Warum Schimmel sehr oft menschenbezogener sind als Braune oder Füchse, wird dem grösseren Pflegeaufwand zugeschrieben. Denn die Zeit, die ein Schimmel in Anspruch nimmt, bis er von allen gelben und braunen Flecken befreit ist, ist beträchtlich. Doch die Mehrzeit, die man dafür aufwenden muss, ist nicht verloren. Im Gegenteil: Der Mensch kann die längere Putzdauer für den Aufbau der Beziehung zum Pferd nutzen.
Das Putzgesicht provozieren
Es mag kitzlige und empfindliche Pferde geben, die wenig Freude an unseren Vorstellungen von Sauberkeit haben. Aber auch diese Pferde verfügen über Körperstellen, wo gar mit harter Bürste oder Striegel darüber gefahren werden darf und augenblicklich ein friedliches Putzgesicht hervorgerufen wird: Hier mag ich es besonders, hier tut es wohl. Das kann so weit gehen, dass der den Vorgang beobachtende Boxennachbar unverzüglich näher kommt in der Hoffnung, er möge doch etwas vom Wohlgefühl abbekommen.
Der richtigen Technik des Putzens ist deshalb grosse Bedeutung beizumessen. Nicht nur dass sich das Pferd an den Putzvorgang freudig gewöhnt und das Vertrauen zum Menschen festigen kann, sondern dass wir diese Pflegearbeit effektiv und tierschutzkonform anzuwenden verstehen.
Grundsätzlich hat sich jeder einmal die Frage zu stellen, was denn mit dem Putzen des Haarkleides bezweckt werden soll. Lediglich ein schöner Glanz des Fells? Entfernen der Schuppen aus dem Deckhaar, damit Zaum, Gurte und Geschirrteile sowie unser Schuhwerk und unsere Kleider nicht schmutzig werden? Allgemeine Sauberkeit ist gewiss ein wichtiger Teil, der Putzvorgang ist jedoch weit mehr, nämlich eine notwendige, gesundheitsfördernde Massnahme. In gesunden wie in kranken Tagen, wie das einst Oberst Josef Löhrer, der einstige Cheftierarzt in der Eidgenössischen Militärpferdeanstalt in Bern, in seinem Buch «Pferdepflege» festhielt: «Pferdepflege – gemeint ist alles, was zur täglichen Wartung und Fütterung, zum Umgang mit Pferden im weitesten Sinn, wie auch besonderen Pflege des Pferdes gehört.» Ein alter erfahrener Pferdepfleger drückte das auf seine Weise aus: «Beim Putzen habe ich vier Augen!» Als drittes und viertes Auge meinte er seine Hände, die beim Drüberfahren eben wahrnehmen konnten, was den Augen verborgen blieb. Putzen ist also nicht nur Reinigungsvorgang, das Putzen übt einen belebenden Hautreiz mit grossem Einfluss auf die Gesundheit des Pferdes aus. Es findet eine eigentliche Hautmassage statt, die den Blutkreislauf anregt und damit das Wohlbefinden des Pferdes erhöht, was sich auf Leistungsfähigkeit und Widerstandskraft positiv niederschlägt. Putzen ist gleichzeitg auch Gesundheitscheck.
Bei der Haut handelt es sich um die äussere Körperhülle und zugleich das grösste Organ des Pferdes. Sie ist verschiedensten mechanischen und chemischen Einflüssen ausgesetzt und oftmals höchst empfindlich: Lässt sich eine Fliege, eine Mücke oder eine Bremse auf ihr nieder, beginnt sie zu zittern, es wird mit dem Schweif nach dem Insekt geschlagen oder der Kopf zurückgeworfen. Wer sich dieser Eigenschaften bewusst ist, wird beim Hantieren mit Bürste oder Striegel stets höchste Sorgfalt anwenden.
Beim Pferd besteht die Haut aus drei Schichten, der Oberhaut, der Lederhaut und der Unterhaut. Sie bietet einen mechanischen Schutz für die darunterliegenden Teile und behütet den Organismus durch das Haarkleid vor zu starker Wasser- und Wärmeabgabe. Gleichzeitig ist sie ein Organ, da in ihr Blut- und Lymphgefässe sowie Nerven verlaufen und sie gewisse physiologische Leistungen vollbringt. Die Oberhaut ist gefäss- und nervenlos, ihre Stärke wechselt je nach Körpergegend und im umgekehrten Verhältnis zur Dichte des Haarbesatzes. Die eigentliche Grundlage der äusseren Haut ist die Lederhaut. Sie ist von unterschiedlicher Stärke, fest und elastisch. Diese Schicht ist reich an Blutgefässen und Nerven und mit den Ausgängen der Schweissdrüsen versehen. Hier wachsen die Haare in einem Haarbalg. Die Unterhaut ist eine Fortsetzung der Lederhaut nach innen und mit Fettgewebe angereichert, wodurch die gesamte Haut geschmeidig und verschiebbar ist. In der Unterhaut liegen die Schweissdrüsen; von ihnen führen lange, enge Gänge nach aussen. Das Pferd zeichnet sich durch einen grösseren Reichtum an Schweiss- und Talgdrüsen aus als andere Haustiere.
Was nun beim Putzen an sogenanntem Staub herauskommt, sind abgestorbene Teile der Oberhaut. Diese Epithelzellen werden ständig neu gebildet, sind unten weich und verändern nach oben ihre Form, platten ab, verhornen und werden abgestossen. Fahren wir nun mit der Bürste über das Fell, beseitigen wir diese abgestorbenen und abgestossenen Hautabsonderungen.
Wie lange soll nun ein Pferd geputzt werden? Besser vor der Arbeit oder nachher? In der «Anleitung zur Kenntnis rationeller Pflege des Pferdes» der Schweizer Armee aus dem Jahre 1913 wird unterschieden in Vorreinigung und Putzen. Unter Vorreinigung verstand man das Saubermachen nach der Arbeit, das eigentliche Putzen begann erst, wenn die Pferde trocken waren. Bevor man das Pferd aus dem Stall nimmt, wird es sorgfältig mit der Bürste geputzt – Einstreu im Schweif ist ebenso verpönt wie vom Mist verkrustetes Deckhaar.
Pferde gewöhnen sich schnell an Rituale, sodass man auch beim Putzen stets in gleicher Reihenfolge vorgeht. Begonnen wird auf der linken Seite des Pferdes, von vorne – am Hals beginnend – nach hinten. Zu beachten ist, dass alle Partien, also auch die schwer zugänglichen wie der Hals unter der Mähne, Unterbrust zwischen den Vorderbeinen, Innenseite der Hinterbeine mit der Bürste respektive Kardätsche erreicht und gesäubert werden. Die Bürste wird in möglichst langen Streichbewegungen aus langem Arm heraus über den Körper des Pferdes geführt. Lange Bewegungen beruhigen das Pferd, kurze, abrupte dagegen sind falsch, weil sie für die Pferde unangenehm sind. Nach jedem Kardätschenstrich über das Pferd wird die Kardätsche am Striegel ausgestrichen, damit der vom Pferd entfernte Schmutz im Striegel aufgefangen wird und nicht wieder auf das Pferd zurückfällt. Der Eisenstriegel darf mit dem Pferd nicht in Berührung kommen, er macht die Pferde nur nervös und führt zu einer übermässigen Absonderung von Oberhautschuppen. Um verkrustete Stellen zu lockern, bedient man sich einer Wurzelbürste, eines Gummistriegels oder -handschuhs.
Ist das Pferd beidseits von vorne nach hinten gesäubert, nimmt man sich mit behutsam den Kopf vor. Am besten legt man dazu den Striegel weg und hält mit einer Hand den Kopf am Halfter. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Pferde am Kopf kleinere Bürsten als angenehmer empfinden. Hat das Pferd genügend Vertrauen, hält es den Kopf noch so gerne für eine sanfte Bürstenmassage hin: Stirne, Kehlgang, Ohrwurzeln oder Augenbögen sind oft besonders empfänglich.
An Mähne und Schweif sind zwar die wenigsten Pferde empfindlich, dennoch erfordert das Langhaar eine sorgfältige Pflege. Denn seiner natürlichen Bestimmung entsprechend ist es eben auch Schutzhaar, und diese Funktion soll es auch erfüllen können. Für Mähne und Schweif bedient man sich mit Vorteil einer marktüblichen Mähnen- und Schweifbürste. Ein schöner dichter Schweif ist für viele Besitzer nicht nur ein Schönheitsmerkmal, sondern auch Ausdruck sorgfältiger Pflege. Ein schöner Schweif aber ist oft ein Geschenk der Natur und genetisch bedingt. Umso grössere Sorgfalt verlangt ein schütterer Schweif. Regelmässiges Waschen und anschliessendes Spülen mit Essigwasser reinigt den Schweif vom Schmutz und verhindert die Bildung von Haarrollen. Die Anwendung eines speziellen Sprays erleichtert die Arbeit und hält das Schweifhaar locker, ersetzt jedoch das Waschen nicht. Schweifliquid verhindert nicht nur ein Verkleben der Haare, in den damit eingesprayten Haaren bleibt auch weniger Einstreu hängen.
* Die Autorin ist dipl. Bereiterin, führt einen Pensions- und Ausbildungsstall und ist als Expertin in der Lehrlingsausbildung tätig.
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