Herr Erni, es ist noch nicht einmal elf Uhr morgens, und Sie kommen soeben aus dem Atelier. Arbeiten Sie immer noch jeden Tag?
Hans Erni: Wenn man nicht weiss, wie viele Tage einem bleiben, muss man früh aufstehen. Um acht Uhr frühstücke ich normalerweise und anschliessend gehe ich ins Atelier. Ich habe so viele Aufgaben, Aufgaben von aussen und solche, die ich mir selbst stelle, dass ich genügend Arbeit hätte für die nächsten 100 Jahre. Eben habe ich ein Plakat zum «Jahr des Waldes» fertiggestellt, welches vermutlich in der ganzen Schweiz zu sehen sein wird.
Für wen haben Sie dieses Plakat kreiert?
Ach, das müssen Sie meine Frau fragen. Für mich ist es nicht wichtig, woher der Auftrag kommt. Ich male ausschliesslich das, was mir selbst auch als eine Notwendigkeit erscheint.
Hier in Ihrem Wohnzimmer sieht man überall Pferde: Ein Mosaik ziert die Wand hinter Ihnen, ein Pferdebild halten Sie in der Hand, und gleich neben der Tür steht eine kleine Pferdeplastik. Können Sie eigentlich reiten, Herr Erni?
Nein. Das heisst, doch, reiten kann ich, aber keine Pferde. Während meiner Zeit in Afrika habe ich viele Jahre Kamele geritten. Damals hatte ich einen Ethnographen in die Wüste begleitet, um für ihn zu zeichnen. Da bin ich viel geritten.
Ein Pferd wollten Sie aber nie reiten?
Das ist keine Frage des Willens. Reiten war für mich einfach stets ein Sport für die Privilegierten. Ich zog es für mich deshalb gar nie in Betracht. Wissen über die Anatomie dieser Tiere angeeignet, welches meine Malerei sehr beeinflusst hat. Zudem verbrachte ich als Kind auch viel Zeit beim benachbarten Hufschmied und schaute ihm bei der Arbeit zu.
Sie sind ein Künstler, der zu Umweltthemen malt, den Menschenrechten oder zum Frieden. In ihren Bildern steckt oft eine Botschaft. Welche verbirgt sich hinter dem Sujet Pferd?
Das Pferd spielt in der Mythologie eine ganz grosse Rolle. Das Pferd hat etwas, das dem Menschen fehlt: die mythische Kraft. In der Mythologie ist das Pferd der Erbringer des Glücks der Menschen. Es steht für die Beziehung der Erde mit dem mythologischen Himmel. Das Pferd war daher immer ein Mittel, um das Verhalten des Menschen zur Natur darzustellen. Wenn das Pferd den Boden berührt, entsteht nach der Mythologie eine Lebensquelle. Aber das Pferd kann man auch anders betrachten. So spielt das Pferd eine tragende Rolle bei grossen Feldherren, zum Beispiel Alexander. Dieser hatte zu seinem Pferd Bukephalos eine tiefe Beziehung, die sich mit jener zweier Menschen vergleichen lässt. Sein Pferd half ihm, Kriege zu führen, trug und führte ihn und gab ihm Sicherheit. Und dank des Pferdes hob er sich von seinen Soldaten ab, er stand über ihnen. Alle diese Bilder gehören zur Idee des Pferdes. Darin zeigt sich die Schönheit dieser Beziehung von Mensch und Tier. Da sieht man die Noblesse dieses Tieres.
Wie sind Sie denn zum Pferd gekommen?
Während des Ersten Weltkrieges musste ich als Kind einer achtköpfigen Familie immer zu meinen Verwandten aufs Land ziehen und bei der Apfel- und Birnenernte helfen. Zu dieser Zeit war das Essen knapp, und wir waren froh um die Rucksäcke voller Äpfel und Birnen, die wir dann nach Hause bringen konnten. Gleichzeitig durften wir uns auf dem Bauernhof auch um die Tiere kümmern, Pferde und Kühe striegeln und putzen. Da habe ich mir auch mein.
Das Pferd ist für Sie also Symbol für eine Beziehung von Mensch und Tier auf Augenhöhe?
Ja, das würde ich so sagen. Aber man muss das Pferd auch als Teil des Ganzen sehen. Der Mensch hat die Pflicht, jedem Tier, sei dies ein Vögelchen oder ein Pferd, mit Respekt zu begegnen und es als Teil seiner Identität zu betrachten.
Was meinen Sie mit «Teil der Identität»?
Bei der Natur sehen wir, wie alles kommt und geht. Der Mensch muss wieder lernen zu erkennen, so wie es die Natur vorlebt, dass er in diese Welt geboren wird und irgendwann auch wieder geht. Er ist Teil dieses wunderschönen Werdegangs der Welt.
Sie sind eben 102 Jahre alt geworden, denken Sie da auch an ihr persönliches «Weggehen»?
Ich denke nicht gerne an die wenigen Jahre und Tage, die mir bleiben. Aber egal, ob der Mensch beerdigt oder kremiert wird: In allen Fällen hinterlässt er etwas. Nicht nur die Asche, sondern all das, was er seit seiner Geburt bis zu seinem Ende gemacht hat. Und um auf die Pferde zurückzukommen: Dank meiner guten Beziehung zu den Pferden sind Werke entstanden. Und diese Bilder wiederum haben für einen anderen Menschen, der sonst nichts mit den Pferden zu tun hatte, das Pferdeleben, die Schönheit, diese Dynamik erlebbar gemacht. Dies ist mein Beitrag an das Leben. Und wenn man das so sieht, braucht man sich nicht davor zu fürchten, einmal nicht mehr da zu sein. Das ist der natürliche Zyklus des Lebens.
Malen Sie heute immer noch Pferde?
Ja, ich male immer wieder Pferde. Denn das Pferd ist nicht einfach nur schön. Es ist weit mehr, nämlich ein Muster an Dynamik. Ein wunderbares Wechselspiel von Muskeln und Knochen. Wenn Sie einmal den hinteren Schenkel eines Pferdes betrachten und spüren, dass sich das Tier auf diesem Hinterbein bäumen kann, so dass man das ganze Muskelspiel sieht, dann ist das doch die reine Freude!
Wenn Sie Pferde zeichnen, gehen Sie da noch in einen Stall und beobachten ein bestimmtes Tier, oder entstehen diese Bilder ausschliesslich in ihrem Atelier?
Immer wieder beobachte ich Pferde in der Natur und mache dazu meine Skizzen. Die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu sehen, inspiriert mich zu neuen Kompositionen.
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