Die 16-jährige Anja Niederhauser konnte die Geburt des Fohlens ihrer Stute Ramona des Près kaum erwarten. Dass das Schweizer Warmblut mit seinem ersten Fohlen tragend und schon fast drei Wochen überfällig war, sorgte für zusätzliche Spannung in Haus und Stall. Aber den exakten Abfohltermin bestimmt alleine die werdende Mutter. Am 30. April 2011 war es dann so weit und spät abends lag eine hübsche dunkelbraune Stute im Stroh, die von ihrer stolzen Besitzerin den klangvollen Namen El Bunda bekam. Die Geburt verlief reibungslos und El Bunda konnte problemlos saugen und von der wertvollen Kolostralmilch (Biestmilch) aufnehmen. Diese erste Milch enthält Antikörper, die von grösster Bedeutung für die Abwehrkraft des Fohlens sind.
Fohlen wurde immer schwächer
Am nächsten Nachmittag jedoch legte sich das Stütchen öfters hin, schien verkrampft, versuchte vergeblich Kot abzusetzen und nahm dabei eine gekrümmte Haltung ein. Der herbeigerufene Tierarzt Stefan Büchi gab dem Fohlen nach der Untersuchung ein Schmerzmittel und verabreichte ein Klistier aus Seifenwasser. «Darmpech ist eine Ansammlung von Exkrementen im Enddarm des neugeborenen Fohlens, die sich während der Trächtigkeit angestaut hat», erklärt der Veterinär. Das Ausscheiden des Darmpechs wird von der Kolostralmilch ausgelöst. Da der schwarze Kot (Mekonium) eintrocknet, ist ein Abgang erschwert und der Pferdebesitzer kann kolikähnliche Symptome beim Fohlen beobachten. El Bunda wurde immer schwächer und konnte sich trotz grosser Anstrengung nicht erleichtern. Wir hatten alle grosse Angst um die Kleine und konnten nur hilflos da stehen», erinnert sich die junge Besitzerin Anja Niederhauser. Der Tierarzt kam an diesem Sonntag vier Mal vorbei und versuchte mit Seifenlaugen und Einläufen dem Fohlen zu helfen, sein hartes Mekonium abzusetzen. Genügend Milchaufnahme sei gut für die Darmtätigkeit, riet uns der Tierarzt. Und so haben wir die schwache El Bunda mehrere Male hochgehoben, damit sie am Euter trinken konnte», erzählt die junge Pferdebesitzerin. Und Anjas Eltern, Daniel und Sylvia Niederhauser, wissen: «Die ausgetrockneten Kotbrocken sind extrem hart und entsprechend schmerzhaft für das Fohlen.» Dem erfahrenen Züchterpaar ist bewusst, dass das Darmpechverhalten lebensgefährlich werden kann, wenn es zu spät erkannt und behandelt wird. Der Veterinär versucht zwar jeweils, das Darmpech mit seinen Fingern zu entfernen, aber wenn alles zu lange andauert und der Saugrefl ex vom Fohlen erlöscht, kann die ganze Sache einen tragischen Verlauf nehmen.
Mehr Hengstfohlen betroffen
Nicht so aber bei Familie Niederhauser. Am Montagmorgen kam die grosse Erleichterung, als El Bunda ihr Darmpech endlich loswurde. Darauf folgten normale, weiche Exkremente, der sogenannte Milchkot. Das Stütchen war innert kürzester Zeit wohlauf und wirkte zufrieden und gelöst. «Normalerweise sind eher Hengstfohlen davon betroffen, da sie ein schmaleres Becken haben. Aber es kann auch Stutfohlen treffen», erklärt Stefan Büchi. Mit rektalen Einläufen kann das Fohlen beim Absatz des Darmpechs also unterstützt werden, damit dieses wenn möglich in den ersten zwölf Lebensstunden vonstattengeht. Somit ist eine genaue Beobachtung des Fohlens unumgänglich, damit nichts verpasst wird. «El Bunda ist jetzt auf einer Fohlenweide im Jura und erfreut sich bester Gesundheit», erzählt eine glückliche Anja Niederhauser, welche froh ist, dass ihr Pferdenachwuchs den holprigen Start ins Leben gut gemeistert hat.
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