Bereits im vorchristlichen Griechenland wurde nachweisbar versucht, «unheilbare» Erkrankungen zu behandeln. Dazu gehörten Versuche zur Heilung von gebrochenen Gliedmassen. Reposition (Einrichten) und Immobilisation wurden bereits damals als wichtige Kriterien zur Therapie von Knochenbrüchen erkannt. Die wahrscheinlich erste Erwähnung einer Hängegurte zur Ruhigstellung von Pferden stammt aus dem 3. bis 5. Jahrhundert (Corpus Hippiatricorum).
Der Hippiater Apsyrtos (ca. 300–360 n.Chr.) beschrieb zur Behandlung von Knochenbrüchen neben einem Schienenverband auch eine Art «Hängematte», in welcher Pferde bei vollständiger Ruhe während 40 Tagen belassen wurden. Schon zu jener Zeit wurden aber Frakturen oberhalb des Sprunggelenks und Carpus (Vorderknie) als prognostisch weniger günstig beurteilt als solche der unteren Extremitäten. Chiron (370–390 n.Chr.) fasste den Gebrauch des Aufhängeapparates weiter und benützte dieses Zwangsmittel, das er, wie den Notstand auch «machina» nannte, zusätzlich auch zur Ruhigstellung bei Gelenkserkrankungen und beim Kreuzschlag.
Vegetius (um 420 n.Chr.) beschreibt Einrichtungen, die Pferde wochenlang mehr oder weniger in der Schwebe hielten, um die Heilung von Knochenbrüchen zu ermöglichen. Diese Systeme bestanden wohl aus Gurten und Seilen, die in zweckmässiger Art und Weise an der Stalldecke oder an einem Notstand befestigt wurden. Es wurde aber bereits zu dieser Zeit erkannt, dass Pferde, wenn aufgehängt, nach kurzer Zeit schwere Druckschäden entwickeln, was eine Heilung des Primärschadens verunmöglicht. Es ging also darum, die Systeme so zu gestalten, dass das Pferd sich nicht hinlegen, sich aber über die Gurten entlasten kann.
Mittelalter brachte Stillstand
Von wenigen Ausnahmen abgesehen war auch in der Tiermedizin im Mittelalter ein Stillstand oder ein Rückschritt zu verzeichnen. Das beachtliche Wissen der Antike fiel im europäischen Raum meist auf unfruchtbaren Boden. In Byzanz, später auch im Deutschen Reich unter Friedrich II. sowie im Kalifat von Córdoba wurden jedoch die tierärztliche Wissenschaft gepflegt und die Kenntnisse vermehrt. Ausserhalb von Europa waren es vorwiegend die Araber, die sich der klassischen Veterinärmedizin annahmen und sie weiterentwickelten.
Trotz dieses Stillstands sind einige wichtige Neuerungen in Landwirtschaft und Pferdewesen bekannt geworden. So wurde das Pferdegeschirr im 12. Jahrhundert modernisiert, das Joch und das Brustblatt wurden durch das Kummet ersetzt. Der routinemässige Hufbeschlag mit Eisen und Nägeln ist hierzulande seit ungefähr dem 10. Jahrhundert bekannt.
Unter Friedrich II. wurde Jordanus Ruffus als Stallmeister an den Hof berufen. Ruffus hat als Erster den Hufbeschlag abgehandelt und dabei die Vernagelung und die Behandlungsmöglichkeiten beschrieben. Neben der Verfeinerung der Lahmheitsdiagnostik hat er neue Begriffe geschaffen: Spat, Kurbe und Gallen. Er beschreibt auch eine Gefässligatur. Da er sich eingehend mit Lahmheiten auseinandersetzte, musste er zwangsläufig auch ein Aufhängesystem erfinden. Bei einem Pferd mit Hufrehe, das ausgeschuht (Verlust der Hornkapsel) hat, postulierte er:
«Kann sich der Patient nicht auf den Beinen halten und wird ihm das lange Liegen allzu sehr zur Last und zum Schaden, so richte man ihn kunstvoll folgendermassen auf. Man nehme eine starke, dicke Binde, verstärke sie notfalls durch eine Gurte und lege sie dann unter die Brust des Patienten, dass sich die Breite der Binde von der Mitte des Körpers bis zur Brust erstreckt. Dann befestige man an beiden Enden der Binde Stricke und binde sie oben an einem Balken fest. Nunmehr wird der Körper des Patienten von den Binden oder von den Stricken in Schwebe gehalten … Es ist zu beachten, dass bei allen Krankheiten, bei denen sich der Patient nicht auf den Beinen halten kann, die Natur des kranken Pferdes durch die geschilderte kunstvolle Schwebe ein Unterstützungsmittel findet.»
Abu Bekr ibn-Bedr war um 1320 eine herausragende Figur. Er zitierte auch die alten griechischen Hippiater, führte Augenoperationen durch und benutzte für spezielle Eingriffe im Maul ein Maulgatter. Bei Hufleiden arbeitete er mit Filzsohlen, Lederschuhen und Deckeleisen. Zur Heilung von Knochenbrüchen beschreibt er Schienen, Bandagen, aber auch eine Hängegurte. Diese Hängegurte bestand aus einem grossen Stricknetz aus Dattelfasern, das unter dem Körper des Pferdes ausgebreitet und mit Hilfe von Tauen, unter Freilassung der vier Gliedmassen, an der Stalldecke befestigt wurde. Ein Vergleich mit dem modernen Helikopternetz drängt sich auf! Auch in einem reich bebilderten Werk von Aluares de Salamiellas (Mitte 14. Jahrhundert) finden sich zwei Darstellungen von Aufhängevorrichtungen.
Ausbildungsstätten für Tierärzte (Tierarzneyschulen) gab es zu Beginn der Neuzeit noch keine. Laien wie Wasenmeister, Hirten, Schäfer und Viehschneider (Viehheiler) übernahmen die Behandlung der Nutztiere und der wenigen Pferde in bäuerlichem Besitz. Nicht besser ging es den Pferden in den meisten Marställen, wo der Stallmeister und der Kurschmied für die Gesundheitspflege der Pferde verantwortlich waren. Unverstand, Aberglaube und Fehlinterpretationen der antiken und mittelalterlichen Veterinärliteratur, wenn sie überhaupt gelesen werden konnte, beherrschten die Szene. Vergleiche mit der heutigen Situation bezüglich einiger alternativer Heilmethoden drängen sich auf.
Eine zweckmässige Konstruktion zur Ruhigstellung von Pferden und zur Entlastung von Gliedmassen wurde vom württembergischen Kavallerieoberst Freiherr von Sind 1760 entwickelt. Er gibt an, mit Hilfe von Schienen und dem erwähnten Gerät aus einer Kuh- oder Pferdehaut zehn Beinbrüche beim Pferd geheilt zu haben. Darin konnte es zwar nicht liegen, aber «wann es des Stehens müde wird, sich selbst in die Haut sinken lassen und darauf ruhen kann. Wann es dieses alsdann auch müde ist, richtet es sich wieder mit unvermerkter Mühe auf seine Beine, ohne dass es bedarf den gebrochenen Schenkel im geringsten zu bewegen, als welchen das Tier selbst zu schonen suchet, wann ihm auf diese Weise geholfen wird.»
Von Sinds Einrichtung schien einen Entwicklungsschub auszulösen. Jede neu gegründete Tierarzneischule, Militärtierärzte, Privatpraktiker, aber auch die aufstrebende Industrie versuchten sich mit zum Teil komplizierten Systemen zu profilieren. Um 1850 entwickelte der «königlich hannöversche» Regimentspferdearzt Hilmer einen Hebe-Umlegeapparat. Er wollte so Prellungen, Distorsionen oder gar Frakturen vermeiden, die beim gewaltsamen Werfen von Pferden mit den verschiedensten Wurfzeugen entstehen konnten. Die Pferde wurden gefesselt, mittels Flaschenzug hochgezogen und sanft in seitlicher Lage abgelegt.
Wurfzeuge zum mechanischen Ablegen von Pferden wurden im vorletzten und bis ins letzte Jahrhundert sehr oft verwendet und jede Veterinärschule betrachtete es als Ehre und Notwendigkeit, ein eigenes Modell zu entwickeln und zu verwenden. Die Lokal- und Allgemeinanästhesie waren bis zu diesem Zeitpunkt kaum entwickelt, um routinemässig verwendet zu werden, das heisst, dass alle Eingriffe am festgebundenen, wachen Pferd durchgeführt wurden.
Auch heute noch wird die Hängegurte relativ häufig eingesetzt. Meist um ein Sichhinlegen des Pferdes zu verhindern. Verwendet werden neben den alten Systemen neuere Materialien wie beim Helikopternetz oder Vorrichtungen, die die Weichteile wenig zusammendrücken und die Atmung weniger behindern. Eine Apparatur zum schonenden Aufstellen von Pferden nach der Narkose mit vier Aufzügen und einer Schale aus Kevlar wurde in Bern entwickelt und verwendet.
Fazit
Aus den Ausführungen und Bildern lässt sich erkennen, dass sich die pferdespezifischen Probleme und die möglichen Lösungen im Laufe von Jahrhunderten (oder gar Jahrtausenden) wenig verändert haben. Ein Pferd mit seiner speziellen Art, seinem Charakter und seinem Gewicht bot, bietet und wird auch in Zukunft Schwierigkeiten bieten, deren Behebung oft ausserhalb unserer Möglichkeiten liegt.
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