Mit den drei Springreitern Daniel Deusser, Ludger Beerbaum und Marcus Ehning unter den ersten vier gab Deutschland im Jahr der Weltreiterspiele, die vom 23. August bis 7. September in der Normandie stattfinden, am Weltcupfinal in Lyon ein starkes Statement ab. Beeindruckend zeigten sich auch die US-Amerikaner, die mit Vorjahressiegerin Beezie Madden (Rang 7), McLain Ward (Rang 9) und Charlie Jayne (Rang 10) drei Reiter in die Top Ten klassierten. Eine böse Schlappe mussten die Franzosen hinnehmen: Als bester Reiter platzierte sich Kevin Staut auf Rang 21. Auch wenn die beiden Schweizer Teilnehmer ihre individuellen Ziele klar verfehlten, schnitten sie mit Rang 5 und 8 inmitten der Weltspitze mehr als achtbar ab. Das fand auch der abtretende Equipenchef Urs Grünig, der in Lyon seinen letzten Einsatz hatte: «Natürlich hatten wir nach der guten Ausgangslage mehr erwartet – aber zwei Reiter unter den ersten acht sind ein sehr gutes Ergebnis.»
Doch während sich die Dinge im Springsport sehr schnell ändern können – noch im vergangenen Jahr erlebten die Deutschen beim Weltcupfinal in Göteborg ein wahres Desaster und brachten keinen ihrer vier Reiter in die Schlussrunde –, ist die Ausgangslage in der Dressur zurzeit so klar wie schon lange nicht mehr: Zwei Paare dominieren den Sport, die Britin Charlotte Dujardin mit Valegro und die Deutsche Helen Langehanenberg mit Damon Hill – wobei nach Ansicht der Richter die Erstere klar überlegen ist. Sollte sich keines der beiden Pferde verletzen und keine der beiden Reiterinnen aus dem Sattel fallen, müssen die beiden in der Normandie ihre Gold- und Silbermedaille nur noch abholen.
Planmässiger Beginn
Für die beiden Schweizer Teilnehmer am 36. Weltcupfinal der Springreiter hatte alles so gut und planmässig angefangen: Nach der ersten Wertungsprüfung, dem Jagdspringen, übernahm Pius Schwizer im Sattel von Quidam du Vivier die Führung und nur wenig dahinter lag Steve Guerdat mit seinem Olympiasieger-Pferd Nino des Buissonnets auf Rang 4. Sowohl Pius Schwizer als auch Steve Guerdat erklärten im Vorfeld den Sieg zum Ziel. Das klingt ambitioniert, hatte aber angesichts der bisherigen Resultate seine Berechtigung: Steve Guerdat war in den beiden Vorjahren jeweils Zweiter geworden, Pius Schwizer war am Final 2010 und 2012 Zweiter und Dritter. Beide hatten ihr ganzes Management auf den Abschluss der Hallenspringsaison 2013/2014 ausgerichtet. Nino genoss volle acht Wochen Pause, in denen er nur im Schritt geritten wurde. Die Taktik schien aufzugehen: Nach dem zweiten Tag in Lyon übernahm Guerdat die Führung im Zwischenklassement.
0,5 Punkte sind nicht nichts
Allerdings lag er dort nicht allein, wie Steve Guerdat nach seinem Ritt mit einem ungläubigen Blick auf den Monitor feststellte. «Wie kann das sein?», rief er seinem Trainer Thomas Fuchs zu. Denn er musste sich die Führung mit dem Franzosen Patrice Delaveau teilen, der mit seinem fantastisch springenden Lacrimoso HDC, einem zehnjährigen Holsteiner v. Landjunge, zuvor die Ränge 2 und 5 belegt hatte. Nach Rangpunkten lag Delaveau damit einen ganzen Punkt hinter Steve Guerdat zurück – weil dieser aber bei der Umrechnung in Strafpunkte abgerundet wurde, fand sich Delaveau zusammen mit Steve Guerdat in der Leaderposition. «Das war schon immer so, seit der Weltcup eingeführt wurde», rechtfertigte sich FEI-Jumping-Director John Roche auf Nachfragen und geriet beim Erklären des Modus, der nur beim Weltcupfinal gilt und eine komplizierte Rechnerei ergibt, selber ins Stocken.
Abgesehen davon, dass ein solcher Modus nicht sonderlich publikumsfreundlich ist, ist es auch fraglich, ob er fair ist: Im Springsport ist die Spitze in den vergangenen Jahren so eng geworden und liegt so dicht beieinander, dass grosszügige Abrundungen wie nach geltendem Reglement das Bild verfälschen. Bei Delavau waren es 0,5 Punkte, die abgerundet wurden – bei der herrschenden Leistungsdichte sind diese 0,5 Punkte aber nicht nichts. Die Entrüstung hielt sich zwar in Grenzen, die Franzosen freuten sich über die Co-Führung und niemand wollte den Gastgebern diese Freude trüben. Doch das wäre wohl anders gewesen, hätte es am Schluss des Weltcupfinals eine Entscheidung zwischen Guerdat und Delaveau gegeben. Doch dazu sollte es nicht kommen: Patrice Delaveau musste am nächsten Morgen sein verletztes Pferd aus dem Wettbewerb nehmen.
Verärgerte Teilnehmer:
21 im Stechen
Nicht nur der Modus, auch die zweite Wertungsprüfung selber sorgte vor Ort für Diskussionen. Parcoursbauer Frank Rothenberger hatte mit zehn fehlerfreien Runden gerechnet, weil ihm aber nicht gestattet wurde – wie das sonst üblich ist –, nach den ersten drei Reitern die erlaubte Höchstzeit im Parcours nach unten zu korrigieren, bummelten die Reiter über den relativ einfachen Kurs: 21 von 38 Startenden blieben ohne Fehler. Das Stechen wurde quasi ein zweiter tempoforcierter Umgang. Bei der anschlies-senden Pressekonferenz machte Frank Rothenberger seinem Ärger Luft und griff die FEI-Funktionäre an, die aber gemäss John Roche «nur eine geltende Regelung strenger handhabten». «Aber muss das ausgerechnet das erste Mal bei einem Weltcupfinal der Fall sein?», enervierte sich Steve Guerdat, der als Führender ebenfalls auf dem Podium sass. «Der Parcoursbauer muss für den Parcours verantwortlich sein, das ist sein Job und nicht der Job von irgendwelchen FEI-Funktionären», wurde der Olympiasieger noch deutlicher. Für die Pferde, so sagte Guerdat, sei es besser, wenn sie durch eine knapp bemessene Zeit von Anfang an etwas schneller gehen können, die Hindernisse aber dafür weniger hoch und breit wären. Für diese klaren Worte erhielt der 31-jährige Jurassier viel Anerkennung von seinen Reiterkollegen – und die «Neue Zürcher Zeitung» titelte auf ihrem Online-Portal: «Guerdat im und neben dem Sattel ein Leader.»
Toulago, ein Versprechen
für die Zukunft
Sein Teamkollege Pius Schwizer war eines der «Opfer», die das Stechen in der zweiten Wertungsprüfung gefordert hatte: Toulago, das jüngste Pferd im Starterfeld, hatte im Stechen einen Abwurf. Schwizer konnte sich vorerst in der Zwischenrangliste auf Platz 4 halten. Am Finaltag fiel dann in beiden Umgängen eine weitere Stange. Mit dem 8. Schlussrang war Pius Schwizer trotzdem zufrieden: «Das war eine gute Vorbereitung auf die Weltreiterspiele.»
Um an diesem erstklassig besetzten Weltcupfinal auf das Treppchen zu steigen, benötigte es ein fehlerfreies Konto und damit insgesamt fünf Runden ohne Abwurf. In Führung liegend, musste Steve Guerdat nach einem Abwurf in beiden Umgängen seine Titelambitionen begraben und mit Rang 5 vorliebnehmen. Er war dementsprechend enttäuscht und meinte nur lakonisch: «Die anderen waren heute halt besser.» Damit meinte er vor allem die deutschen Springreiter, die gleich zu dritt an ihm vorbeizogen. Den Sieg holte sich der 32-jährige Daniel Deusser, der sich im Sattel des elfjährigen Cornet-Obolensky-Sohns Cornet d’Amour in tadelloser Manier nach vorne gearbeitet hatte.
Im Jahre 2007 war Deusser, der zu dieser Zeit für Jan Tops ritt, schon mal beim Weltcupfinal aufgefallen, als er in Las Vegas Zweiter hinter Beat Mändli wurde. Auf diesen Erfolg folgte eine Schlammschlacht: Sein Pferd Air -Jordan Z war damals positiv auf Reserpine getestet worden. Offenbar vermochte sich Deusser dazu zu erklären. Die FEI hatte das Dopingverfahren gegen ihn eingestellt, der deutsche Reitsportverband aber hatte ihm die Jahreslizenz verweigert, was der Reiter vor Gericht anfocht. Doch diese alten Geschichten sind vergangen und vergessen und die Deutschen feierten ihren Triumph. Dieser wurde vervollständigt mit Rang 2 für den Altmeister Ludger Beerbaum mit Chaman und Chiara sowie Marcus Ehning mit Corradina auf Rang 4, die beide ebenfalls in allen fünf Runden ohne Abwurf blieben. Dazwischen schob sich auf Rang 3 die aktuelle Welt-Nr. 1 der Springreiter, der Brite Scott Brash mit der 13-jährigen Ursula XII.
Rang 14 für Marcela Krinke Susmelj
Zum zweiten Mal in Folge hatte sich die Luzernerin Marcela Krinke Susmelj für den Final qualifiziert – was an und für sich schon ein Erfolg ist, gelang das doch vor ihr über zehn Jahre lang keinem Dressurreiter aus der Schweiz mehr. Dieses Jahr ritt sie den noch unerfahrenen 13-jährigen Smeyers Lazander. Im Grand Prix zeigte sich Lazander beeindruckt von der Kulisse. Das führte zu vermeidbaren Fehlern. Seine routinierte Reiterin blieb ruhig, sodass sich der elegante Fuchs im Verlauf des Programms wieder auffing, trotzdem blieb das Paar mit 67,743 Prozentpunkten unter den Erwartungen. In der Kür lief es dann deutlich besser. Das Publikum hatte sichtbar Freude an der Musik – Passagen aus dem Lied «Applaus, Applaus» der Sportfreunde Stiller hatte Marcel Krinke Susmelj sogar extra auf Französisch übersetzen und neu einspielen lassen. Doch mit 69,857 reichte es wieder nicht über die angestrebte 70er-Marke und auch der 14. Schlussrang entsprach nicht ihren Vorstellungen.
Im Weltcupfinal Dressur war Helen Langehanenberg als Titelverteidigerin gesetzt und die amtierende Olympiasiegerin und Europameisterin Dujardin bekam eine Wildcard. Sie bedankte sich dafür, indem sie bereits in der ersten Wertungsprüfung, dem Grand Prix, einen neuen Rekord aufstellte: 87,129 Prozentpunkte gab es für die 28-jährige Britin und den Negro-Sohn, der mit sensationellen Einer- und Zweierwechseln und mit traumhaft schönen Piaffen punktete – zumal die Piaffen seit diesem Jahr zweifach bewertet werden. In der Kür waren es dann 92,179 Prozentpunkte, das zweithöchste je erzielte Kür-Ergebnis, das höchste hatte Dujardin selber mit 93,975 in Amsterdam erzielt. Doch auch ein «Weltrekordler» wie Valegro ist nicht ganz perfekt, im starken Schritt übertritt er kaum einen Huf breit und in der Passage verliert er gerne mal den Takt. Langehanenbergs Damon Hill, der über die besten Grundgangarten aller Pferde im Teilnehmerfeld verfügt, zeigte sich in der Form seines Lebens. Allerdings unterliefen dem eleganten Paar, bei dem alles locker und leicht aussieht, ungewöhnlich viele kleine Patzer. «Wir haben schon lange nicht mehr so viele Fehler gemacht wie heute – aber wir sind eben beide auch nur Menschen», sagte die Deutsche nach ihrem Ritt. Dujardin und Valegro hingegen blieben in der Kür fast fehlerfrei. Unbestritten war in Lyon auch Rang 3, der sowohl im Grand Prix als auch in der Kür an den Holländer Edward Gal mit Glock’s Undercover ging.
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