Tiefpunkt Hongkong 2008: An den Olympischen Spielen gaben fünf Pferde positive Dopingproben ab. Darunter namhafte Namen wie der sprunggewaltige Schimmel Cöster mit seinem deutschen Crack Christian Ahlmann. Die Reitwelt war erschüttert. Medien zogen Vergleiche mit dem Radrennsport – dem Inbegriff für Aufputschmittel, Tablettchen und Spritzen. Vor allem der Springsport drohte immer mehr im Dopingsumpf zu versinken. Und das, obwohl das Regelwerk nirgends so streng war wie bei den Pferden – es war schlicht nichts erlaubt.
Der Weltreiterverband (FEI) suchte verzweifelt nach Lösungen und lief in die entgegengesetzte Richtung: Statt Nulltoleranz wollte er die Regeln vollkommen aufweichen und hievte die Richtwerte für Schmerzmittel und Entzündungshemmer massiv nach oben – was in vielen Ländern gegen das Tierschutzgesetz verstossen hätte. Der Widerstand war vorprogrammiert und die Vorlage schnell vom Tisch.
Nulltoleranz überholt
Kleine Änderungen folgten auf grosse – keiner hatte mehr den Durchblick im Dopingdschungel. Nun hat die FEI einen neuen Anlauf genommen und ein neues Regelwerk verabschiedet. Ohne Aufsehen oder Tumult wurde die grosse Hürde im Herbst 2010 übersprungen. Seit diesem April ist das Reglement auch in der Schweiz gültig. Doch was taugt das neue Gesetz? «Die aktuellen Regeln sind wesentlich besser als das, was ursprünglich geplant war», gibt sich das Bundesamt für Veterinärwesen leise positiv.
Studien ergaben, dass viele Medikamente in kleinen Dosen gar keine Wirkung mehr haben – weder auf die Gesundheit noch auf die Leistung der Vierbeiner. Zudem wurde die Technik immer ausgeklügelter. Analysegeräte reagieren viel sensibler als früher. Minimale Spuren einer Substanz können heute lange nach der Behandlung nachgewiesen werden. Fürst erklärt es so: Wurde einen Monat vor einem Turnier eine kleine Wunde am Bein mit einer entzündungshemmenden Salbe kuriert, konnte es sein, dass Bluttests positiv anzeigten. «Tierärzte und Reiter wussten teilweise gar nicht mehr, wie Spitzenpferde während Turnierpausen nun behandelt werden können.»
Deswegen griff die FEI immer mehr zu Sonderregeln. An der Weltmeisterschaft in Kentucky beispielsweise erhielten hunderte Reiter grünes Licht. Wenn bei ihren Pferden minimale Spuren eines Medikaments nachgewiesen werden konnten, wurde nicht dagegen geahndet.
Zwei Listen, die zu reden geben
Seit 2009 führt die FEI nun zwei Listen: eine für Dopingmittel und eine für Medikamente. Als Dopingmittel (Banned Substances) gelten leistungssteigernde Substanzen, die nicht für die Behandlung von Krankheiten der Pferde benötigt werden. Diese sind strengstens verboten, werden schon bei kleinsten Mengen geahndet und mit einer zweijährigen Sperre des Reiters belegt. Wiederholungstäter müssen mit einer fünfjährigen Zwangspause rechnen. Die Strafen für Dopingvergehen haben sich im neuen Regelwerk gar noch verschärft. Bei den kontrollierten Medikamenten (Controlled Medication Substances) handelt es sich um Substanzen, die für die Behandlung von Verletzungen und Erkrankungen während der Trainingszeit eingesetzt werden können. Dabei kann es sich um Wurmkurbehandlungen oder Medikamente gegen eine Kolik handeln. Die FEI hat die Werte genau definiert, welche an einem Turnier im Blut erlaubt sind. Zudem werden die Listen ständig ergänzt und verändert. Die im Moment gültigen Listen umfassen über 1000 verbotene Substanzen und über 100 therapeutische Mittel.
Zwei Länder – zwei Meinungen
Doch nicht überall stossen die Listen des Weltreiterverbandes auf Freude. In Deutschland gehen Tierschützer und Tierärzte gegen das neue Reglement auf die Barrikaden. Sogar das deutsche Bundesamt für Verbraucherschutz hat angekündigt, gegen die neuen Gesetze vorzugehen. Sie kritisieren die Heraufsetzung der Grenzwerte bei Medikamenten.
Auch dass einige Medikamente von der schwarzen Dopingliste auf die Medikamentenliste «gerutscht» sind, missfällt. Die neuen Regeln seien eine Mogelpackung und schaden den Pferden und dem Sport. Statt die Grenzwerte anzuschrauben, müsse man sich über die Gründe Gedanken machen, warum so viele Substanzen gefunden werden, sagte der deutsche Mannschaftstierarzt Eberhard Schüle in der Januarausgabe der deutschen Reiter Revue International. Er und weitere Vertreter aus Deutschland setzen sich für die Nulllösung ein. Das sei der einzige Weg, welcher das Pferd wirklich schütze und einen sauberen Sport garantiere.
Für Fürst ist die Aufregung im grossen Nachbarland unverständlich. «Die Nulltoleranz gibt es in der Realität schon lange nicht mehr», sagt er. Und fügt an: «Das Reglement ist transparenter und ehrlicher geworden.» Ähnlich sieht es die zuständige Schweizer Behörde, das BVET. «Es ist grundsätzlich richtig, dass zwischen total verbotenen Substanzen und Medikamenten, die für eine Behandlung notwendig sind, unterschieden wird», sagt Mediensprecherin Regula Kennel. «Die Frage ist nun, für welche Medikamente dieser kontrollierte Einsatz möglich sein soll.» Hier werde man nach einer gewissen Zeit die Erfahrungen auswerten und dann allenfalls nötige Anpassungen vornehmen. «Der Schutz des Pferdes und ein sauberer Sport müssen im Zentrum stehen», sagt Kennel.
Ob das neue Reglement wirklich dazu beiträgt, wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Klar ist jedenfalls jetzt schon eines: Die Dopingregeln bleiben für international startende Reiter ein Minenfeld. So hat Deutschland sein Gesetz mittlerweile geändert. Ob dieser Flickenteppich dem Ruf des Reitsports nützt, ist allerdings mehr als fraglich.
NEWSLETTER
Jeden Donnerstagabend erhalten Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten
ausgewählte Artikel sowie die nächsten Veranstaltungen bequem per E-Mail geliefert.
Jeden Donnerstagabend erhalten Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten
ausgewählte Artikel sowie die nächsten Veranstaltungen bequem per E-Mail geliefert.