Einmal Schnalzen genügt und Astarnia trabt brav an der Longe an. Mit einem zufriedenen Gefühl lasse ich meine Stute ein paar Runden drehen und denke dabei an all die Dinge, welche wir zwei schon erreicht haben. Vor anderthalb Jahren, als ich meine braune Warmblutstute gekauft habe, war sie sozusagen ein Rohdiamant. Sämtliche Befehle und Hilfen, die man ihr gab, kannte die Viereinhalbjährige noch nicht. Heute, als Sechsjährige, weiss Astarnia schon so einiges, unter anderem, dass man brav stehen bleibt, wenn der Reiter aufsteigen möchte. Aber nicht nur meine Astarnia hat einiges gelernt. Auch ich bin in den letzten bald zwei Jahren um manche Erfahrung reicher geworden. Leicht war es allerdings nicht immer. Angefangen hat alles im Dezember 2009. Damals stand Astarnia bei Landwirt und Pferdezüchter Andreas Zindel in Maienfeld. Dort sah ich sie zum ersten Mal und nach einigen Ausritten wusste ich genau: Dieses Pferd möchte ich kaufen. Aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirt, oder in diesem Fall ohne den Pferdezüchter Zindel, gemacht. Seine Vorstellung, wie viel Astarnia wert war, wich weit davon ab, wie viel ich bereit war zu bezahlen. Dass ich mit dem von mir geschätzten Betrag nicht grob danebenlag, bestätigte mir später ein Tierarzt. Dieser führte den Ankaufuntersuch durch und konnte so den Wert der kerngesunden Stute einschätzen. Einige Verhandlungsgespräche später hielt ich im März stolz die Quittung meines Pferdekaufs in den Händen. Aber ich ahnte, dass meine Durchsetzungskraft noch einige Male gefragt sein würde.
Der Kontostand wird kleiner …
Denn mit dem Kauf fing die grosse Aufregung erst an. Als Pferdebesitzerin hatte ich nun diverse weitreichende Entscheidungen zu treffen. Wo stelle ich Astarnia ein? Wer hilft mir mit der Ausbildung? Welche Ausrüstung soll ich kaufen? Um nur einige Fragen aufzuführen. Am Ende dieser Liste gab es nur eines: handeln. Als erstes suchte ich für Astarnia ein schönes Zuhause. Kein Problem, dachte ich. Immerhin bessert sich bei uns in der Gegend fast jeder Bauer seinen Lohn mit ein paar Pensionären auf. Freie Plätze gab es da sicher genug. So war es tatsächlich, aber die wenigsten Ställe genügten meinen Ansprüchen. Da Astarnia noch mitten in der Ausbildung war, brauchten wir eine Halle in Stallnähe. Schliesslich fand ich einen geeigneten Ort in Chur. Bitter an dieser Lösung war für mich allerdings die monatliche Miete von 900 Franken. Wer im Sommer die Weide nutzen wollte, musste gar mit 1000 Franken rechnen. Das eigene Pferd – eine kostspielige Angelegenheit. Denn nun kamen weitere Anschaffungen auf mich zu wie beispielsweise Sattel und Zaum. Wann aber stimmen Preis und Leistung überein? Ich fühlte mich bisweilen wie im Dschungel und hatte absolut keine Ahnung, worauf ich bei der Materialanschaffung achten sollte. Schliesslich fand ich mich mit vielen guten Tipps von bekannten Pferdebesitzern im Dickicht der Angebote zurecht und traf meine Auswahl. Ist die Ausrüstung für Ross und Reiter komplett, sollte man vor allem dem Leder gut Sorge tragen. Denn die tägliche Abnützung stellt das Material auf eine harte Probe. Ein weiterer Punkt, der ins Geld geht, sind unerwartete Ereignisse. Als ich meine Stute kaufte, verschwendete ich keinen Gedanken daran, dass sie krank werden könnte. Bis es dann dummerweise soweit war. Sie hatte sich verletzt, ihre Wunde musste genäht werden. Im letzten halben Jahr habe ich somit rund 900 Franken für Tierarztkosten ausgegeben. Da mussten meine Rücklagen wohl oder übel daran glauben. Vor einem Pferdekauf braucht es deshalb einen genügend grossen Notgroschen.
Wie die Zeit doch vergeht!
Als Pferdebesitzer sollte man nicht nur ökonomisch begabt sein, auch Organisationstalent ist gefragt. Ersteres war noch nie sonderlich meine Stärke, aber organisieren und ein effizientes Zeitmanagement einhalten, das konnte ich. Dachte ich zumindest. Denn auch da hatte ich die Situation gründlich unterschätzt. Seit ich meine Astarnia gekauft habe, bin ich unter der Woche kaum noch zu Hause. Nach der Arbeit fahre ich direkt in den Stall. Dort verbringe ich meine Abende mit Putzen, Reiten oder Longieren. Und auch wenn meine Stute einmal «frei» hat, schaue ich noch kurz bei ihr nach dem Rechten. Pferde sind nicht nur Heu- und Strohfresser, sie fressen auch Zeit. «Du bist immer so beschäftigt und hast kaum noch Zeit für uns», sagen mir meine Freunde manchmal. In solchen Momenten wird mir jeweils klar, was für eine grosse Verantwortung ich eingegangen bin. Beim Pferdekauf standen bei mir vor allem die Anfangskosten im Zentrum. Heute denke ich, dass der Zeitaufwand auf keinen Fall ausser Acht gelassen werden darf. Deshalb habe ich meine Astarnia inzwischen näher an mein Zuhause gebracht. Sie wohnt jetzt in Maienfeld auf einem Bauernhof mit angrenzender Reithalle. Nun kann ich mit dem Velo in wenigen Minuten in den Stall fahren.
Freude und Spass als Lohn
All die Mühen und Kosten sind schnell vergessen, wenn man für die Momente der Freude aufmerksam bleibt. Freudige Momente erleben Astarnia und ich beispielsweise, wenn wir zusammen ein Ziel erreichen. Denn mir solche zu setzen ist für mich genauso wichtig, wie Kosten und Zeitaufwand zu managen. Über die grundlegenden Ziele sollte man sich bereits vor dem Pferdekauf im Klaren sein. Rasse und Ausbildung bestimmen den vorläufigen Weg. Für mich war es von Beginn an klar, dass Astarnia nebst der Grundausbildung noch eine Ausbildung zum Springpferd erhalten sollte. Schon alleine ihre Abstammung und ihr leicht überbauter Körper machen sie zur geborenen Springerin. Als Springneuling suchte ich mir Hilfe und fand diese bei meinem Reitlehrer Ray Näpflin. Zudem konnte ich eine erfahrene Springreiterin als Reitbeteiligung gewinnen. Keine Selbstverständlichkeit. Denn eine zuverlässige und gute Reiterin, welche auf derselben Wellenlänge schwimmt, ist gar nicht so einfach zu finden. Aber auch dieser Aspekt gehört zum Pferdekauf. Immerhin will man sich die Arbeit, welche man in sein eigenes Pferd investiert, nicht von jemand anderem kaputt machen lassen. Seit einem halben Jahr ist meine Stute nun im Springtraining und meistert diese Aufgabe mit einer unerwarteten Leichtigkeit. Schaut man ihr zu, scheint es oft so, als ob sie vor lauter Freude lachte. Für mich allerdings bedeutet dieses Training wieder einen Mehraufwand an Kosten und Zeit. Aber nur ein beschäftigtes Pferd ist ausgeglichen und gesund. Somit standen die Investitionen in Dressur- und Springstunden für mich nie zur Diskussion. Meine Astarnia ist für mich wie ein «Miniprojekt» und ich kann mir ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. Zudem ist sie auch der Grund, warum ich viele neue Leute kennengelernt habe, und viele davon möchte ich nicht mehr missen.
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