Für eine Überraschung sorgte der Verwaltungsrat des NPZ Bern, als er für den nach 40 Dienstjahren in Pension gehenden Hans Bienz eine junge Frau als Nachfolgerin bestimmte. Die 29-jährige Betriebswirtschafterin Corina Gerhäuser leitete den Betrieb bis Anfang 2016 gezielt und erfolgreich.
Nachdem das NPZ auch nach dem Übergang von der -EMPFA in die Privatwirtschaft während zehn Jahren fest in Männerhand war, sorgte die Verwaltung des NPZ für die grosse Überraschung und wählte als neue Betriebsleiterin eine junge Frau aus der Ostschweiz. Kurz vor ihrem 29. Geburtstag trat Corina Gerhäuser als erste weibliche Betriebsleiterin den Posten an. «Es war nicht nur das Alter und das Geschlecht», erinnert sie sich, «ich war die erste weibliche Betriebsleiterin, hatte keine Berufsausbildung in der Pferdebranche, keinen militärischen Grad und sprach keinen ‹Bärner Dialekt›. Ich wusste, dass die Aufgabe sehr anspruchsvoll ist.» Geplant war, dass ihr Vorgänger Hans Bienz die neue Chefin unterstützen werde. Leider erlitt dieser kurz vor Stellenantritt einen Unfall und zur Einarbeitung kam es nicht. Beim Stellvertreter Beat Wampfler, dem damaligen Verwaltungsratspräsidenten Oliver Brand und weiteren Schlüsselpersonen fand sie in der schwierigen Anfangszeit Unterstützung. In der Belegschaft fühlte Gerhäuser anfänglich eine gewisse Zurückhaltung. Dafür hatte sie vollstes Verständnis, schliesslich wollten die Mitarbeitenden zuerst Sicherheit, dass die neue Chefin den Betrieb gemeinsam mit ihnen erfolgreich weiterführen kann. «Die Treue von vielen langjährigen Mitarbeitenden zeigte, dass es mir gelungen ist, in den Jahren eine gemeinsame Basis zu schaffen», bezeugt Gerhäuser.
Positive Reaktion von aussen
Bei den Kunden stiess die Wahl von Gerhäuser mehrheitlich auf positive Reaktionen. Schwierig gestaltete es sich dort, wo das Bewusstsein noch fehlte, dass das NPZ kein Staatsbetrieb mehr ist und dadurch wirtschaftlich arbeiten muss. Dabei handelte es sich aber um Einzelfälle und auch dort kam es zum Umdenken. «Die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Kundengruppen wie Züchtern, Pferdebesitzern, Reitschülern, Kursorganisatoren, Pensionären, Veranstaltern oder Vertretern des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS war sehr spannend. Es ergaben sich viele Kontakte, welche teilweise heute noch Bestand haben», freut sich die ehemalige Betriebsleiterin. Die Zusammenarbeit mit Genossenschaftern und Partnern gestaltete sich von Anfang an positiv. Insbesondere auch das VBS, der militärische Partner, war offen für eine gute Weiterführung der Kooperation.
Wirtschaftlichkeit war wichtig
Die NPZ-Jahre von Corina Gerhäuser waren vorwiegend durch folgende Themen geprägt: Verbesserung der Wirtschaftlichkeit, Organisationsentwicklung, umfassende Erneuerung der Infrastruktur und Erhaltung der klassischen Pferdeausbildung. Auf die Frage, was ihre Motivation für die Bewerbung als Betriebsleiterin im NPZ gewesen war, strahlt Gerhäuser: «Mit dieser Aufgabe sah ich die einmalige Möglichkeit, Beruf und Leidenschaft zu verbinden und meine in beiden Bereichen erworbenen Fähigkeiten im Sinne des Pferdes und des Pferdezentrums einzusetzen. Mich reizte es, den geschichtsträchtigen Pferdebetrieb in einen modernen Dienstleistungsbetrieb zu wandeln».
Aufgrund der damaligen wirtschaftlichen Situation und der anspruchsvollen Rahmenbedingungen suchte der Verwaltungsrat bewusst eine Person mit Wirtschaftskompetenz, Führungserfahrung und Erfahrung in Veränderungsprozessen. Die junge Betriebsleiterin erfüllte die Kriterien, denn ihre betriebswirtschaftliche Ausbildung, ihre Führungs- und Projekterfahrungen kombiniert mit den Kenntnissen in der Pferdebranche ermöglichten ihr, die vielfältigen Herausforderungen umfassend anzugehen. Das Erfolgsrezept war für sie, die richtige Mischung von Rendite und genossenschaftlichem Gedankengut zu finden sowie wirtschaftliche und soziale Interessen durch einen gemeinschaftlichen Betrieb zu fördern. Kompetenz aus der Pferdebranche war im NPZ durch die erfahrenen Mitarbeitenden und die jahrelange sehr gute Arbeit vom Vorgänger Hans Bienz sichergestellt.
Damit die Infrastruktur erneuert und teils ausgebaut werden konnte, musste die Wirtschaftlichkeit des Betriebes erhöht werden. Beim Stellenantritt war aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen die Hälfte der Sparten teilweise stark defizitär und die anderen Sparten mussten zum positiven Gesamtergebnis beitragen.
Herausforderungen und Errungenschaften
Zu den schlimmsten Erlebnissen während ihrer fast achtjährigen Tätigkeit zählt die Schreckensnacht vom 9. Februar 2014, als ein Mann mehrere Boxen öffnete und einige Pferde auf die Autobahn gelangten. Die Betriebsleiterin und ihre Mitarbeitenden fingen mit Hilfe der Polizei die fünf Pferde an verschiedenen Orten ein. Ein Pferd musste von seinen Leiden erlöst werden. Nach den unschönen Bildern auf der Autobahn kamen neue Herausforderungen wie richtiger Informationsfluss, Erhöhung des Sicherheitsdispositivs oder Versicherungsfragen auf sie zu. «Von der Polizei, vom Kernteam und dem damaligen Verwaltungsratspräsidenten Beat Bigler wurde ich toll unterstützt.» Medien, Mitarbeitende und Kunden reagierten gut, das NPZ erlitt keinen Imageschaden. Gerhäuser schätzte sehr, dass sie nachts um drei Uhr fünf Mitarbeitende anrufen konnte, die innerhalb kurzer Frist vor Ort standen und halfen.
Mit der Burgergemeinde Bern, der Besitzerin der Fläche des Allwetterplatzes, des Dressurvierecks, der Weiden und des ganzen Springgartens, konnte ein gutes Verhältnis aufgebaut werden. Hatte die Kündigungsfrist für den Springgarten bis dahin nur gerade ein Jahr gedauert, konnte die damalige Betriebsleiterin einen Vertrag für zehn Jahre aushandeln.
Über all die Jahre hatte Corina Gerhäuser immer Freude an der Entwicklung der Remonten, den Mitarbeitenden und an den zu verzeichnenden Fortschritten bei den Kunden, wie beispielsweise dem Voltigier-Nachwuchs, sowie an den unzähligen gelungenen Anlässen. «Schliesslich machten die breitere Ausrichtung von Veranstaltungen für verschiedene Pferderassen und Disziplinen sowie das Gewinnen von Firmen und Behörden für Anlässe die NPZ-Welt bunter. All dies half mit, den gegenseitigen Austausch und das Verständnis von Nicht-Pferdeleuten für den traditionsreichen Pferdebetrieb mitten in der Stadt Bern zu fördern», fasst die frühere Betriebsleiterin zusammen.
Reibungslose Übergangszeit
Nach dem Austritt von Corina Gerhäuser am 31. Januar 2016 wurde der Betrieb des Nationalen Pferdezentrums ad interim bis zum Start der neuen Betriebsleiterin am 1. Mai 2016 von Dr. med. vet. Beat Wampfler geleitet. Der Offizier der Schweizer Armee und Vizepräsident bei der STG arbeitet seit dem 1. Januar 2001 im NPZ und ist Bereichsleiter Veterinärdienst und Hufbeschlag, stellvertretender Betriebsleiter sowie Präsident der Personalkasse. Beat Wampfler, verheiratet und Vater von zwei Kindern, ist auch privat sehr mit dem Pferd verbunden. Als Präsident der Vereinigung Pferd setzt er sich aktiv für die Akzeptanz des Pferdes in der Gesellschaft ein, engagiert sich stark in der Ausbildung von Veterinärstudenten, Hufschmieden und Bereitern und organisiert als OK-Präsident seit zwölf Jahren die Pferdesporttage in Burgdorf.
Das NPZ Bern erleben
Am Samstag, 17. Juni 2017, feiert das NPZ Bern sein 20-jähriges Bestehen. Auf dem Erlebnispfad können Jung und Alt das Nationale Pferdezentrum und seine Bewohner kennenlernen. Zur Freude der kleineren Besucher werden Ponyreiten, Kutschenfahrten, Streichelzoo sowie zahlreiche Spiele durchgeführt. Beim Hufschmied und beim Tierarzt kann selber Hand angelegt werden und die Lernenden des NPZ stellen die Pferdeberufe näher vor. Für die grösseren Gäste werden abwechslungsreiche Präsentationen und Führungen angeboten. Sie erleben die 150-jährige Geschichte der historischen Anlage und werden in die Vergangenheit zurückgeführt werden.
Unter dem Motto «Wir feiern mit unserer Zukunft» startet um 16 Uhr die grosse Jubiläumsshow. Mit abwechslungsreichen Schaubildern präsentieren junge Reiterinnen und Reiter ihr Können. Anschliessend an die Show findet das Grillfest mit Livemusik und gemütlichem Beisammensein statt. Lassen Sie sich diesen Anlass nicht entgehen!
Weitere Informationen: www.npz.ch
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