter Berücksichtigung des Umweltschutzes deutschlandweit flächendeckend verbessert werden.
Was heisst «tiergerecht»?
Die «Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten» (BMEL 2009) sind als Ergänzung zum Tierschutzgesetz in Deutschland anerkannt. Aus diesem Grund wird die Beurteilung der Tiergerechtheit mittels des «Weihenstephaner Bewertungssystems» in Anlehnung an die Leitlinien durchgeführt. Was versteht man aber eigentlich unter einer tiergerechten Haltung? Tiergerechtheit beschreibt, in welchem Mass ein Haltungssystem die Voraussetzungen bietet, Schmerzen, Leiden und Schäden zu vermeiden sowie Wohlbefinden zu sichern (von Borell et al. 2012). Schmerzen, Leiden und Wohlbefinden sind jedoch Empfindungen und damit privater Natur. Sie lassen sich bei Tieren nicht so einfach nachweisen, insbesondere, weil die Sprache als Kommunikationselement fehlt.
Empfindungen können dem Tier nur anhand von Rückschlüssen zugeschrieben werden. Der von aussen wahrnehmbare Ausdruck ihrer Gefühlslage zeigt sich in spezifischen Verhaltensweisen oder dem äusserlichen Erscheinungsbild. Anhand des Verhaltens und der Gesundheit lässt sich daher auf das Befinden der Tiere schliessen. Solche Messgrössen werden als tierbezogene Indikatoren bezeichnet. Auf tierbezogenen Indikatoren liegt der Fokus in der Tiergerechtheitsbeurteilung. Denn sie liefern wichtige Informationen darüber, wie es um das aktuelle Wohlergehen der Pferde steht oder ob sie möglicherweise unter Stress leiden.
Im Gegensatz dazu stellen die ressourcenbezogenen Indikatoren Messgrössen dar, die Aufschluss über potentielle Gesundheitsrisiken geben. Mit ihnen lässt sich die Frage beantworten: Ist das Risiko für Verletzungen und sonstige Gesundheitsgefahren ausgehend von der Haltung und dem Management der Pferde gering? Darüber hinaus bieten ressourcenbezogene Indikatoren über indirektem Weg die Möglichkeit, verhaltensgerechte Aspekte abzufragen. Dazu zählen die Langzeitaktivitäten Ruhen und Bewegen, die allein über das Liegeflächen- und Auslaufangebot anstatt über die Beobachtung des Verhaltens praktikabel überprüft werden können.
Defizite nicht kompensierbar
Wann fühlt sich ein Pferd zwischen Stallwänden und Weidezäunen wohl? Um diese Frage zu beantworten, wurden für das «Weihenstephaner Bewertungssystem» drei Säulen entwickelt (s. Abb. 1).
Wird in der Haltung sowohl das artgemässe Verhalten (erste Säule) als auch ein guter Gesundheitsstatus (zweite Säule) berücksichtigt, sind die Voraussetzungen für eine tiergerechte Pferdehaltung geschaffen. Wohlergehen wird somit ermöglicht. Die dritte Säule zielt auf die Umweltverträglichkeit der Pferdehaltung ab.
Die drei Säulen beinhalten Welfare- bzw. Umweltkriterien, die wiederum durch mindestens einen Indikator abgefragt werden. Hierbei ist zu beachten, dass eine Haltung nur dann tiergerecht ist, wenn das Tier seine essentiellen Verhaltensweisen in allen Funktionskreisen äussern kann. Daher ist es nicht möglich, Defizite in einem Funktionskreis durch Optimierung eines anderen Funktionskreises zu kompensieren (Zeitler-Feicht 2015). Das bedeutet, dass beispielsweise der häufig angewandten Argumentation «Lieber hat das Pferd eine zu kleine Box und dafür täglich Auslauf!» die Grundlage entzogen wird. Eine zu kleine Box hindert das Pferd mit hoher Wahrscheinlichkeit daran, alle Liegepositionen einzunehmen. Das artgemässe Ruheverhalten wird durch die Haltung gestört. Der Auslauf hingegen befriedigt das Bedürfnis nach artgemässer Bewegung – ein völlig anderer Funktionskreis. Essentiell für das Wohlergehen der Pferde aber ist das Ausleben der Verhaltensweisen aus jedem Funktionskreis.
Zu Beginn des Forschungsprojektes galt es, potentielle Indikatoren über eine eingehende internationale Literaturrecherche auszuwählen. In den anschliessenden Versuchsreihen wurden diese Indikatoren hinsichtlich ihrer Aussagekraft, Praxistauglichkeit und Zuverlässigkeit 74 Mal auf Praxisbetrieben mit über 1600 Pferden überprüft.
Während haltungsbezogene Indikatoren wie beispielsweise Liegeflächengrösse oder Auslaufgestaltung relativ einfach und zuverlässig von verschiedenen Beobachtern mit unterschiedlichem Hintergrundwissen erhoben werden konnten, war es bei den tierbezogenen Indikatoren deutlich schwieriger. Hier stellte sich nicht nur eine exakte Definition der Indikatoren und ihrer Erhebungsmethode als ausschlaggebend heraus. Auch eine Schulung erwies sich als zwingend erforderlich.
Wie ist Wohlbefinden messbar?
Welches Verhalten von Pferden eignet sich konkret, um Wohlbefinden messbar zu machen? Die meisten Verhaltensweisen von Pferden, die sie in ihrer gewohnten Umgebung regelmässig zeigen, sind nicht eindeutig einer positiven Befindlichkeit zuzuordnen. Zum Beispiel ist das Spielverhalten von adulten Pferden kein eindeutiger Indikator für Wohlbefinden, da Pferde insbesondere unter Haltungsbedingungen auch zum Stressabbau spielen.
Ein vielversprechender Indikator für Wohlbefinden konnte ausgemacht werden: die Verhaltensweise «Zusammensein». Es handelt sich dabei um die räumliche Nähe von Pferden, die freundschaftlich miteinander ruhen, fressen, gehen oder aufmerksam stehen. Damit diese Verhaltensweise erkennbar ist, musste in Zusatzversuchen eine klare Definition gefunden werden. Sie umfasst Platzangebot (keine «erzwungene Nähe»), Zeitdauer und Abstand zwischen den Pferden.
Wann lässt sich Stress oder sogar Leiden bei Pferden nachweisen? Als Indikatoren für Stress und Leiden bei Pferden konnten das gehäufte Auftreten von Verhaltensauffälligkeiten sowie häufig zu beobachtende aggressive Verhaltensweisen ausgemacht werden.
Beratungsinstrument erstellen
Für die Zukunft ist geplant, das «Weihenstephaner Bewertungssystem» als digitales Beratungsinstrument am Markt zu etablieren. Eine tabletfähige Software soll eine standardisierte Schwachstellenanalyse vor Ort ermöglichen und abschliessend betriebsindividuelle Optimierungsempfehlungen geben. Im Sinne eines Benchmarking-Systems weist es für den Betriebsleiter den Vorteil auf, die eigenen Ergebnisse mit anderen Betrieben zu vergleichen. Offizialberatern könnte durch die systematische digitale Erhebung des Beratungstools die Arbeit erleichtert werden. Nützlich wäre es auch für andere Zielgruppen wie Fachberatungsstellen, Pferdeverbände, Tierärze, Pferdesachverständige sowie Stallbaufirmen. Der Einsatz des «Weihenstephaner Bewertungssystems» könnte langfristig gesehen zur Verbesserung der Pferdehaltung beitragen.
Nach Abschluss der Forschungsarbeiten, voraussichtlich ab 2021, soll ein Schulungszentrum für die korrekte Anwendung des Beratungstools gegründet werden. Neben der Funktion als Beratungsinstrument wird eine Auszeichnung für besonders tiergerechte Pferdehaltungen möglich sein. So können Betriebsleiter Qualitätsunterschiede nutzen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern.
Anschrift der Autoren
Technische Universität München, Wissenschaftszentrum Weihenstephan, Lehrstuhl für Ökologischen Landbau, Arbeitsgruppe «Ethologie, Tierhaltung und Tierschutz», Liesel-Beckmann-Str. 2, D-85354 Freising.
Das Literaturverzeichnis ist auf Anfrage beim Verfasser erhältlich.
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