Einen für uns und das Pferd oder Pony gleichermassen angenehmen Sitz zu finden, ist gar nicht immer so leicht. Die Centered-Riding-Methode arbeitet mit einfachen Bildern und fördert das Bewegungsgefühl.
Die neunjährige Lucy schüttelt es bei den ersten Trabtritten an der Longe hin und her. Die ersten Versuche im Trab auszusitzen, sind nicht einfach. Bilder und Vorstellungen können in solchen Situation helfen. «Versuche dir vorzustellen, du fährst rückwärts Fahrrad», ist der Tipp der Reitlehrerin. Und plötzlich «klebt» das Mädchen förmlich auf dem Pony. Die Technik, mit imaginären Bildern zu arbeiten, kommt aus dem Centered Riding. Mit ihrer Methode «Reiten aus der Körpermitte» unterstützte Sally Swift schon Generationen von Reiterinnen und Reiter verschiedener Reitweisen, um zu mehr Balance und Einfühlungsvermögen auf dem Pferd zu kommen.
Naturtalente und harte Arbeiter
Wer kennt sie nicht, die Naturtalente auf dem Pferd, bei denen alles wie von selber zu funktionieren scheint. Ist man mit einem hohen Mass an Koordinationsvermögen und Balance ausgestattet, muss man sich nicht überlegen, wie eine Bewegung ablaufen soll. Schon allein beim Gedanken daran tut der Körper automatisch das Richtige. Doch die wenigsten von uns funktionieren so. Centered Riding versucht, Reiten für alle erklär- und fühlbar zu machen, wie sich Pferd und Reiter gegenseitig beweglich halten. Und welche Muskelpartien locker oder in Spannung sein müssen, um Reiten für das Pferd möglichst angenehm zu machen.
Einem Pferd müssen wir das Traben oder Galoppieren nicht beibringen, die Bewegungsabläufe bringt es von Natur aus mit und weiss das schon als Fohlen. Ein ungerittenes Pferd vermag seine Bewegungen auch auszubalancieren. Setzen wir uns aber darauf, ändert sich das und es muss zu einer neuen Balance zurückfinden. Wollen wir dem Pferd etwas Gutes tun, arbeiten wir an unserer Balance.
Ein neutrales Becken
Damit der Reiter ideal sitzen kann auf dem Pferd, sollte das Becken in neutraler Position sein. Die neutrale Beckenposition liegt wie auf den Bildern zu sehen ist zwischen einem «Hohlkreuz» und dem «müden Cowboy». Am besten übt man die neutrale Beckenposition auf einem Stuhl. Man setzt sich dazu etwas vorne auf den Stuhlrand, die Füsse stehen flach auf dem Boden. Nun legt man eine Hand unterhalb des Bauchnabels vorne auf den Bauch und die andere Hand auf gleicher Höhe auf den Rücken.
Wir stellen uns nun vor, das Becken sei eine Schale mit einer Kugel darin und machen ein hohles Kreuz. Die Schale kippt nach vorne und die Kugel fällt raus. Bald bemerken wir, wie unser Rücken steif wird und nach langem Sitzen der Nacken zu zwicken beginnt. Sicher keine gute Position beim Reiten.
Also legen wir die Kugel wieder in die Schale und setzen uns wie ein müder Cowboy hin. Der Rücken gleicht nun einer Banane, so dass die Schale nach hinten kippt. Und wieder fällt die Kugel raus. Für den Rücken erneut unangenehm.
Nun versuchen wir, die Schale so zu positionieren, dass die Kugel in der Mitte der Schale liegen bleibt. Et voilà – wir haben die neutrale Beckenposition gefunden, in welcher der Rücken locker bleibt, die Bauchmuskeln etwas gespannt sind und der Körper mit der Bewegung des Pferdes mitschwingt. Für die fünfjährige Cloe war es nach diesen Vorbereitungen kein Problem, auf dem Pferd perfekt in die neutrale Beckenposition zu kommen.
Im Kamelsitz mehr spüren
Sobald die neutrale Beckenposition auf dem Stuhl für uns vertraut ist, setzen wir uns aufs Pferd und versuchen sie auf dem Pferd einzunehmen. Im Anfang kann es sich komisch anfühlen, weil nun die Hüfte locker mitschwingt. Die noch ungewohnte Position kann auch zu Muskelkater im Bauch führen.
Um die Bewegung noch besser zu fühlen, holen wir uns eine Person, die das Pferd führt. Wir schliessen dabei die Augen. Im Schritt und Trab kann das Bild, rückwärts Fahrrad zu fahren, nützlich sein. Noch intensiver fühlen lassen sich die Bewegungen im Kamelsitz. Dazu legen wir die Beine nach vorne über die Sattelblätter. Das Pferd wird dabei immer noch geführt. Vorsicht ist auch geboten, wenn man die Beine nach vorne nimmt, damit das Pferd nicht erschrickt. Eine Übung, die von vielen meist als sehr lustig empfunden wird.
Das simple Bild des Fahrradfahrens rückwärts und die neutrale Beckenposition begleiteten Lucy durch die ganze Reitstunde. Denn mit solch einfachen Bildern können komplexe Zusammenhänge und Bewegungsabläufe einfacher erklärt und fühlbar gemacht werden.
Dank Übungen zu mehr Balance
Centered Riding ist von der 1913 in den USA geborenen Sally Swift entwickelt worden. Sie litt an Skoliose, einer Verformung der Wirbelsäule. So musste sie viel trainieren, um ihr Körpergefühl zu schulen. Dabei entdeckte sie, dass sie das Gelernte auch auf dem Pferd anwenden konnte und setzte sich zum Ziel, die Balance des Reiters zu verbessern und das Bewusstsein für Bewegungsabläufe zu schärfen. Vermeintliche Probleme liegen beim Reiten eben gar nicht immer beim Pferd, sondern werden durch uns verursacht. Swift arbeitete viel mit mentalen Bildern. Vier Grundsteine sind im Centered Riding besonders wichtig: sanfte Augen, Zentrierung, Bausteine und die Atmung. Das neutrale Becken wird hier vorgestellt, im nächsten Kavallino erfahren wir mehr über die sanften Augen, Zentrierung, Erdung, Bausteine und die Atmung.
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