Mit Gold hatte wohl niemand gerechnet an der Voltigier-Europameisterschaft der Junioren. Nicht einmal das Team Montmirail mit Mirjam Degiorgi an der Longe, das an der Preisverteilung über den Gewinn des EM-Titels fast ausflippte.
Mit sechs Mädchen und den drei Pferden Livanto CHA CH, Black Beauty und Calaro ist Longenführerin Mirjam Degiorgi nach Le Mans gereist. In Begleitung von Pferdebesitzern und Pferdepflegern, welche auch als Fahrer fungierten. Die Reise nach Le Mans und das vorangegangene intensive Training haben sich für das Team gelohnt. Anfang Juli waren sie noch in Aachen am Start gewesen, dann genossen die Voltis eine Woche Ferien. Die Pferde wurden ausgeritten, auf dem Viereck oder auf der Galoppbahn von der Trainerin gearbeitet. Dann aber war die Ferienzeit vorbei: Auf eine Woche mit leichtem Training folgte ein Trainingslager mit dem ganzen Club. «Wir arbeiteten vor allem am physischen Aufbau mit Schwerpunkt auf der Technik in der Pflicht. Und am Ende der Woche hielten wir eine für uns wichtige Standortbestimmung mit Nicolas Andreani ab», erzählt Mirjam Degiorgi. Anfang August ging das Training mit viereinhalb Stunden pro Tag weiter. Sybille Römer, die auch als Einzelvoltigiererin am Start war, trainierte zwei Stunden zusätzlich zum Gruppentraining. Grundlage der Übungseinheiten war ein Movietraining mit anschliessendem Pferdetraining. «Ich habe das Glück, fünf S-Pferde zu haben, die ich in dieser Woche für das Team einsetzen konnte. So musste jedes Pferd nur zwei-, dreimal in der Woche im Voltige laufen», ergänzt die Longenführerin.
Livanto, das grosse Baby
An der EM setzte das Neuenburger Team auf den 10-jährigen Schweizer Warmblüter Livanto CHA CH, welcher für den Voltige-Sport den geforderten angenehmen und regelmässigen Galopp bietet und natürlich über das entsprechende Gleichgewicht verfügt. «Livanto ist unser grosses Baby, denn er hängt sehr an seinen Pferdekollegen und geht nicht gerne ohne sie in die Arena. Deshalb beginnt er die Vorführungen auch immer mit einem sehnsüchtigen Wiehern», schmunzelt Mirjam Degiorgi über ihr Gold-Pferd. Den braunen Wallach bringe fast nichts aus der Ruhe, aber manchmal könne er auch etwas stur sein, beschreiben ihn die Voltis. Ihr Kürtenü haben sie selber gestaltet. Gekauft wurde das silberne Dress, die farbigen Tropfen darauf wurden aber von den Voltis in Eigenregie ausgeschnitten und befestigt.
Keine Sprachbarrieren
Montmirail ist die einzige zweisprachige Equipe. Die Hälfte der Mädchen spricht Französisch und die andere Deutsch. Für Sira Berghuis, Samira Garius, Laure Rochaix, Maude Rochaix, Sybille Römer, Carine Vidal und Leoni Ziegelmüller gibt es keine sprachlichen Hemmschwellen. «Die Besitzer, Pferdepfleger und ich sind bilingue und die Mädels haben in den letzten zwei Jahren gelernt, sich zu verständigen», erklärt Mirjam Degiorgi und lobt den Teamgeist der im Alter zwischen 11 und 17 Jahren stehenden Mädchen. Mit Freude repräsentieren sie die Symbiose von Eleganz, Gymnastik und Beziehung zum Pferd, welche für das Voltige nebst Teamwork bezeichnend ist. So setzte die Goldmedaille das Tüpfelchen auf das i und war nicht zuletzt ein wunderbares Geburtstagsgeschenk für die Longenführerin, welche einen Tag danach ihren 30. Geburtstag in Le Mans feiern konnte. Siege feiern konnte das Team schon vor Le Mans in Italien, Belgien, Bern und Uster, zudem hat es einen Vize-Schweizer-Meister-Titel auf seinem Konto.
Der grosse Tag
Da die Kür an der EM erst am Abend stattfand, konnte sich das Team einen ganzen Tag lang darauf vorbereiten. Die Trainerin bewegte am Vormittag alle drei Pferde, die Mädchen begannen sich langsam mit dem Frisieren und Schminken zu beschäftigen. «Das dauert immer ziemlich lange», lacht Mirjam Degiorgi. Am frühen Nachmittag war Ausruhen angesagt, dazu ertönte die Kürmusik. Ausgewählt hatte das Team mit «Haut les cœurs», also «Erhebt eure Herzen», einen überaus passenden Titel. Helfer und Longenführer absolvierten mit den Pferden einen Spaziergang und liessen diese noch etwas an der Hand grasen. Zwei, drei Stunden vor dem Start turnten die Voltis noch ein paar Mal das Kürprogramm auf dem Fass durch.
Für den grossen Moment war die Equipe rund um die Longenführerin in Hochform und voltigierte sich mit fehlerfreien Darbietungen ganz nach vorne. In zwei Kürvorführungen – Musik und Kür wurden mit dem Deutschen Daniel Kaiser zusammengeschnitten und aufgebaut – holte sich das Team über 8 Punkte und schloss die drei Umgänge mit einer Note von 7,61 Punkten ab. Bei der Rangverkündigung brach ein Riesenjubel aus. «Wir sind bei der Rangverkündigung ausgeflippt, so kann man das im Nachhinein sagen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, eine sehr emotionale Stimmung und wir waren alle einfach nur happy», erinnert sich Mirjam Degiorgi an die bewegenden Momente, als der Druck wich und die Freude aufkam.
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