Ein Hauch von Südfrankreich weht über das Dressurviereck im Walliser Rhonetal. Der helle Sand könnte genauso gut am Strand von Montpellier liegen, der Heimat der internationalen Top-Dressurreiterin Alizée Froment. Sie wuchs mit den Ponys der Reitschule ihrer Mutter auf und erlangte dank Fleiss und Talent bald Grand-Prix-Reife – im Springparcours. Nach einem Abstecher in die Welt des Theaters, ganz ohne Pferde, findet sie schliesslich zu den geliebten Vierbeinern zurück und entdeckt eine neue Leidenschaft, das Dressurreiten. Doch die feinfühlige Reiterin begnügt sich nicht damit, im internationalen Spitzendressursport mithalten zu können, sondern sucht immer wieder neue Herausforderungen. So reitet sie Grand-Prix-Pferde bald gebisslos und schliesslich mit Halsring, und wird dank Videos ihrer gefühlvollen Ritte «ohne Metall» fast über Nacht weltberühmt. Parallel zur Sportlerkarriere und zu ihrem Engagement als Trainerin der französischen Ponyreiter stellt sie ihr erstes Pferdespektakel «Ballerines» auf die Beine.
Über den Rücken
Alizée Froment legt grossen Wert auf die Basisarbeit. Egal welches Ziel der Reiter anstrebt, bevor die Grundlagen nicht sitzen, wird sie an keiner anderen Lektion arbeiten. So werden die Pferde zu Beginn des Unterrichts erst einmal über die Arbeit auf gebogenen Linien wie grossen und kleinen Volten, Schulter-vor oder Schenkelweichen (siehe Kasten «Meine Lieblingsübung») zur Längsbiegung aufgefordert und mit tief getragenen, stets nachgebenden Händen dazu ermuntert, über den Rücken zu gehen. Erst wenn der Reiter spürt, dass das Pferd den Widerrist anhebt, darf er zufrieden sein. Dabei ist Froment sehr konsequent und geht keine Kompromisse ein. Ist diese Grundhaltung noch nicht erreicht, wird daran gearbeitet, bis sie tadellos sitzt. Immer wieder werden die Reiter aufgefordert, die Pferde mit dem inneren Schenkel an den äusseren Zügel heranzutreiben, die innere Zügelhand bleibt dabei nachgebend und gewährleistet die korrekte Stellung.
Aktivität und Aufmerksamkeit
Eine interessante Übung, die die Trainerin während der Lösungsphase anwendet, sind Trab-Schritt-Trab-Übergänge, wobei die Schrittphase nur gerade einen einzigen Tritt dauert. Sofort sollen die Pferde dann wieder aktiv antraben. Der Reiter kann das Pferd beim erneuten Antraben durch feines Touchieren mit der Gerte oben auf der Kruppe im Takt der Trabtritte unterstützen. Diese Übergänge können in der weiteren Ausbildung so weit verfeinert und verkürzt werden, bis schliesslich Passage und Piaffe daraus entstehen.
Wer kommt zum Unterricht?
An diesem Morgen kommen verschiedene ambitionierte Sport- und Freizeitreiterinnen auf Warmblut- und iberischen Pferden zum Training, allesamt auf Trense geritten. Die Ziele der Reiter, die jeweils vor dem Unterricht erfragt werden, sind ganz unterschiedlich: von der angestrebten Dressurlizenz über den Aufbau nach einer Verletzungspause bis zu höheren Lektionen der klassischen Dressur. Alle Pferd-Reiter-Paare werden dort abgeholt, wo sie sich gerade befinden, und die Anforderungen individuell angepasst, sofern denn die Grundlagenübungen als Basis für die weiterführende Arbeit sitzen.
Kursteilnehmerin Cindy nutzt jede Gelegenheit, um mit ihrer schwierigen Hannoveranerstute von Alizée Froments Unterricht zu profitieren. «In der Vergangenheit lief einiges schief mit der Stute und ich bin froh, endlich eine Trainerin gefunden zu haben, die meinen Vorstellungen entspricht. Als Heilpraktikerin ist es mir ein besonderes Anliegen, nicht in Extreme zu verfallen. In der Naturheilkunde vertrete ich den Standpunkt, dass Schulmedizin und Alternativmedizin sich nicht gegenseitig ausschliessen dürfen. Und so strebe ich auch beim Reiten den goldenen Mittelweg zwischen Konsequenz und Freiheit an.»
Feines Reiten auf höchstem Niveau
Obwohl man Alizée Froment also in erster Linie von ihren Shows und dem gebisslosen Reiten kennt, orientiert sich ihr Unterricht an den klassischen Grundsätzen des Reitsports. Für Froment sind Sport und Show sehr gut miteinander vereinbar. Beim Reiten wie bei der Freiarbeit sollte die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Pferd stets auf tiefem gegenseitigem Vertrauen und Respekt beruhen. Angesprochen auf die Entwicklungen ?im Spitzensport, wird die Französin nachdenklich und erläutert, dass feines Reiten, wie sie es pflegt und vermittelt, seine Zeit braucht, um zu erblühen. Im heutigen Spitzensport sei meist zu viel Geld im Spiel, als dass man sich als Reiter noch die Zeit nehmen könne, sich so vertraut zu werden. Sponsoren und Pferdebesitzer machen Druck und Resultate müssen folgen: «Es müsste sich im Reitsport vieles ganz grundsätzlich ändern, damit feines Reiten auf höchstem Niveau gezeigt und honoriert wird.»
Auf die Frage, weshalb sie nicht mehr in den grossen Vierecken dieser Welt anzutreffen sei, antwortet Froment: «Ich brauche eine Pause, da die Werte, die ich vertrete, im Spitzensport nicht mehr hochgehalten werden. Alle Reiter sollten, wenn sie im Viereck einreiten, gleichberechtigt sein und ihre Chance auf eine Spitzenplatzierung haben. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, dass man sich im Dressursport immer in einer gewissen persönlichen Spanne bewegt: an einem guten Tag an der oberen Grenze der Notenspanne, an einem schlechten Tag an der unteren Grenze. Es ist fast unmöglich, diese Kategorisierung in den Köpfen der Richter zu durchbrechen. Mein Ziel im Sport war immer, mein Bestes zu geben und mich selbst zu übertreffen. Wenn das nicht mehr honoriert wird, fehlt mir die Motivation und Perspektive. Ich hätte wohl besser eine Leichtathletik-Karriere angestrebt, das würde meinem Verständnis von Leistungsbeurteilung besser entsprechen.»
Ein Herz für iberische Pferde
Auf der internationalen Bühne noch immer ein eher unbekanntes Bild sind die iberischen Pferde, mit denen Alizée Froment ihre grössten Erfolge in Sport und Show feiert. Doch sie ist auch anderen Rassen gegenüber offen. «Ich habe deutsche und holländische Pferde geritten und ich mag sie genauso wie die iberischen. Ich arbeite aber schon viele Jahre mit dem in Südfrankreich gelegenen Gestüt Coussoul zusammen. Sie züchten wahnsinnig tolle Pferde, wie meine Pferde Mistral du Coussoul und Sultan du Coussoul. So habe ich die Qualitäten der iberischen Pferde schätzen gelernt. Aber grundsätzlich ist meine Ausbildungsphilosophie auf jede Rasse anwendbar.»
Der Halsring als Prüfstein
Weltweite Bekanntheit erlangte Alizée Froment mit ihren Darbietungen von Grand-Prix-Lektionen, geritten mit Halsring. Was nach Zauberei aussieht, ist für die Ausbilderin jedoch der Höhepunkt einer sorgfältigen klassischen Ausbildung ohne Kompromisse. «Viele Halsring-Reiter zeigen eigentliche Zirkusvorstellungen. Das ist nicht, was ich anstrebe. Für mich ist der Ausbildungsweg von der Trense über die gebisslose Zäumung zum Halsring eine stete Steigerung der Anforderung an Pferd und Reiter. Sie sind Prüfsteine, ob die Grundausbildung gefestigt ist. Nur wenn das Pferd meine Sitz- und Schenkelhilfen versteht und der Reiter diese präzise einsetzen kann, ist ein für das Pferd schmerzloses Reiten auf Halsring möglich. Fehlt diese Basis, sollte man nicht um der vermeintlichen Freiheit Willen auf Trense und Zügel verzichten. Das ist nicht im Sinne des Pferdes.» So wäre es für Froment denn auch logischer, wenn die Steigerung hin zum Spitzensport nicht mit mehr Metall im Maul verbunden wäre, sondern mit weniger. «Wenn internationale Grand-Prix-Prüfungen auf Trense geritten werden könnten, wäre schon sehr viel gewonnen.»
Rollkur oder absolute Freiheit?
So sehr Froment die Rollkur-Reiterei im Spitzensport ablehnt, so kritisch beurteilt sie auch die Halsring-Reiterei im Freizeitbereich. «Fehlt eine solide, gesunde Basisausbildung, ist Reiten für das Pferd immer schädlich. Pferde, die mit hochgestreckter Nase am Halsring durch die Gegend zotteln, leiden mindestens genauso wie Pferde, die mit viel Druck die Nase auf die Brust gedrückt bekommen. Beide haben erloschene Augen.» Sie ist überzeugt: Die gute Mischung macht es aus. Die reelle Grundausbildung und Gymnastizierung des Pferdes ist für jede Leistungsstufe und Nutzung unentbehrlich. Sitzt diese Basis einwandfrei, sind der Zusammenarbeit zwischen Pferd und Mensch kaum Grenzen gesetzt.
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