Die Ursachen für viele Lahmheiten sind häufig nicht so einfach herauszufinden. Wer sich wie Nicole Wyss intensiv mit Biomechanik befasst, findet dabei oft erstaunliche Zusammenhänge.
Was tun, wenn gewisse Sachen schieflaufen? Marie-Luise Tropper ist Tierärztin und wendet auch Chiropraktik bei Pferden an. Pferdebesitzern gab sie oft Tipps, wie sie das Pferd trainieren sollten, und trotzdem wurde es nicht besser. Können es die Besitzer nicht oder sind sie nicht interessiert? Doch dann hatte sie beim eigenen Pferd das gleiche Problem und kam nicht weiter. Hilfe fand sie bei Nicole Wyss, einer Tierheilpraktikerin, welche sich neben Osteopathie vor allem mit Biomechanik beschäftigt. «Mit ihrer Hilfe brachte ich mein Pferd wieder gesund», erklärt Marie-Louise Tropper. «Aber ich dachte mir, wenn eine Tierärztin ihr Pferd nicht richtig und gesund trainieren kann, wer kann es dann?»
«Ich treffe immer wieder auf Pferde, welche mir Kopfzerbrechen bereiten», so Nicole Wyss. So behandelte sie zum Beispiel ein Dressurpferd auf Niveau M und S, welches alle zwei Monate Probleme mit dem Kreuzdarmbeingelenk hatte. Obwohl man überall hört, dass die Pferdequalität in den letzten Jahrzehnten besser und besser geworden sei, kommen zu Nicole Wyss immer mehr Pferde mit Lahmheiten oder Taktunreinheiten. Genau wegen solchen Fällen begann sich Wyss vertieft mit der Biomechanik zu beschäftigen und stellte Erstaunliches fest. «Als ich mich vermehrt mit der Biomechanik beschäftigte, merkte ich, dass viele Lahmheiten von Problemen im Becken herrühren.» Als Erklärung gibt die Fachfrau an, dass die Hinterbeine im Bereich des Kreuzdarmbeingelenks knöchern mit der Wirbelsäule verbunden sind. Das Kreuzdarmbeingelenk ist aber kein «richtiges» Gelenk, es besteht aus zwei flachen, aufeinanderliegenden Knochen. Dadurch entstehen dort auch gerne Entzündungen, welche schwierig zu behandeln sind. Die Kraft aus der Hinterhand wird über die Bänder auf die Wirbelsäule übertragen. Damit dies einwandfrei funktionieren kann, darf das Kreuzdarmbeingelenk sich aber nicht zu stark bewegen. «Pferde mit viel Gang übertragen auch viel Bewegung ins Kreuzdarmbeingelenk. So wird die Kraft schlechter auf die Wirbelsäule übertragen und es kommt oft zu Problemen. Die Pferde versuchen diese ‹falsche› Bewegung zu kompensieren.» In vielen Fällen kommt es auch dazu, dass es zu einer fehlerhaften Lage des Beckens kommt.
Ein abgekipptes Becken zieht einiges nach sich. Kippt das Becken, kann die Kraft aus der Hinterhand nicht mehr richtig auf den Rücken übertragen werden. Zudem wird die Lendenwirbelsäule nach unten gezogen, es entsteht ein Hohlkreuz. Kommt dann noch ein Problem im Bereich der Vorderbeine mit den Rumpfträgern dazu, ist das Pferd schnell in der sogenannten Trageerschöpfung. Wird ein solches Pferd intensiv weiter geritten, lassen Probleme mit den Sehnen, Hufrollen oder Fesselträgern meist nicht lange auf sich warten.
Ist das Becken abgekippt, weil das Pferd falsch genutzt wurde, kann das meist leicht wieder korrigiert werden. Ist aber der Körperbau des Pferdes für die Probleme verantwortlich, wird es schwieriger, aber nicht unmöglich. Ein Problem der modernen Pferdezucht ist, dass zu viel auf Schwung und spektakuläre Gänge geachtet wird. Stabile Pferde sind heute kaum mehr zu finden. Dressurpferde würden heute mit Trabverstärkungen geboren, umschreibt sie das Problem.
Problemzonen erkennen
Mit richtigem Training können die Probleme aber in den Griff bekommen oder zumindest abgeschwächt werden. Hierzu ist es jedoch wichtig, ein Pferd zu beurteilen und seine Problemzonen zu erkennen. Als Erstes betrachtet man das Pferd von der Seite und zeichnet gedanklich ein Dreieck auf die Hinterhand. Die Eckpunkte sind der Sitzbeinhöcker, der Hüfthöcker und das Knie. Dieses Dreieck ist idealerweise gleichschenklig, das heisst, es hat drei gleich lange Seiten. Zudem sollte die Linie vom Hüfthöcker zum Knie senkrecht sein. Ist diese Linie nicht senkrecht, sollte das Pferd in diesem Bereich trainiert werden.
Die entsprechende Übung nennt Nicole Wyss «Antreten», die sie auch bei Pferden mit abgekipptem Becken anwendet. Dabei arbeitet sie vom Boden aus mit dem Pferd. Mit einer Hand wird der Kopf des Pferdes in hoher Position gehalten: «Wichtig ist, dass sich das Pferd mit dem Kopf hier nicht abstützt.» Mit der anderen Hand wird mit der Peitsche in der Luft ein Geräusch erzeugt, so dass das Pferd aus dem Stand etwas energisch antritt. Dann wird wieder angehalten und die Übung wird erneut gemacht. Hierbei muss das Pferd die Oberlinie dehnen und im Moment des Antretens mit erhöhter Kopfposition fällt das Becken hinten etwas nach unten und wird für einen kurzen Moment in der richtigen Position gehalten. Dadurch werden die Muskeln trainiert und die Bänder gedehnt, so dass das Becken nach und nach wieder in seine gewünschte Lage zurückfindet.
Für eine Beurteilung des eigenen Pferdes und die ersten Übungen ist es sinnvoll, sich Hilfe von einer Fachperson zu holen. Und wichtig: Je früher man die Probleme erkennt und je schneller man ihnen entgegenwirkt, desto einfacher wird es.
Weitere Infos: www.tierxundheit.com
Biomechanik lässt verstehen
Die Biomechanik des Pferdes ist eine Möglichkeit, das Wissen zu den anatomischen Grundlagen, dem Zusammenspiel von Knochen, Gelenken, Muskeln, Sehnen und Bändern sowie den Bewegungsabläufen des Pferdes zu verstehen.
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