Stolze 23 Jahre alt ist der charmante dunkelbraune Wallach Leando CH, der seit zwölf Jahren in der Reitschule des Nationalen Pferdezentrums (NPZ) Bern treue Dienste leistet und schon so manches Mädchenherz im Sturm erobert und Vertrauen zu den Pferden geschaffen hat. Das zählt viel, denn als die kleine Gruppe junger Reiterinnen nach dem Unterricht aus der Reithalle kommt, grollt der Donner – ein Gewitter zieht auf. Doch die zierliche Amazone auf dem Rücken von Leando CH braucht sich nicht zu fürchten: Mit ruhigen, zielstrebigen Schritten geht der rüstige Senior zur Schwemme, wo sich die Schulpferde nach der Anstrengung im bauchtiefen Wasser abkühlen können.
Dass der sportliche Schweizer Wallach einmal ein beliebtes und verlässliches Schulpferd werden würde, hätte niemand gedacht, als er 1993 als munteres Fohlen und Zukunftshoffnung für den Springsport zur Welt kam. Als Jungpferd fasste Leando CH schnell Fuss im Sport und bestritt mit seinem Reiter Simon Lepori, der ihn selbst angeritten und mit ihm die Bereiterprüfung abgelegt hatte, Spring- und Dressurturniere sowie kombinierte Prüfungen. Mit seinem Kampfgeist und Siegeswillen hätte er es wohl weit gebracht, wenn nicht eine Verletzung seiner Sportkarriere ein Ende gesetzt hätte.
So führte ihn sein Weg in die Reitschule des NPZ, wo er von Anfängern und fortgeschrittenen Reitern gleichermassen geschätzt wird. Unzählige Reitschüler hat er durch Brevetprüfungen und Silbertests getragen, denn noch heute weiss der schlaue Perfektionist, wann es ernst gilt, und zeigt sich dann von seiner besten Seite.
Neben der Reitschule ist Leando CH auch in der Kavallerie Bereitermusik Bern im Einsatz und durfte letztes Jahr mit seinen Musikanten sogar am Schwingfest dabei sein. Leando CH hat nicht nur Nerven aus Stahl, sondern auch ein kluges Köpfchen. So hat er im Rahmen von Kaderschulungen schon die Managementkompetenzen von so manchem Abteilungsleiter auf die Probe gestellt.
Als ob das nicht schon Abwechslung genug wäre, geniesst Leando CH am Wochenende entspannte Ausritte durch den Wald. Zudem darf er wie alle seine Pferdefreunde aus der Reitschule im NPZ jeden Tag auf die Weide oder den Paddock. Und wenn er mit einem sattelfesten Reitschüler zwischendurch über die Sandbahn flitzen darf, fühlt er sich gleich 20 Jahre jünger und vollführt gerne den einen oder anderen Freudensprung.
Am schönsten aber ist, dass sich Leando CH keine Sorgen machen muss um seinen Ruhestand. Wenn der Tag gekommen ist, an dem er seinen Dienst im NPZ quittiert, darf er sich seinen Kumpel auf der Altersweide anschliessen. Eine tolle Perspektive, die dank der grosszügigen Spenden und des unermüdlichen Einsatzes von Reitschülern und Freunden der Reitschule des NPZ möglich wird.
Nicht weniger wichtig als feine Schulpferde sind Reitschulen, um den Zugang zum Pferd überhaupt aufbauen zu können. Nur wer in den Pferdesport hineingeboren wird (etwa 40%), hat es einfach, sich in den Sattel oder auf den Kutschbock zu setzen. Muss man ohne dieses Privileg auskommen, ist es bedeutend schwieriger, sich seinen Freizeitwunsch Pferde erfüllen zu können. Reitschulen mit stundenweise zur Verfügung stehenden Schulpferden bilden den wichtigsten Zugangsweg zum Pferdesport, streicht Katharina Wiegand im kürzlich erschienenen Buch «Die deutsche Pferdewirtschaft» heraus. Eindringlich fordert sie: «Die gesamte Branche – vom Pferdezüchter über den Verbandsfunktionär bis hin zum Stallbauunternehmer – sollte sich dafür einsetzen, dass ein möglichst flächendeckendes und zeitgemässes Angebot an Reitmöglichkeiten für Einsteiger besteht.» Gut zwei Drittel machten ihre ersten Reiterfahrungen auf einem Schulpferd, ist das Resultat einer Befragung in Deutschland.
Wie aber kommt es, dass die Zahl der Reitschulen schweizweit rückläufig ist, wenn für zwei von drei Pferdesportlerinnen und -sportlern der Hippo-Einstieg auf Lehrpferden erfolgte? Müsste bei dieser Nachfrage nicht die Auslastung für eine sichere Rentabilität gegeben sein? Offenbar nicht, florierende Geschäftszweige verschwinden nicht, sondern nehmen normalerweise zu. Ein Grund für den Rückgang liegt zweifellos in der Raumplanung, die professionell geführte Reitschulen auf (zu) teuren Boden in der Gewerbe- oder einer Spezialzone zuweist. In Anbetracht der Tatsache, dass Reitschulen der wichtigste Zugangsweg für neue Pferdesportlerinnen und -sportler sind, wird sich die Branche vermehrt darum kümmern müssen, wie und wo sich ihre Zielgruppe finden und zum Reitsport führen lässt. Nebst den einschränkenden Zonenvorschriften sind weitere Faktoren wie der demografische Wandel in der Bevölkerung oder die Konkurrenz durch andere Freizeitaktivitäten ausschlaggebend. Wo immer aber nach Pferdesportbegeisterten gesucht wird – die Mehrheit von ihnen wird auf Schulpferde angewiesen sein. Ihnen gehört die Zukunft.
Die besten Pferde sind gerade gut genug als Schulpferde
Nur die besten Pferde sind gerade gut genug, Schulpferde zu sein, rief der verstorbene Reitmeister Egon von Neindorff immer wieder in Erinnerung. Er wusste, wovon er sprach: In seinem Reitinstitut in Karlsruhe standen bis zu 70 Pferde, eine ganze Reihe davon ausgebildet bis Stufe Grand Prix. Mit Schulpferden und ihren Ausbildern hat sich in Deutschland kürzlich eine Seminarreihe auseinandergesetzt. Einer der Referenten war Rolf Petruschke, langjähriger Leiter der Reitschule im Landgestüt Dillenburg. Er weiss den Wert von Schulpferden einzuschätzen: «Für mich waren und sind Schulpferde ein ganz, ganz kostbares Gut. Für einen Trainer ist es die grosse Kunst, Schulpferde bei Laune zu halten. Denn sie müssen viele verschiedene Reiter tragen und manchmal auch ertragen und sie absolvieren als Lehrpferde ein ganz anderes Pensum als manches Privatpferd. Dadurch laufen sie schnell Gefahr, sich mental zu verabschieden. In der Verantwortung eines Schulpferde-Ausbilders liegt es daher auch, das Pferd motiviert und mental gesund zu erhalten. Dazu gehört ein ganzes Paket rund um das richtige Handling der Lehrpferde, es geht um Ausgleich, Koppelgang, Korrekturberitt und mehr. Um Schulpferde motiviert zu halten, braucht es erstens vielseitige Arbeit, zweitens artgerechte Haltung und drittens gute Qualität.»
Pony: Ponys – das Beste für Kinder
Reitschulen mit Ponys haben vor 20 Jahren praktisch komplett gefehlt!», blickt Urs Schneider vom Ponyhof Bätterkinden zurück. Doch heute ist nicht nur dem Vorstandsmitglied von Swiss Horse Professionals klar, dass für Jugendliche der Einstieg in den Pferdesport am besten neben und auf Ponys abläuft. Was klein mit zwei, drei Ponys begonnen hatte, feierte dieser Tage als Ponyhof Bätterkinden mit 30 Ponys und zehn Pferden das 20-jährige Bestehen. Von den rund 250 Reitschülerinnen und -schülern kommen um die 40 zweimal wöchentlich auf den Hof, zehn sogar fast täglich. «Schön ist es, nach 20 Jahren auf Concoursplätzen zu sehen, wie viel ehemalige Reitschüler nun mit ihren eigenen Pferden an Prüfungen teilnehmen», sagt Schneider. Die ideelle Befriedigung nach getaner Arbeit ist jedoch nur ein Teil bei Reitschulen, die letztlich auch von Jahresabschlüssen mit schwarzen Zahlen leben. Es gehe gerade so, kommentiert Schneider die Wirtschaftlichkeit, der Betrieb müsse dazu gut organisiert und ausgelastet sein. «Hauptsache, du machst etwas, bietest eine gute Dienstleistung an, bist professionell, freundlich und zuverlässig», nennt er erfolg versprechende Grundsätze. Durchschnittlich haben seine Ponys täglich zwei Reitstunden während sechs Tagen pro Woche. Weniger läuft während der Schulferien, weil die Kinder ausser Haus und fern der Heimat sind. Konkurrenzdruck spüren Ponyreitschulen zudem verstärkt durch Hobbyhaltungen, die Kleinstreitschulen betreiben und den einen und andern Profibetrieb zur Aufgabe gezwungen haben.
Western: Vielseitigkeit lockt in den Westernsattel
von Karin Rohrer
Gut sieht es für Western-Reit-schulen in der Schweiz aus, denn die Nachfrage nach Western-Reitstunden steigt Jahr für Jahr leicht an. Der partnerschaftliche Ansatz zwischen Pferd und Reiter sowie die Vielseitigkeit der Westernreitweise und der Pferde zieht Ein- und Umsteiger an.
Wir verzeichnen eine stete Zunahme von Westernreitbetrieben in der Schweiz, entsprechend dem Wachstum unserer Sparte. Die Nachfrage ist da und die steigende Anzahl eidgenössisch anerkannter Berufsleute Fachrichtung Western ist sicherlich zukunftsweisend. Darüber hinaus haben wir viele mobile Trainer. Diese bilden bei den Kunden aus und erteilen Reitunterricht auf Anfrage», erklärt Felix Ruhier, Präsident der Swiss Western Riding Association (SWRA). In den letzten vier Jahren wurden durchschnittlich pro Jahr 15 Westernbrevetierungen mit 164 Teilnehmern durchgeführt (Quelle: Schweizerischer Verband für Pferdesport [SVPS]) und diese Brevet-Tendenz ist recht stabil. «Die SWRA ist als Schweizer Westernreitverband eine Anlaufstelle für Jugendliche und Erwachsene, die das Reiten im Westernsattel erlernen möchten, und gibt gerne Auskunft zu jeglichen Fragen rund um das Westernreiten. Auf der Homepage der SWRA ist zudem ein Trainerverzeichnis aufgeschaltet mit allen anerkannten Westerntrainern in der Schweiz», ergänzt Vorstandsmitglied Anja Livia Bolliger. Die SWRA möchte die Jugendlichen fördern und ihnen den Einstieg in die Westernturnierszene erleichtern. Deshalb werden Trainings bei versierten Ausbildern in den verschiedenen Westerndisziplinen organisiert.
Weitere Informationen: www.swra.ch
Jeden Donnerstagabend erhalten Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten
ausgewählte Artikel sowie die nächsten Veranstaltungen bequem per E-Mail geliefert.