Es sind keine schönen Bilder, welche die Zuschauer auf dem Abreitplatz des internationalen Dressurturniers in Hagen Ende April zu sehen bekommen. Mit roher Kraft, die Hände beinahe auf Hüfthöhe und mit zurückgelehntem Oberkörper, zieht Matthias Alexander Rath das Maul seines Hengstes Totilas auf die Brust. Rollkur in Reinkultur. Während 20 langen Minuten. Die Körpersprache und der Gesichtsausdruck von Totilas sagen nur eines: AUA! Dass auf diese Schmerzen zwei Siege folgen, dürfte den Hengst in diesem Moment wenig interessieren. Sind Sie schon mal 20 Minuten lang mit starr auf die Brust gesenktem Kinn rumgelaufen und haben dabei körperlich anstrengende Gymnastikübungen gemacht? Nein? Versuchen Sie es. Sie werden es keine 20 Minuten aushalten. Warum aber verlangen Reiter so etwas von ihren Pferden? Wie kommt es, dass Menschen, die sich Pferdefachleute und Profireiter nennen, so mit ihren Pferden arbeiten? Denn dass Rath nicht der Einzige ist, zeigt nicht nur die kleine Bildauswahl rechts. Das muss nicht sein! Totilas ist ein wunderbares Beispiel für ein Pferd, das für den Dressursport geboren ist. Der Hengst ist charismatisch, ausdrucksstark und liebt das Rampenlicht. Und dass er die körperlichen Voraussetzungen sowie das Talent für diesen Sport mitbringt, steht ausser Frage. Umso unverständlicher ist es, dass dieses Pferd – und auch alle anderen – mit solch rabiaten Mitteln trainiert werden. Denn aus medizinischer Sicht ist längst bewiesen, dass die Rollkur dem Pferdekörper einfach nur schadet. Auch ausbildungstechnisch ergibt sie keinen Sinn. Ein Pferd sucht Sicherheit und Komfort. Nutzt der Reiter diese eigentlich ganz einfache Tatsache, würde er sein Pferd, sobald es das Gewünschte gezeigt hat, belohnen. Worin die Belohnung bei der Rollkur besteht und wann sie stattfindet, ist nicht ersichtlich. Vielmehr wird mit dieser Methode das Pferd dazu gebracht, über Schmerzen und Demütigungen in die gewünschte Position zu gelangen. Denn einem Pferd in der Rollkurhaltung schmerzen nicht nur diverse Muskeln und fällt das Atmen schwer, es sieht in dieser starren Haltung auch kaum etwas. Für das Fluchttier Pferd eine Tortur und ein furchterregender Zustand. Die Grundlage dieser Art des Lernens ist damit Angst. Doch das kann nicht die Basis für eine respektvolle, auf Vertrauen basierende Zusammenarbeit sein, aus der sportliche Höchstleistungen hervorkommen sollen. Wer das Vertrauen von Pferden will, der kann es sich nicht durch Wissen und eine perfekte Technik alleine erarbeiten. Es braucht ebenso die Fähigkeit, auf natürliche Weise und authentisch die Führung übernehmen zu können und so dem Pferd Sicherheit zu bieten. Doch dafür müssen wir uns zuerst unseren eigenen Ängsten und Schwächen stellen. Wohl können wir versuchen, diese zu überspielen, aber ein Pferd, das ein Meister der Körpersprache ist, erkennt sie immer und fordert uns mit seinem Verhalten dazu auf, uns unseren Ängsten zu stellen. Das ist unangenehm, bisweilen sogar schmerzhaft. Und da der Mensch dazu neigt, Unangenehmes zu verdrängen und die Schuld lieber bei anderen zu suchen, ist der Weg zur Rollkur nicht mehr weit.

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